Die Gesellschaft ist vielfältig - diese Realität sollte Sprache abbilden, auch in der internen Kommunikation. (c) Getty Images/dragana991
Die Gesellschaft ist vielfältig - diese Realität sollte Sprache abbilden, auch in der internen Kommunikation. (c) Getty Images/dragana991
Gendersensible Sprache

Der, die, das, wieso, weshalb, warum?

An der Verwendung von gendersensibler Sprache und Texten scheiden sich die Geister. In den Unternehmen finden sich unterschiedlichste Regelungen – oder es herrscht beständig das generische Maskulinum. Selbst als bisher recht unsensible Schreiberin findet „Echolot“-Kolumnistin Kerstin Feddersen, dass Lesbarkeit und „Mitmeinen“ einfach keine guten Argumente mehr sind.
Kerstin Feddersen

Wer sich mit gendergerechter Sprache beschäftigt, landet sehr schnell in Grabenkämpfen. Das Netz ist voll von Positionen, Erklärungen, Petitionen und sogar Diffamierungen. Mitte Oktober hatte das Justizministerium einen Gesetzentwurf komplett in der weiblichen Begriffsform formuliert. Es folgte ein medialer Aufschrei. Das Innenministerium zweifelte die Verfassungsmäßigkeit des Gesetzentwurfes an. Er müsse „den gängigen Regeln angepasst werden“, das heißt, im generischen Maskulinum verfasst. Wenn die zuständige Ministerin eine Diskussion zur geschlechtersensiblen Sprache in Gesetzestexten in Gang bringen wollte, dann war der Versuch ein Paukenschlag.

Positionierung durch die Wahl der Sprache

Die unterschiedlichen Meinungen lassen sich in drei Kategorien fassen: Befürwortende, Ablehnende und Hadernde. Die Hadernden sind in erster Linie diejenigen, die die deutsche Sprache schützen wollen und an der guten Lesbarkeit und Schönheit von Texten hängen. Zu dieser Gruppe gehören sicherlich auch die meisten Internen Kommunikatorinnen und Kommunikatoren, denn das ist bei den verschiedenen Positionen sicherlich unbenommen: Schöner werden Texte durch das Gendern nicht.

Der gemeinnützige Verein „Deutsche Sprache“ sammelt Unterschriften gegen „Gender-Unfug“, ruft „zum Widerstand“ auf und spricht von „lächerlichen Sprachgebilden“. Interessant, dass die veröffentlichte Liste der, offenbar honorigen, Unterstützenden, 476 Männer und nur 105 Frauen umfasst. Daraus abzuleiten, dass die Ablehnenden in erster Linie weiße alte Männer sind, wäre dennoch zu gewagt. Dass zu den Befürwortenden mittlerweile sogar eine Reihe von Journalistinnen und Journalisten gehört, hat eine Umfrage der Agentur „Mann beisst Hund“ gezeigt. Denn mit der gewählten Sprache positioniert sich ein Unternehmen.

Die Interne Kommunikation kann auch bei diesem Thema zur Treiberin eines Diskurses im Unternehmen werden. Sollte die Diskussion darüber noch nicht entbrannt sein, dann entfachen Sie diese doch einfach. Wie so oft, bietet sich eine interne Umfrage an, um ein Stimmungsbild zu bekommen. Dazu braucht es nur eine Frage, die über das Intranet, über die Mitarbeiter*innen-App oder auch die -zeitung gestellt werden kann: Ist es Ihnen wichtig, dass in unserem Unternehmen gendergerecht kommuniziert wird? Das Ergebnis wird die aktuell herrschende Kultur widerspiegeln, aber ganz gewiss auch zeitgemäße Strömungen sichtbar machen, auf die Sie reagieren sollten. Nicht mit einer Anordnung aus der Chefetage, sondern mit Erklärungen, mit Sensibilisierung und mit guten Argumenten.

Sprache schafft Realitäten

Sprache ist machtvoll, Sprache schafft Realitäten und Sprache formt Gedanken. Unsere Realität ist, dass unsere Gesellschaft vielfältig ist, dass Frauen in allen Berufen und Hierarchien vertreten sind und auch, dass das dritte Geschlecht im deutschen Recht einen Platz hat. Warum störe ich mich persönlich nicht daran, dass in einem Text das generische Maskulinum verwendet wird, meine (junge) Kollegin aber schon? Eine Generationenfrage? Ja, vielleicht, aber sicherlich werden noch viele Kinder mit einem tradierten Rollenverständnis sozialisiert werden.

