Die Rede wird nicht am Schreibtisch fertiggestellt, sondern entsteht in dem Moment, da sie gehalten wird. (c) Getty Images/Neurobite
Die Rede wird nicht am Schreibtisch fertiggestellt, sondern entsteht in dem Moment, da sie gehalten wird. (c) Getty Images/Neurobite
Kolumne

Eine Rede ist keine Schreibe

Das wusste schon Altkanzler Helmut Schmidt. Unser Kolumnist über eine Schreibtischarbeit, die keine sein sollte.
Claudius Kroker

Zu den Aufgaben von Pressesprechern gehört es in vielen Fällen, für ihre Geschäftsführer, Vorstände oder Präsidenten Reden oder Grußworte zu schreiben oder abzustimmen. Häufig kommt es dabei leider vor, dass sie Redeentwürfe am Bildschirm schreibend überarbeiten. Und damit ist das gesprochene und gehörte Wort schnell zu geschriebenen und gelesenen Phrasen geworden. Wenn es gut geht.

Wenn es schlecht läuft, kommen Schachtelsätze dabei heraus. Textstrukturen, die eher einem Aufsatz ähneln, den man vielleicht noch gerne liest, aber dem man nicht zuhören kann, ohne den Faden zu verlieren. Das alles ist dann keine Rede mehr. Denn „eine Rede ist keine Schreibe“. Das wusste schon Helmut Schmidt, zumindest wird er gern als Urheber dieser oft zitierten Grundregel guten Redenschreibens genannt.

Es gilt das gesprochene Wort

Eine Rede ist keine Schreibe, also darf ein Redetext auch nicht so verfasst sein wie ein Zeitungsartikel oder eine Pressemitteilung. Nicht das geschriebene Wort steht im Mittelpunkt, sondern das, was ein Redner oder eine Rednerin später durch ihr Vortragen mitteilen und bei ihren Zuhörern bewirken wird. „Es gilt das gesprochene Wort“, lesen wir oft in der Kopfzeile über Redemanuskripten, die Pressestellen an Redaktionen oder Konzerne auf Hauptversammlungen an ihre Aktionäre weiterleiten. Denn anders als viele Texte, die über den „Schreib“tisch von Pressesprechern gehen, hat eine Rede mindestens drei weitere Komponenten.

Erstens, der Redner respektive die Rednerin. Ob und wie eine Rede wirkt, das entscheidet sich vor allem durch die Redner, und manchmal schon weit, bevor sie das Wort ergreifen. Ganz einfach durch die Frage, wie er oder sie sich gibt. Wie man sich fühlt auf der Bühne, im Rampenlicht, am Pult oder auch nur beim Smalltalk mit den Gästen, die gleich das Auditorium bilden werden.

In dem lesenswerten Buch „Winfried Kretschmann: Das Porträt“ schreiben die beiden Autoren Peter Henkel und Johanna Henkel-Waidhofer über den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann: „Es gibt Bauern, die sich abseits ihrer Scholle, und Förster, die sich fern vom Wald unwohl fühlen, erst recht, wenn sie bemerken, dass ihre Unsicherheit bemerkt wird.“ Als Zuhörer höre ich ja nicht nur, ich sehe auch. Ich sehe und beobachte, ob der Redner von einer unsichtbaren Last gebeugt oder selbstbewusst aufrecht zum Rednerpult geht, ob er schreitet, schlurft, tänzelt oder die Treppenstufe hochfällt (alles schon da gewesen!), ob die Stimme fest ist, gebrochen oder unsicher.

Als Gast einer Veranstaltung erlebe ich mit, wie sich die Redner vor ihrem Auftritt geben. Diese Beobachtung hat Einfluss darauf, wie eine Rede später ankommt, ob und wie sie wirkt. Ob ich zuhöre mit der Grundeinstellung, „jetzt bin ich aber gespannt, ich freue mich schon“ oder „der Dummdussel soll sich gefälligst kurzfassen“ – das alles entscheidet darüber, ob und wie das wirkt, was lange vorher am Schreibtisch aus- und umformuliert wurde. Diese sehr subjektive Redebewertung lässt sich nicht in das Manuskript schreiben. Kennen muss ich sie trotzdem.

