Behörden seien in der Coronakrise über sich hinausgewachsen, beobachtet Christiane Germann. (c) Henning Schacht
Behörden seien in der Coronakrise über sich hinausgewachsen, beobachtet Christiane Germann. (c) Henning Schacht
Behördenkommunikation

Drei Fragen an … Christiane Germann

Christiane Germann, Expertin für Behördenkommunikation, spricht über einen positiven Effekt der Coronakrise auf die Social-Media-Aktivitäten von Verwaltungen und erklärt, warum Behörden jetzt nicht nachlassen dürfen.
Aus der Redaktion

Frau Germann, man sagt, die Coronakrise habe einen Digitalisierungsschub in Deutschland ausgelöst. Hat davon auch die Social-Media-Kommunikation von öffentlichen Verwaltungen profitiert?

Ja, Behörden nehmen Social Media endlich ernst. Verwaltungen, die vorher zehn Jahre lang behäbig gefragt haben, was ihnen „dieses Social Media“ bringen soll, können diese Frage durch Corona nun selbst beantworten: Es ist ein direkter Kanal zu den Bürgerinnen und Bürgern. Soziale Medien bieten die Chance, die Menschen direkt, schnell, unverfälscht und mit vergleichsweise geringen Mitteln zu erreichen. Mit dieser Erkenntnis sind Behörden seit März dieses Jahres geradezu über sich hinausgewachsen: Sie beantworten engagiert die zahlreichen auf Social Media eingehenden Kommentare und Direktnachrichten zu Corona, sie drehen Gebärdensprachenvideos und Erklär-Comics, sie widmen der Kommunikation über soziale Netzwerke mehr Zeit und geben auch mehr Budget aus.

Die Kölner Oberbürgermeisterin beispielsweise kooperierte mit reichweitenstarken Instagram-Accounts, um ihre Corona-Botschaften zu platzieren, und der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans probierte höchstselbst Tiktok aus, um in der Krise auch die Jüngsten zu erreichen.

Die Bürgerinnen und Bürger nehmen das Engagement dankend an: Behörden-Präsenzen in sozialen Netzwerken, die eine gute Corona-Krisenkommunikation machen, haben seit März deutlich an Followern und Reichweite gewonnen.

Wo sehen Sie noch Handlungsbedarf?

Viele Behörden haben zu Beginn der Krise richtigerweise auch abends und am Wochenende auf Kommentare geantwortet, nun aber schicken sie ihre Social-Media-Teams wieder fröhlich ins Wochenende – obwohl die Zahl der Infizierten, Fragen und Probleme derzeit wieder ansteigt. Behörden müssen in Krisenzeiten auch zu den Randzeiten über soziale Medien erreichbar sein. Für alles andere haben Bürgerinnen und Bürger, die gleichzeitig arbeiten und homeschoolen müssen oder wegen Kurzarbeit weniger verdienen, kein Verständnis. Es kostet Vertrauen. 

Auch qualitativ bleiben derzeit viele Fragen aus der Bevölkerung ohne überzeugende Antwort. Nur zwei Beispiele: Wie soll man sich effektiv vor Corona schützen, wenn nahezu alles wieder erlaubt ist und Geschäfte, Bahnen, Restaurants, Flugzeuge und Innenstädte zu voll sind, um Abstand zu halten? Wie kann sich Personal in Kindergärten und Schulen schützen? Unvergessen auch, dass das Bundesgesundheitsministerium im Rahmen seiner eigentlich herausragenden Social-Media-Arbeit anfangs kommunizierte, Masken würden keinen Schutz bieten. Noch heute lehnen einige das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes ab, weil ihnen dieses Statement in Erinnerung geblieben ist.

Was empfehlen Sie den Behörden jetzt?

Jetzt gilt es, das Niveau zu halten, auf dem Erreichten aufzubauen und das Thema Social Media nachhaltig in jeder Behörde zu verankern. Soziale Medien sind für die Bürgerkommunikation von Behörden heute so wichtig und normal wie das Telefon und die E-Mail: Diese Einstellung muss für die Behördenspitze, aber auch für jede einzelne Verwaltungsfachkraft handlungsleitend sein. Dazu braucht es eine eigene, gute Social-Media-Strategie. Niemand will „Selbstdarstellungsinhalte“, klassische Terminberichterstattung oder Pressemitteilungen lesen, sondern engagierte öffentliche Stellen sehen, die Probleme lösen. Dazu braucht es Personal: Als Behörde sollten Sie jetzt Ihre Kommunikationseinheiten dauerhaft personell aufstocken oder alternativ gute Dienstleister einsetzen.


