Eine gute Rede fängt nicht bei "Adam und Eva" an. (c) Getty Images / Spanishalex
Eine gute Rede fängt nicht bei "Adam und Eva" an. (c) Getty Images / Spanishalex
Redenschreiben

Fangen Sie nicht bei Adam und Eva an!

Welche Probleme und Stolperfallen lauern beim Redenschreiben? Regel eins: Nicht bei Adam und Eva anfangen.
Claudius Kroker

Vor einigen Wochen durfte ich Redenschreiber von Ministern und Ministerinnen schulen. Das war spannend, hat aber auch gezeigt, wo für Redenschreiber (nicht nur in der Politik) Probleme und Stolperfallen liegen.

Das fängt nicht selten schon bei der Zeitvorgabe an. In einem Fall sollte eine der Schulungs-Teilnehmerinnen für den Ministerpräsidenten eine Rede von 20 Minuten Dauer schreiben. Das ist nicht nur eine Zumutung fürs Publikum, sondern stellt auch die Rede-Lieferanten vor eine enorme Herausforderung: Was um Himmels Willen soll alles in den Text rein? Wie baue ich ihn auf? Und welche Botschaften und Appelle sollen am Ende der 20 Minuten beim Publikum hängenbleiben?

Der frühere Präsident des Verbands der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS), Vazrik Bazil, schreibt dazu in seinem Buch „Redemanagement in der Unternehmenskommunikation“:

„Fangen Sie nicht bei Adam und Eva an, denn bis Sie von der Sintflut und dem Auszug aus Ägypten über die Geburt Christi und die Schließung der Akademie in Athen bis zur Krönung von Otto dem Großen die Seiten des Geschichtsbuchs hurtig aufschlagen haben, hat sich Ihr Publikum schon in einem tiefen Schlaf wohlig gemacht.“

Lange Beiträge wirken ermüdend und langweilig

Yascha Mounk von der John Hopkins University in Washington warnte vor kurzem in der Zeit vor ermüdendem Monologisieren. Er habe hunderte Podiumsdiskussionen ertragen, „die meisten waren schrecklich langweilig“. Vorstellungen, Statements, Diskussionsbeiträge – sie sollten kurz sein. Dasselbe gilt für alle Formen von Reden.

Lange Reden haben oft den Nachteil, dass sie ermüdende Basics liefern, während die Zuhörer auf spannende Neuigkeiten warten. Es geht allerdings nicht darum – um mit Vazrik Bazil zu sprechen – Adam und Eva ganz wegzulassen. Es geht nur darum, nicht alles von Anbeginn an zu erzählen und chronologisch zu ordnen, sondern alles in eine sinnvolle Reihenfolge, logische Bezüge und nachvollziehbare Argumentationen zu bringen. Roter Faden und Textstruktur haben daher bei Reden immer eine besondere Bedeutung – und bedürfen entsprechender Beachtung.

Wiederholen der wichtigsten Keywords ausdrücklich erlaubt

Damit die Botschaft wirklich beim Empfänger ankommt, muss ich sie wiederholen. Hier unterscheiden sich zum Beispiel Fließtext und Rede. Denn ein gut zu lesender Text lebt vom gesunden Gebrauch passender Synonyme; Wiederholungen sind hier zu vermeiden. In der Rede ist es genau andersrum: Wiederholen der relevanten Begriffe ist hier wichtig. Zum Beispiel so:

„Politische Mitbestimmung findet nicht zu Hause auf dem Sofa statt. Echte Mit-Bestimmung setzt voraus, dass die Menschen sich informieren, dass sie diskutieren und dass sie sich aktiv einbringen in Debatten und Abstimmungen, in Ortsvereinen oder in hauptamtlichen oder ehrenamtlichen Gremien. Politische Mitbestimmung kann man nicht delegieren…“ 

Auch wichtig: Die Reihenfolge der Redner. Darauf haben Redenschreiber in der Regel keinen Einfluss, müssen aber beim Verfassen ihres Entwurfs genau wissen, wer vor und wer nach „ihrem“ Redner oder „ihrer“ Rednerin spricht. Wie Vazrik Bazil in seinem Buch schreibt, „wird eine Person positiv bewertet, wenn ihr eine negativ bewertete Person vorausgeht, und negativ, wenn sie auf eine positiv bewertete Person folgt“.

Das ist logisch, denn die Eindrücke bestimmen auch alles, was danach kommt. Mit einem Stück Linzer Torte im Mund wirkt jedes Obst sauer, das ich danach zu mir nehme. Da funktionieren die gustatorischen Geschmacksknospen genauso wie rhetorische Antennen.

Vorsicht beim Gebrauch von Floskeln

Beliebt in Reden sind Floskeln. Aber sind sie auch sinnvoll? Vazrik Bazil hält eine überschaubare Zahl höflichkeitshalber gewählter Floskeln für vertretbar: „Floskeln gehören zum Alltag. Höflichkeit kommt ohne sie nicht aus.“ Also darf man zu Beginn einer Rede ruhig mal sagen, dass man sich freut hier zu sein. Und dass man sich freut, dass so viele zum Vortrag gekommen sind – auch wenn man selbst in diesem Moment vielleicht viel lieber am Strand die Seele baumeln, im Fitness-Studio den Körper stählen oder auf dem Sofa abhängen lassen möge… Das darf das Publikum aber nicht wissen, sonst wird es mit dem positiven Eindruck nichts (siehe oben).

Nur übertreiben sollte man es mit den Floskeln nicht. Insbesondere sind solche wegzulassen, die nichtssagende Inhalte in ebenso nichtssagendes Wortgefasel fassen: Wir sind ja so innovativ, agieren so nachhaltig, sind mit allen verfügbaren Beinen gut aufgestellt, sehen die Zeichen der Zeit und stellen uns jeder Herausforderung. „Ohne jedes Wenn und Aber und mit dem vollsten kompletten Einsatz.“

Der Redenschreiber macht keine Rede

Die Kritik an solcherlei Geschwurbel ist nicht, dass es nicht gut gemeint wäre. Nein, es ist einfach nichtssagend, weil unkonkret. Es ist aber ein guter journalistischer Grundsatz, dass wir konkret schreiben und konkret sprechen. Denn nur Konkretes kann verstanden, eingeordnet und bewertet werden.

Aber was ist, wenn der Redner oder die Rednerin großen Wert auf wertlose Floskeln legt? Was, wenn sie sich nicht an das vorgeschlagene Skript halten, sondern in endloses Schwadronieren verfallen? Redenschreiber – in Politik, Wirtschaft, Kultur oder Wissenschaft gleichermaßen – sind da schnell am Ende ihrer Möglichkeiten. Werner Althoff, langjähriger Redenschreiber in der nordrhein-westfälischen Staatskanzlei, hat es einmal so formuliert: „Der Redenschreiber macht keine Rede. Die Rede macht der Redner.“ Das muss man als Redenschreiber auch aushalten können. Einziger Trost: Die Verantwortung für das Endergebnis, für die tatsächliche Rede, liegt eben auch bei den Rednern und nicht bei den Schreibern.

 

 

 
 


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