Auch wiederkehrende Anlässe können neu und spannend sein

Zweitens, der Anlass. Auch wenn ein Redetext verfasst und abgestimmt wurde, so entsteht die finale Rede erst in dem Moment, da sie gehalten wird. Sie besteht aus dem gesprochenen Wort, aus der Erscheinung der Redner, aus den Rahmenbedingungen (ist der Raum zu kalt, zu warm, zu hell, zu dunkel …), aus der Stimmung. Nicht ohne Grund kannte man in den Zeiten der Gute-Unterhaltung-Samstagnacht-Shows die Anheizer, die nur eine Aufgabe hatten: das Publikum schon mal auf den Siedepunkt bringen, damit die Laune stimmt, wenn der große Moderator die Bühne betritt. Daher wird ein professioneller Redenschreiber beim Briefing auch immer abfragen: Welche Stimmung ist zu erwarten? Was kommt vor der Rede, was danach? Welche Begriffe müssen unbedingt in den Text, was soll ich besser gar nicht erwähnen?

Bei der jährlichen Tagung Redenschreiben habe ich einmal einen Workshop zu sich wiederholenden Anlässen durchgeführt und die Teilnehmer zu Beginn gefragt, welchen Anteil solche Anlässe bei ihrer Arbeit als PR-Leute, Pressesprecher oder Redenschreiber ausmachen. Nie werde ich die Teilnehmerin vergessen, die antwortete: 90 Prozent!

Da muss man schon Ideen entwickeln, damit das sich Wiederholende nicht so klingt, als sei es die Wiederholung vom letzten Jahr (auch das hat es ja schon gegeben, Sie erinnern sich? Helmut Kohl? Neujahrsansprache …). Das geht. Denn jeder Anlass, auch wenn er regelmäßig wiederkehrt, findet immer zu einem anderen Zeitpunkt statt, vielleicht sogar an wechselnden Orten. Die Welt dreht sich immer weiter, nie ist sie so, wie sie vor wenigen Augenblicken war. Das alles kann man in einer Rede bedenken.

Entscheidend ist: Verstehen mich meine Zuhörer?

Drittens, das Publikum. Die Rede muss zum Publikum passen. Immer. Ein Hochschulpräsident mag vor seinem wissenschaftlichen Kollegium eine abstrakte methodisch-akademische Abhandlung vortragen. Wenn die Hochschule zum Tag der offenen Tür, zum lokalpolitischen Jubiläum oder zum Familienfest lädt, braucht es aber eine andere Sprache. Die des jeweiligen Publikums. Absolventen, Schüler, Eltern, Unternehmer, Investoren, Kooperationspartner, Sponsoren, Journalisten – die Liste derer ist lang, die als Zuhörer infrage kommen. Auf sie muss ich mich als Redner und Redenschreiber jeweils neu einstellen. Mit „copy and paste“ ist da nicht viel zu erreichen. Eine Rede ist eben keine Schreibe.

Peter Henkel und Johanna Henkel-Waidhofer verweisen in ihrem Porträt auf den Neujahrsempfang der Stuttgarter Grünen im Jahr 2011 und auf die Rede des damaligen Spitzenkandidaten Winfried Kretschmann. Der hatte wohl etwas Großes, Programmatisches vorgesehen. Im Saal gab es aber keine Sitzmöglichkeiten, nur Stehtische. Eine Zumutung für das Auditorium. Kretschmann – so berichten die Autoren – „stellt sich in die Schuhe seiner Zuhörerschaft und fügt sich“. Er ändert sein Redekonzept und „nimmt sein Publikum mit in eine andere politische Welt“.

 

 
 


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