Christiane Germann erklärt in einem Workshop am 18. September auf dem Kommunikationskongress 2020, wie Behörden in sieben Schritten eine Social-Media-Strategie entwickeln. Weitere Informationen finden Sie unter www.kommunikationskongress.de.

 

 
Christiane Germann (c) Henning Schacht
Christiane Germann
Amt 2.0 Akademie
Inhaberin

Christiane Germann ist ehemalige Ministerialbeamtin. Seit 2018 unterstützt ihre Social-Media-Agentur Amt 2.0 Akademie Behörden bei der Kommunikation über soziale Netzwerke, speziell bei Fragen der Krisenkommunikation, dem Bürgerservice und der internen Teamorganisation.

 


randbemerkung

Bitte achten Sie bei Ihren Beiträgen unsere Netiquette.

Das könnte Sie auch interessieren.

Ein Flugzeug von Lufthansa und eines von Easyjet landeten am Eröffnungstag als erste am BER. (c) Thomas Trutschel/Phototek
Foto: Thomas Trutschel/Phototek
Lesezeit 6 Min.
Interview

Bloß nicht wieder enttäuschen

Mit dem Flughafen BER hat Berlin den Spott der Welt auf sich gezogen. Ausgerechnet während der Coronakrise musste der Flughafen eröffnen – etwa neun Jahre verspätet, ohne große Feierlichkeiten. Ein Interview mit Kommunikationschef Hannes Hönemann über die Öffentlichkeitsarbeit für ein Krisenprojekt, das seinesgleichen sucht. »weiterlesen
 
(c) Getty Images/Iuliia Zavalishina
Foto: Getty Images/Iuliia Zavalishina
Lesezeit 2 Min.
Lesestoff

Die zehn meistgelesenen Artikel 2020

Dieses Jahr wird in Erinnerung bleiben als das Corona-Jahr. Kein anderes Thema hat Medien und PR so geprägt wie die Pandemie. Das zeigt auch unsere Übersicht der meistgelesenen Beiträge auf unserer Webseite - hier sind die Top-10. »weiterlesen
 
VW-Chef Herbert Diess (c) Picture Alliance/Sven Simon/Annegret Hilse
Foto: Picture Alliance/Sven Simon/Annegret Hilse
Lesezeit 2 Min.
Meldung

CEO Herbert Diess will jetzt twittern

Diess will sich auf Twitter vor allem an Multiplikator*innen aus Politik und Medien wenden.  »weiterlesen
 
(c) Quadriga Media
Foto: Quadriga Media
Lesezeit 2 Min.
Editorial

Ausgabe 6/2020: Das Corona-Jahr

2020 war das Corona-Jahr. In der letzten Ausgabe in diesem Jahr schauen wir zurück. Außerdem: Daimler-Kommunikationschef Jörg Howe klagt über Krawalljournalismus und „Frontal21“-Redaktionsleiterin Ilka Brecht über mangelndes Verständnis für ihre Arbeit. »weiterlesen
 
Blaupause für alle Dauerbrenner-Themen: In der Krise hat sich gezeigt, wie Kommunikation nachhaltig gelingt. (c) Getty Images/Ekaterina Morozova
Foto: Getty Images/Ekaterina Morozova
Lesezeit 3 Min.
Kolumne

Was wir aus der Krise lernen können

Die Pandemie hat die Interne Kommunikation vieler Unternehmen zu Höchstleistungen gebracht. Aber was genau hat zum Gelingen der Kommunikation beigetragen? Eine Analyse von „Echolot“-Kolumnistin Kerstin Feddersen. »weiterlesen
 
Webasto-Kommunikationschefin Nadine Schian. (c) Webasto Group
Foto: Webasto Group
Lesezeit 3 Min.
Meldung

Nadine Schian ist Kommunikatorin des Jahres

Die Jury der PR Report Awards verleiht den Gold-Award als "Kommunikatorin des Jahres“ an die Webasto-Kommunikationschefin. Fischer-Appelt ist die Kommunikationsberatung des Jahres. »weiterlesen