Trotzdem bin ich der festen Überzeugung, dass die Bewegung hin zu einem gendersensiblen Umgang mit Sprache nicht mehr aufzuhalten ist. Ich möchte in einigen Jahren nicht zu denjenigen gehören, die nicht mehr mitreden oder -schreiben können, weil sie sich der gendersensiblen Sprache komplett verschlossen haben. Natürlich ist es mühsam, natürlich braucht es Übung, bis Wort und Schrift sich dieser Entwicklung ganz selbstverständlich anpassen. Aber ist das nicht das Wesen von Veränderung?

Wenn ein Unternehmen die Jobbezeichnungen in den Stellenanzeigen mit m/w/d untertitelt (warum eigentlich nicht d/m/w, also in alphabetischer Reihung?), dann kann die Schriftsprache im Unternehmen eigentlich nicht mit dem generischen Maskulinum arbeiten. Das wäre schlicht nicht konsistent. Was würde ich als Interne Kommunikatorin Kolleginnen oder Kollegen sagen, die sich durch meine Texte nicht angesprochen fühlen? Es liest sich halt besser? Ziemlich lahm. Also: Zeigen wir Veränderungsfähigkeit und -willen, indem wir nicht nur mitmeinen, sondern mitschreiben, mitdenken, mitnehmen. Vielfalt ist eine Multiplikatorin von Möglichkeiten. Sie zu ignorieren, kann sich kein Unternehmen mehr leisten.

 

 
 

Kommentare

Lesbarkeit ist tatsächlich nur bedingt ein gutes Argument, weil die Leser.innen ja über stereotype Bilder stolpern SOLLEN. Und gegen zu viele identitätssensible Personenbezeichnungen gibt es diverse Mittel. Ich finde aber, Autor*innen müssen gar nicht konsistent sein: Sie dürfen auch nur manchmal gendern. Denn: Taten zählen auch! (Anm. d. Red.: Link wurde entfernt.)

Um „schön“ (allein) geht es nicht. Ein ganz entscheidender Grund, warum das Gendern abgelehnt wird ist, weil es eine widersinnige, falsche Sprache erzeugt, ungrammatische Formen, sprachlogische Widersprüche und so weiter. Damit schadet Gendern unserer Sprache, das kann man objektiv so feststellen. Gendersprache widerspricht in vielen Fällen zudem Stil- und Ökonomieprinzipien (eine/einer Teilnehmer/in), es lenkt die Aufmerksamkeit von Kernaussagen ab auf oftmals irrelevante Informationen – was natürlich für Verständlichkeit und Lesbarkeit schlecht ist. Auch in dieser Hinsicht macht es Sprache schlechter. Dazu kommt: Gendern unterstellte unsere Sprache Sexismus. Die allermeisten Menschen ¬– Frauen wie Männer – sehen diese Sexismus aber nicht. Und die Sprachwissenschaft betrachtet diesen Vorwurf ebenfalls als haltlose Behauptung. (Außer natürlich, man fragt die immer gleichen Genderbefürworter und feministischen Linguisten.) Gerade dieser – implizite oder explizite – Sexismusvorwurf verärgert Menschen, die nicht gendern wollen. Denn im Sexismusvorwurf sehen viele auch ein Urteil über sich. Die Idee von der „Macht der Sprache“ ist übrigens eine alte Mär, die die feministische Linguistik ausgegraben und wieder in die Welt gesetzt hat. Sprache ist für gesellschaftliche Probleme weder verantwortlich, noch kann sie sie beheben. Und Sprache verändert auch nicht das Bewusstsein, wie ja immer behauptet wird. Solche Vorstellungen von Psyche, Gehirn, von der Entstehung von Einstellungen, Meinungen oder Stereotypen sind völlig unterkomplex und schlichtweg falsch. Ein Lesetipp dazu: https://www.welt.de/kultur/plus217170354/Argumente-gegen-das-Gendern-die-Sie-anderswo-nie-lesen.html (Ein guter Text mit vielen wissenschaftlichen Quellen.Leider hinter einer Paywall.) Und dieser Vortrag des Linguisten Franz Rainer ist ebenfalls sehr sehenswert: https://www.youtube.com/watch?v=ThK0UjdPELM

Dabei sollte aber auch bedacht werden, dass viele Entwicklungen in der Sprache widersinnig und unlogisch sind. Dass es die Sprache verändert, ist klar. Ob es der Sprache schadet oder sie um Identitätskonzepte erweitert, ist dagegen eine subjektive Frage. Dem Widerspruch zu Stil- und Ökonomieprinzipien kann ich voll zustimmen, deshalb denke ich auch, dass niemand gendern muss und manchmal – etwa in schöner Literatur – besser nicht gegendert werden sollte. Es ist auch ok, nicht konsistent zu sein, wie im Artikel behauptet, und nur manchmal zu gendern. Ob die Berücksichtigung diverser Identitäten aber eine unwichtig Information ist, wage ich eher zu bezweifeln. Gerade Organisationen sollten sich als tolerant und divers darstellen, um weder Kundschaft noch aktuelle wie aktuelle Mitarbeiter.innen zu vergraulen. Natürlich sind viele Sprachen sexistisch: Deutsch, Französisch, Spanisch oder Hebräisch benutzen die männliche Pluralform, wenn nur ein Mann unter Tausend Frauen ist. Dass gendergerechte Sprache allein nicht genügt, sondern Taten entscheidend sind, finde ich (Anm. d. Red. - Link entfernt) auch – und gerade diejenigen, die nicht gendern, sind dazu aufgerufen, besonders auf die Gleichberechtigung aller Identitäten zu achten!

