Eine Werbekampagne, die keine war: #HappyHartz. (c) Screenshot von der ursprünglichen Kampagnenseite von #HappyHartz (http://happyhartz.mein-jobcenter.com)
Eine Werbekampagne, die keine war: #HappyHartz. (c) Screenshot von der ursprünglichen Kampagnenseite von #HappyHartz (http://happyhartz.mein-jobcenter.com)
#HappyHartz

Ein Lehrstück in Sachen Vertraulichkeit

In dieser Woche sorgte eine Hartz-IV-Werbekampagne für Furore im Netz. Wie sich herausstellte, war sie ein Fake, enthüllt von einem Reporter des Deutschlandfunks. Zum Ärger des Initiators, denn der hätte sich gern selbst geoutet und hatte dafür vorsorglich auf die Kooperation mit diversen Medien vertraut. Was ist da schiefgegangen?
Kirsten Kahler

Wie konnte er nur? Da hat doch dieser windige Reporter die ganze Story ruiniert! Wieso hat der sich denn nicht an die vereinbarte Vertraulichkeit gehalten? – Die Empörung bei dem Verein Sanktionsfrei ist groß. Mit der Guerillakampagne „Happy Hartz“ wollten die Aktivisten auf Missstände in der Arbeitslosenunterstützung hinweisen, aber ein Redakteur vom Deutschlandfunk hat die Geschichte dreist vorab enthüllt.

Der Verein klagt, der Journalist habe sich nicht an die vereinbarte Vertraulichkeit gehalten. Der berichtete über die Kampagne, nachdem er herausgefunden hatte, dass die zynisch inszenierte Werbekampagne für Hartz IV ein Fake war. Dabei sei er nicht der Erste und nicht der Einzige gewesen, der bei der verantwortlichen PR-Agentur angerufen habe, ließ der Verein in einer Pressemitteilung wissen. Wie er seien auch andere Journalisten ins Vertrauen gezogen worden. Doch nur er hat die Story vorzeitig gebracht.

Der DLF-Redakteur verteidigte sich, er habe mit der Veröffentlichung nicht warten können. Das Thema war in den Sozialen Medien immer heftiger diskutiert worden und wurde deshalb aus journalistischer Sicht immer relevanter.

Wie steht es denn nun mit der Vertraulichkeit?

Normalerweise läuft es ja so: Der Informationsgeber bittet den Redakteur um Vertraulichkeit, der akzeptiert diese Bedingung und hält die Füße bis zum vereinbarten Zeitpunkt still. Nur so funktioniert es übrigens auch in der Politik, wenn aus Hintergrundgesprächen nur indirekt oder gar nicht zitiert werden darf – bekannt in der Formulierung „unter zwei“ oder „unter drei“.

Warum lässt sich der Journalist darauf ein? Aufgrund eines höheren Interesses. Entweder ist ihm klar, dass er andernfalls aus dieser Quelle nie wieder eine solch wertvolle Information erhalten wird (Zitat Sanktionsfrei: „Der Sender hat das Rennen gewonnen, aber unser Vertrauen verloren.“). Oder ihm wurde versprochen, dass er zu einem späteren Zeitpunkt noch mehr Details erfährt, die ihm letztlich eine attraktive, runde Story verheißen. Lerne: Man kann mit Journalisten prinzipiell verhandeln.

Das öffentliche Interesse hat Vorrang

Nur leider sieht die Realität häufig anders aus. Denn Informationsgeber und Redakteur meinen oft nicht dasselbe. Die Bedingungen werden nur mündlich abgemacht. Der Informationsgeber glaubt, er habe die Vertraulichkeit verbindlich vereinbart, der Redakteur wertet dies als bloße Bitte – und berichtet dann doch.

Eigentlich müsste da eine schriftliche Vertraulichkeitsvereinbarung her, denn sie ist gerichtlich einklagbar. Aber faktisch nutzt das sowieso nichts, denn die umstrittene Neuigkeit ist ja dann trotzdem schon in der Welt.

