Sascha Lobo (c) Daniel Seiffert
Sascha Lobo (c) Daniel Seiffert
Gleichheit ist der größte Feind

Eigen-PR: Lernen von Sascha Lobo

Der Irokese macht ihn bekannt, doch Netz-Blogger und Autor Sascha Lobo wurde zur menschlichen Marke, weil er konsequent auf Provokation und Individualität setzt. Warum das so erfolgreich ist, erklärt Niels Albrecht in seiner Egomacher-Kolumne.
Niels Albrecht

Je weniger vergleichbar Sie zu Ihren Mitmenschen sind, desto größer werden Ihre Spielräume – und Ihre Wirkung steigt. Der spanische Künstler Salvador Dalí ist eines der bekanntesten Beispiele. Er wusste stets das Mittel der Provokation für sich zu nutzen. Seine Kunst sowie die Inszenierung seiner Person standen immer über der Realität. Bis heute ist er der bedeutendste Surrealist. Dalí handelte immer nach der Maxime: „Wer interessieren will, muss provozieren.“

Ein besonders gelungenes Beispiel an Provokation und Einzigartigkeit einer Personen-Marke ist der deutsche Blogger, Buchautor und Journalist Sascha Lobo. Seine Marken-Führung ist mit der von Dalí vergleichbar. Lobo ist der Dalí unserer Zeit. Jedoch hat er eine andere Aufgabe: Er erklärt uns die reale und surreale Welt des Internets.

Sascha Lobo hat als Unternehmer alles gegen die Wand gefahren, was man nur so gegen die Wand fahren kann. Im Sinne üblicher Erfolgsklischees war er wohl eher ein Gescheiterter, der sich nun wie viele andere auch in neuen Medien und dort speziell mit dem Schreiben eines Internetblogs versuchte. Heute ist er der bekannteste Blogger in Deutschland und eine feste Größe der Medienszene. Vom Nobody hat er es zum Liebling der Medien und festen Mitarbeiter von Spiegel-Online geschafft. Was war passiert?

Sascha Lobo hatte mit seinen Unternehmen dreimal Insolvenz anmelden müssen. Zuvor 60 Mitarbeiter entlassen, darunter auch seinen Bruder und seine Freundin. Der Aufprall war da. Nichts ging mehr. Zu seiner weiteren Erniedrigung ging er auf Partys, auf denen er früher als Gast eingeladen war. Dort sammelte er die Pfandflaschen ein, um sich und der ganzen Welt sein Scheitern vor Augen zu führen.

Erst die Selbstreflexion und die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit ermöglichten ihm einen Richtungswechsel im Leben. Er gestaltete seine Haare neu und konzentrierte seine Schaffenskraft auf die Veröffentlichung von Artikeln und Büchern sowie auf Vorträge zum Thema Social Media.

Heute kommentiert der Mann mit dem feuerrot gefärbten Irokesen-Haarschnitt nicht nur auf Spiegel Online die neuesten Entwicklungen im World Wide Web, er berät auch Unternehmer bei Social Media-Strategien und ist Mitglied im Online-Beirat der SPD. Er war bereits Werbefigur für den Mobiltelefonanbieter Vodafone, gewann den Grimme Online Award und erklärt nebenbei jedes beliebige Café am Prenzlauer Berg mit W-LAN-Anschluss kurzfristig zu einer wichtigen Internet-Institution in Deutschland. Schlichter formuliert: Er ist Deutschlands meistgelesener Blogger. Keiner bewegt das Netz wie er.

Sascha Lobo hat den wohl klarsten lebenden Marken-Bildungsprozess der letzten Jahre in Deutschland öffentlich vollzogen. Marken-Zeichen und Kompetenz trafen sich: Er ist zur lebendigen Marke geworden.

Was können Sie für sich aus dem Beispiel Sascha Lobo mitnehmen?

Nur wer das Diktat der fremden Erwartungshaltungen und verbreiteten Schönheitsideale überwinden kann, hat die Chance, zu einem eigenen Profil zu finden. Vor allem aber erkannte Sascha Lobo, dass die Möglichkeiten für seine Andersartigkeit nur bei einem Menschen zu finden waren: Bei ihm selbst! Es war seine Entscheidung seine eigenen inneren und äußeren Werte zu erkennen und diese für andere kenntlich zu machen. Dieser Schritt, das sehe ich bei meinen Klienten immer wieder, fällt uns Menschen jedoch besonders schwer.