Was wird unter „Gendersprache“ assoziiert? Sprachliche Inkompetenz des Autors ist eine häufige Antwort in Unternehmen, zumindest unter vorgehaltener Hand. Die Mehrheit assoziiert Personenbezeichnungen in grammatikalisch bezeichneten „generischem Maskulin“ eben nicht als überwiegend männlich, sondern sieht hier eine Sammelform die alle Geschlechter gleichwertig mit einbezieht. So wie es dem allgemeinen Sprachgebrauch und Sprachverständnis entspricht. Gendersymbole werden als überflüssige Fremdkörper gesehen, die den Lesefluss stören, vom Textinhalt ablenken und für viele sogar eine abstoßende Wirkung haben. Ob sich eine Sprache durchsetzt, die sich von kurz, korrekt und präzise in lang, unkorrekt und unpräzise ändert darf doch bezweifelt werden. Und ob die Sexualisierung der Sprache durch ein permanentes Sichtbarmachen der vielfältigen biologischen Geschlechter gerechter ist als Personen mit einem präzisen, respektvollen und korrekten Deutsch zu bezeichnen bezweifele ich ebenfalls, auch wenn ich jetzt als altbacken, konservativ und bald nicht mehr kommunikationsfähig gelte.

Dabei sollte aber auch bedacht werden, dass viele Entwicklungen in der Sprache widersinnig und unlogisch sind – von den Artikeln über Verbformen bis hin zu all den Ausnahmen der Groß- und Kleinschreibung. Dass es die Sprache verändert, ist klar. Ob es der Sprache schadet oder sie um Identitätskonzepte erweitert, ist dagegen eine subjektive Frage. Dem Widerspruch zu Stil- und Ökonomieprinzipien kann ich voll zustimmen, deshalb denke ich auch, dass niemand gendern muss und manchmal – etwa in schöner Literatur – besser nicht gegendert werden sollte. Es ist auch ok, nicht konsistent zu sein, wie im Artikel behauptet, und nur manchmal zu gendern. Ob die Berücksichtigung diverser Identitäten aber eine unwichtig Information ist, wage ich eher zu bezweifeln. Gerade Organisationen sollten sich als tolerant und divers darstellen, um weder Kundschaft noch aktuelle wie aktuelle Mitarbeiter.innen zu vergraulen. Natürlich sind viele Sprachen sexistisch: Deutsch, Französisch, Spanisch oder Hebräisch benutzen die männliche Pluralform, wenn nur ein Mann unter Tausend Frauen ist. Gendergerechte Sprache hilft, das Gedankenbild vielfältiger zu machen. Sprache aber – da gebe ich M.S. recht – genügt nicht, Taten sind entscheidend – und gerade diejenigen, die nicht gendern, sind dazu aufgerufen, besonders auf die Gleichberechtigung aller Identitäten zu achten!

Vielleicht liegt es auch an den manchmal abstrusen Wortkreationen, die sich dann bilden weil man es besonders gut machen möchte, jedoch die Feinheiten der deutschen Grammatik nicht beherrscht. Schon mehrfach las oder hörte ich beispielsweise "sehr geehrte Mitglieder und Mitgliederinnen". Das ist schlicht falsch denn es heißt im Singular "das Mitglied". Und das führt dann auch dazu, dass gendern vielfach abgelehnt wird. Für viele Worte gibt es gute neutrale Bezeichnungen, die den Text nicht schlechter machen oder vom wesentlichen Inhalt ablenken. Dies ist ein Aspekt, den ich in meiner Funktion als Gleichstellungsbeauftragte einmal einbringen möchte.

Ein Hinweis zum "dritten Geschlecht": Es gibt nicht "ein" "drittes Geschlecht", sondern eine dritte positive Option im Personenstandsrecht. Intergeschlechtliche Menschen, für die das Gesetz 2018 geändert wurde, haben nicht alle dasselbe Geschlecht, lediglich die Möglichkeit, sich für eine Eintragsoption zu entscheiden, die nicht "männlich" oder "weiblich" ist. Es wäre schön, wenn Medien nicht immer wieder die Rede vom "dritten Geschlecht" übernehmen würden, denn dies ist schlicht falsch.


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