Noch brisanter wird es, wenn die Story eskaliert und immer mehr Bevölkerungskreise betrifft. Dann gerät die Redaktion unter Zugzwang, denn der Journalismus ist nun einmal dem öffentlichen Interesse verpflichtet. Wenn also – wie hier – die Reaktionen im Netz immer massiver werden, wenn sich Verunsicherung breit macht, wird sich die Redaktion zur Berichterstattung verpflichtet sehen. Egal, ob vorher Vertraulichkeit vereinbart wurde oder nicht.

Das hätten auch der Verein und die verantwortliche Agentur wissen müssen. Doch so haben sie ein Lehrstück bereitet, ein Stück über das sensible Vertrauensverhältnis von PR und Journalismus.

 

 
 

ps/NEWS: Der Newsletter für PR-Profis

 

Ob wichtige Nachrichten, Hintergründe, Case Studies oder aktuelle Debatten: Mit den ps/NEWS erhalten Sie die wichtigsten Informationen der Kommunikationsbranche kostenlos in Ihre Mailbox.
 



randbemerkung

Bitte achten Sie bei Ihren Beiträgen unsere Netiquette.

Das könnte Sie auch interessieren.

Seit einigen Jahren sinkt die Zahl der Zigarettenkonsumenten, auch weil immer mehr Raucher auf E-Produkte umsteigen. (c) Getty Images/Pam Walker
Foto: Getty Images/ Pam Walker
Lesezeit 6 Min.
Gastbeitrag

Die Zigarette ist tot – es lebe die (E-)Zigarette

Rauchen ist bekanntermaßen schädlich. Seit einigen Jahren sinkt die Zahl der Zigarettenkonsumenten auch deshalb, weil immer mehr Raucher auf E-Produkte umsteigen. Ausgeklügelte PR hat ihren Anteil daran. »weiterlesen
 
DFB-Präsident Grindel hat berühmte Vorbilder, wenn es darum geht, ein TV-Interview abzubrechen. (c) Deutsche Welle
Foto: Deutsche Welle
Bericht

Auf Grindels Spuren: Top 12 der Interview-Abbrüche

Keine Premiere: DFB-Präsident Reinhard Grindel war keineswegs der Erste, der wutentbrannt aus einem TV-Interview stürmte. »weiterlesen
 
Der VW-Chef trat mit seiner Aussage "Ebit macht frei" gehörig ins Fettnäpfchen. (c) Getty Images/vesilvio
Foto: Getty Images/vesilvio
Lesezeit 1 Min.
Meldung

VW-Chef irritiert mit „Ebit macht frei“-Äußerung

In einem Gespräch mit Managern des VW-Konzerns hat sich Diess gründlich in der Wortwahl vergriffen. »weiterlesen
 
Wie glaubwürdig ist Facebooks Privatsphäre-Versprechen? (c) Getty Images/callum redgrave-close
Bild: Getty Images/callum redgrave-close
Lesezeit 2 Min.
Lesestoff

„Facebook muss handeln – und das schnell!“

Vor einigen Tagen hat Facebook-Chef Mark Zuckerberg angekündigt, das Unternehmen stärker auf den Schutz der Privatsphäre auszurichten. Doch ist dieses Versprechen glaubwürdig? Wir haben sechs Journalisten und PR-Profis nach ihrer Meinung gefragt. »weiterlesen
 
Die BVG bietet zum Equal Pay Day am 18. März ein verbilligtes Ticket für Frauen. (c) Getty Images/pseudodaemon
Bild: Getty Images/pseudodaemon
Lesezeit 1 Min.
Meldung

BVG bietet verbilligtes Frauen-Ticket

Mit einem vergünstigten Ticket zum Equal Pay Day am 18. März will die BVG Haltung beim Thema Lohngerechtigkeit zeigen. »weiterlesen
 
Der Hauptsitz von RWE in Essen. (c) RWE
Foto: RWE
Meldung

Pressefragen veröffentlicht: scharfe Kritik an RWE

RWE sieht keine rechtlichen Möglichkeiten, gegen Mitarbeiter vorzugehen, die auf Facebook drastische Hasskommentare und Drohungen verbreiten. »weiterlesen