Rhetorik-Coach Alexander Ross analysiert für pressesprecher die persönliche Erklärung von Uli Hoeneß(c) Thinkstock/fffranz
Rhetorik-Coach Alexander Ross analysiert für pressesprecher die persönliche Erklärung von Uli Hoeneß(c) Thinkstock/fffranz

Entwaffnend und entlarvend

Nach der Ablehnung einer Revision und seinem Rücktritt hat Uli Hoeneß eine persönliche Erklärung veröffentlicht. Doch was steht zwischen den Zeilen? Eine Analyse von Rhetorik-Coach Alexander Ross.
Alexander Ross

„Die letzten Worte im Amt von mächtigen Menschen sind zugleich die ersten Worte der Geschichtsschreibung in eigener Sache. Bei starken Persönlichkeiten geben sie oft erstaunlich viel preis, während dagegen die charakterlosen Figuren ein letztes Mal offenbaren, wie sie wirklich sind: ignorant, verlogen, nachtragend – die ganze Spannweite von kleingeistig bis größenwahnsinnig tritt in solchen Abschiedsworten zutage. Manche werden durch ihre eigenen letzten Worte bis zur Kenntlichkeit entstellt.

Dies verhindern wollen Pressesprecher, Redenschreiber, Berater und Juristen, indem sie intensiv an solchen Worten feilen – und so klingt es dann auch oft. Doch der Moment des Abschieds ist für viele hochrangige Akteure zu einschneidend. Deshalb wollen viele ihre Gedanken, Gefühle und Motive auch selbst ausdrücken. Gerade beim Abschied gilt für viele Mächtige: Ich habe das letzte Wort, und es ist sogar von mir.

„Persönliche Erklärung“

Diese Überschrift kann man wörtlich nehmen. Oder für bare Münze, was dem Fall angemessener wäre. Was folgt, klingt wie Hoeneß pur. Hier sagt einer, was ihn bewegt.

„Nach Gesprächen mit meiner Familie…“

Eine der wenigen Floskeln, die den Schein wahren soll. Denn Uli Hoeneß kommt uns nicht vor wie ein Mensch, der eine Entscheidung abwägend mit anderen bespricht. Sondern er fällt sie, erklärt sie und steht dazu. Beim Zocken hat er wohl auch nicht vorher mit seiner Familie geredet. Nein, hier spricht ein Mensch, der braucht weniger einen Rat, was er tun soll. Sondern vor allem Beistand und Gefolgschaft bei dem, was er entschieden hat zu tun.

„…habe ich mich entschlossen, das Urteil anzunehmen.“

Auch hier zeigt der Manager Hoeneß keine Duldungsstarre, sondern Tatkraft. Mögen andere über ihn richten – es ist an ihm, das Urteil anzunehmen. Und es ist noch dramatischer, es nicht schweigend im Gerichtssaal anzunehmen, sondern dann, wenn man es will.

„Steuerangelegenheit“

Ja, ja, da war noch diese Angelegenheit. Hoeneß spricht über Millionenbeträge so locker wie Franz Beckenbauer über seine unehelichen Kinder. Angelegenheit? Es war ein Steuerstrafprozess, der Staat gegen Ulrich Hoeneß. Es fällt ihm doch immer noch schwer zu sagen, dass es darum ging.

„Ich habe meine Anwälte beauftragt…“

Wer andere dazu bringen kann, das zu tun, was er will, hat in der Abstufung die Wahl zwischen den Worten wie angewiesen – beauftragt – gebeten. Beauftragt ist die klare, aktive Sprache der Führungskraft, aber ohne die Hierarchie, die in ‚angewiesen’ steckt. Und doch nicht ganz eindeutig, denn beauftragt kann auch heißen: Die wollten in Revision gehen, aber ich nicht.

„Das entspricht meinem Verständnis von Anstand, Haltung und persönlicher Verantwortung.“

Man ist versucht zu ergänzen: Und die Taten entsprachen meinem Verständnis der Steuergesetze. Eine schwierige Passage, die indirekte Formulierung lässt die Substantive hohl klingen. Um so vieles stärker wäre hier der Tatmensch, der klare Worte spricht, etwa: „Ich sah mich immer als anständigen Menschen, und deshalb stehe ich auch ein für das, was ich getan habe.“ Denn das ist doch seine Botschaft: Auch wenn einige meiner Taten schlecht waren, so bin ich doch kein schlechter Mensch.

„Steuerhinterziehung war der Fehler meines Lebens. Den Konsequenzen dieses Fehlers stelle ich mich.“

Ein ungewöhnlicher Satzbau für einen aktiven Tatmenschen wie Hoeneß – und dennoch verständlich. Die harten Substantive Steuerhinterziehung und Konsequenzen stehen vorn, erst ganz hinten am Satzende kommt er selbst („meines Lebens“, „stelle ich mich“).

„Ich möchte damit Schaden von meinem Verein abwenden.“

Die zweite Floskel, denn der Schaden ist doch seit 2013 bereits da.