Es braucht Zeit, Selbstbewusstsein und viel Mut dazu, so zu sein, wie man ist und dieses auch nach außen darzustellen. Und so Sascha Lobo: „Man muss mit dem Scheitern umgehen können.“

Scheitern tun wir alle. Nur mögen wir uns unser Scheitern nicht eingestehen. Wir verdrängen unser eigenes Scheitern. Noch viel schlimmer ist jedoch, gar nicht erst anzufangen. Unser Projekt nicht zu beginnen, aus Angst, dass wir scheitern könnten. Oftmals ist es die eigene Angst, die uns lähmt. Darum hat Sascha Lobo sich selbst seine Strategie-Frisur verordnet. Wenn er durch Berlin läuft kommt es schon mal vor, das eine Gruppe von weiblichen Teenagern sich über sein Erscheinungsbild kaputtlacht. Und die Berliner Stadtzeitschrift Tip wählte ihn als „Blogwurst“ zu einem der peinlichsten Berliner. Und das ist seine Haltung dazu: "Lächerlichkeit ist eines meiner größten Lebenskonzepte. Ich imprägniere mich mit der lächerlichen Frisur, dem lächerlichen Bart und dem Anzug voller Katzenhaare. Ich imprägniere mich gegen das Urteil der Anderen.“

Mit diesem Verhalten bedient sich der prominente Blogger eines unter Therapeuten und Coaches bekannten psychologischen Tricks. Dadurch, dass er seine äußere Erscheinung und die Ablehnung als Schutzschild im Umgang mit seinen Mitmenschen begreift, wirkt es auch so. Das liegt an der Funktionsart unseres Denkmuskels. Je konkreter und greifbarer wir uns etwas vorstellen können, umso besser wirkt es, umso gelassener können wir mit den Reaktionen unsers Umfeldes umgehen.

Es ist ein gekonntes Spiel aus der Leichtigkeit im Umgang mit seiner eigenen Person und der bewussten Umsetzung einer Marken-Philosophie. Mit der ständigen Herabsetzung seiner eigenen Marken-Zeichen und damit seiner Person sowie der zeitgleichen Erläuterung seiner Marken-Philosophie gelingt es Sascha Lobo, seine Gesamt-Marke noch stärker erscheinen zu lassen. Seine Kommunikations-Strategie besteht aus Selbstironie und Selbstrelativierung.

Er erzählt uns schöne, bunte und gut nachvollziehbare Geschichten über seine lächerlichen Marken-Zeichen, die ihn vom Scheitern zum Erfolg trugen. Mit dieser Strategie hat er seine Freiheit als Unternehmer in eigener Sache erlangt. So formuliert er auch seine Kernaussage: „Nur wer scheitern kann, ist in meinen Augen erst wirklich frei.“

Scheitern ist der größte Freund

Und Sascha Lobo ist frei. Er kombiniert seine Selbstironie immer auch mit charmant verpackten bis hin zu brutal ehrlichen Angriffen. So beschimpfte er die versammelte deutsche Blogger- und Onliner-Gemeinde auf der re:publica wegen ihrer nicht vorhandenen Selbstvermarktung: „Ihr seid entweder zu doof oder zu leise, um medial eine Rolle zu spielen. Dass sie (die Journalisten der klassischen Medien) mich anrufen, mit meiner dämlichen Frisur, ist Eure Schuld.“

Mit dieser Aussage hatte der Internet-Punk die Lacher des Publikums der größten deutschen „Blogger-Messe“ auf seiner Seite. Ein Lacher, der vielen Zuhörern schnell im Hals stecken blieb. Denn in der Selbstbetrachtung haben die meisten Anhänger der Social Media Szene, die tagtäglich Dinge bloggen, posten oder twittern, feststellen müssen, dass sie für ihre Online-Arbeit wenig Geld und noch weniger Anerkennung bekommen. Die meisten haben keine Vermarktungsstrategie wie der Internet-Punk, der eigentlich nie ein Punk war. Und im Gegensatz zu den anderen Social Media Experten ist Sascha Lobo heute eine Marke und kann von dieser mehr als gut leben. Mit seiner „dämlichen Frisur“ erzielt Sascha Lobo gleich drei Marken-Faktoren: Alleinstellungsmerkmal, Inhalt und Mysterium. Mit der Kombination dieser drei Faktoren erzielt man Wirkung.

Sascha Lobo im Interview übers Scheitern und die "Expertokratie" in Deutschland:

 
 


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