800 Bewerbungen auf eine Kommunikationsstelle bei einer Stiftung oder einem namhaften herstellenden Betrieb sind keine Seltenheit. (c) Thinkstock/BartekSzewczyk
800 Bewerbungen auf eine Kommunikationsstelle bei einer Stiftung oder einem namhaften herstellenden Betrieb sind keine Seltenheit. (c) Thinkstock/BartekSzewczyk
Kommentar

Drei Wahrheiten über den Arbeitsmarkt

Die Arbeitsmarktzahlen lassen paradiesische Zustände vermuten: So niedrig wie zuletzt 1991 ist aktuell die Arbeitslosigkeit. Dabei besteht eine immense Schieflage zwischen dem kommunizierten Fachkräftemangel und der Realität.  
Svenja Hofert

Wahrheit 1: Gesucht wird, was bei Bewerbern unbeliebt ist

Die meisten Bewerber wollen etwas Schönes machen. Sie wollen ein Produkt, mit dem sie sich identifizieren können. Das ist sehr oft eben nicht IT oder Digitales. So entsteht ein Schiefgewicht: 800 Bewerbungen auf eine Kommunikationsstelle bei einer Stiftung oder einem namhaften herstellenden Betrieb sind keine Seltenheit. Technik dagegen läuft – aber interessiert Bewerber nicht. Viele Stellen sind zudem im Bereich Agentur oder Beratung angesiedelt und mit für viele unangenehmen Nebeneffekten verbunden, beispielsweise hohem Arbeitsaufkommen bei schlechter Bezahlung, schlechter Führung oder Reisetätigkeit.

Karrierestrategie: Bewerber sind manchmal zu verwöhnt und zu einseitig auf Unternehmen fokussiert. Doch am Ende kommt es nicht darauf an, ob man mit Schokolade oder Dienstleistungen zu tun hat. Es geht um die Arbeitsatmosphäre und die Rahmenbedingungen. Also, nehmen Sie auch auf den ersten Blick weniger attraktive Unternehmen in den Augenschein.

Wahrheit 2: Es gibt zu viel vom einen und zu wenig vom anderen

Manche Bewerber schreiben zehn Bewerbungen und werden acht Mal eingeladen – vor allem ITler mit bis zu acht Berufsjahren –, andere schreiben 100 und bekommen nur fünf Einladungen – vor allem Kommunikatoren und Marketing-Spezialisten mit wenig Hightech und Fokussierung. Fachkräftemangel? Diese Zahlen sprechen wohl nicht dafür, bedeuten sie doch, dass die absolute Mehrzahl ­aller Bewerbungen im Sande verläuft.
Der Fachkräftemangel bezieht sich vor allem auf technische und Gesundheitsberufe sowie Jobs im Service. Diese sind überwiegend eben nicht akademisch. Zugleich haben sich die meisten Bewerber anders orientiert als es der Arbeitsmarkt wünscht. Mit Folgen: Kommunikationsberufe sind überlaufen.

Gleichzeitig erfüllen hier viele Bewerber die Anforderungen nicht mehr. Ohne digitales Wissen wird man zum hoffnungslosen Fall. Das wissen auch die Arbeitsämter. So werden massenweise Bildungsgutscheine zur Nachbesserung ausgegeben. Dadurch entstehen jedoch Profile, die mit denen der Digital Natives immer noch nicht konkurrieren können – und diese bewerben sich jetzt mit Bachelor-Abschluss! Gehaltsverfall ist die Folge. Namhafte Firmen zahlen zum Beispiel 2.000 Euro brutto für eine Social-Media-Manager-Stelle – mit Berufserfahrung.

Karrierestrategie: Es wäre viel sinnvoller, individueller mit Weiterbildung nachzubessern. Mir gefällt die Idee eines bedingungslosen Lernguthabens deshalb sehr gut: Jeder bekommt vom Staat Geld für Weiterbildung.

Wahrheit 3: Unternehmen suchen Akademiker, wo sie keine bräuchten

Die Lobby-Verbände setzen falsche Signale, indem sie Akademiker fordern – jeder will studieren und gut ausgebildete Bewerber überschwemmen den Markt. So werden Akademiker auf Assistenzstellen gesetzt, die früher gar nicht im Visier eines Absolventen gewesen wären. Viele denken, ihr Gehaltsniveau müsste über dem liegen, was für einen Büro- oder Industriekaufmann mit zwei bis drei Jahren im Job angemessen wäre. Dem ist oft nicht so. Das betrifft den gesamten Bereich der kaufmännischen Berufe, aber auch Mediengestaltung, die mit Medieninformatik und Kommunikationsdesign konkurriert.

Karrierestrategie: Werden Sie spezieller, setzen Sie auf Zukunftsthemen, die mit der Digitalisierung zu tun haben. Medienleute können beispielsweise gut im Bildungsbereich andocken. Hier sind zwei Trends E-Learning und Privatisierung der Bildung ...

Generell gilt: Schärfen Sie Ihr Profil altersgerecht: die erste Schicht sind Fachkenntnisse, es folgen Methoden- und Prozesskenntnisse – und schließlich Skills aus dem personalen Bereich.

 

 
 

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