„Der FC Bayern München ist mein Lebenswerk und er wird es immer bleiben.“

Der FCB ist sein Leben – ja. Sein Lebenswerk – ja, auch. Aber seines ganz allein? „Der FC Bayern war mein Leben“- das wäre bei Hoeneß unrichtig, denn er hatte immer eine eigene Zukunft jenseits des Fußballs. Aufrichtig wären Worte wie „Der FC Bayern war die Liebe meines Lebens“, doch sei würden falsch verstanden. Viel mehr zeigen die Worte „ist mein Lebenswerk“ einen klaren Anspruch. Hoeneß spricht hier als Platzanweiser der Fußballgeschichte, er vergibt die Rückennummern für die letzten 20 Jahre für sich und allen anderen im FCB. Meine Prognose: Diese Formulierung aus Hoeneß’ Abschiedsworten dürfte in die Verlängerung gehen.

„Ich werde diesem großartigen Verein und seinen Menschen auf andere Weise verbunden bleiben solange ich lebe.“

Das ist die Coda seiner Schicksalssinfonie. Hier müsste Schluss sein. Es erzwingt eine Reaktion, ob Applaus oder Irritation. Der dann noch folgende Dank kommt sicher von Herzen, aber er wirkt wie um ein Haar vergessen und deshalb noch eben drangehängt. 

Was bleibt?

In seinen Worten ist Uli Hoeneß wie eine Figur in den Romanen von Tom Wolfe. Er ist wahrlich „A Man in full“ - groß beim Einsatz, mannhaft beim Verlieren. Sein Botschaft ist: Es waren nicht andere, die mich besiegt haben. Ich war es selbst, es war mein Fehler, der mich stürzen ließ. Ich gehe jetzt diesen Weg

 
 

ps/NEWS: Der Newsletter für PR-Profis

 

Ob wichtige Nachrichten, Hintergründe, Case Studies oder aktuelle Debatten: Mit den ps/NEWS erhalten Sie die wichtigsten Informationen der Kommunikationsbranche kostenlos in Ihre Mailbox.
 

CAPTCHA

This question is for testing whether or not you are a human visitor and to prevent automated spam submissions.



randbemerkung

Bitte achten Sie bei Ihren Beiträgen unsere Netiquette.

Das könnte Sie auch interessieren.

Klassische Pressearbeit allein reicht nicht mehr aus, um Vertrauen in politische Entscheidungen zu wecken. (c) Screenshot
Foto: Screenshot
Lesezeit 4 Min.
Essay

Die Politik braucht eine PR-Offensive

Hintergründe zu politischen Entscheidungen und Gesetzen kommen in der Berichterstattung häufig zu kurz. Die Bundesministerien sollten ihre Öffentlichkeitsarbeit intensivieren. Dass das notwendig ist, zeigt nicht zuletzt die Coronakrise. »weiterlesen
 
Das Stadion des 1. FC Köln. (c) Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0
Das Rheinenergie-Stadion in Köln. Foto: Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0
Gastbeitrag

Keine Vorzugsbehandlung, sondern eine faire Chance

Fußball-Kommunikation zielt ins Herz, nicht auf den Kopf. Man wird ja nicht aus rationalen Gründen Fan des 1. FC Köln. Fußball muss auch nicht um Aufmerksamkeit kämpfen, es sind eh alle Augen auf uns gerichtet. Beides unterscheidet unsere PR von jener in vielen anderen Branchen. Beides ist ein Privileg. »weiterlesen
 
80% der PR-Agenturen verzeichneten wegen der Corona-Krise Umsatzeinbußen. (c) GettyImages / Aitor Diago
Fast ein Drittel der PR-Agenturen will Personalabbau nicht ausschließen. (c) GettyImages / Aitor Diago
Meldung

Corona-Krise: 80% der PR-Agenturen mit Einbußen

Viele PR-Agenturen werden von der Corona-Krise hart getroffen. Mindestens ein Drittel schließt Personalabbau in den nächsten Monaten offenbar nicht aus. »weiterlesen
 
In der Corona-Krise ist eine schnelle und effiziente Kommunikation gefragt. (c) Unsplash / Glenn Carstens-Peters
Foto: Unsplash / Glenn Carstens-Peters
Gastbeitrag

Wie Online-PR in Corona-Zeiten aussehen sollte

Kaum ein Unternehmen war auf den Corona-Ausbruch und die anschließende Wirtschafts- und Gesundheitskrise vorbereitet. Gefragt ist jetzt eine schnelle und effiziente Kommunikation. »weiterlesen
 
Warum hat Deutsche Glasfaser die Agentur Storymachine beim "Heinsberg Protokoll" unterstützt? (c) Deutsche Glasfaser
Foto: Deutsche Glasfaser
Bericht

20.000 Euro für PR zur Heinsberg-Studie

Das Unternehmen Deutsche Glasfaser unterstützt die Öffentlichkeitsarbeit der Agentur Storymachine rund um das „Heinsberg Protokoll“. Warum? »weiterlesen
 
Die Agentur Storymachine hat sich mit ihrer Social-Media-Arbeit zur Heinsberg-Studie nicht mit Ruhm bekleckert. (c) Unsplash / De an Sun
Foto: Unsplash / De an Sun
Analyse

Keine Wissenschaft, keine PR, sondern Propaganda

Die Heinsberg-Studie generierte zunächst euphorische Schlagzeilen, dann Zweifel und zuletzt scharfe Kritik. Was ist passiert? »weiterlesen