Die fortschreitende digitale Transformation fördert Teilhabe, aber auch Isolation, wie Publizist Georg Milde auf einer Reise um die Welt beobachtet hat. (c) Getty Images/NicoElNino
Die fortschreitende digitale Transformation fördert Teilhabe, aber auch Isolation, wie Publizist Georg Milde auf einer Reise um die Welt beobachtet hat. (c) Getty Images/NicoElNino
Digitale Kommunikation

Planet der Informationsblasen: Seite 2 von 2

Für sein neues Buch reiste Georg Milde binnen 13 Wochen in 13 Länder und an Orte des Umbruchs. Ihn leitete die Frage: Was treibt die rasante Transformation in einer Welt an, die sich immer mehr vernetzt? Hier schildert er seine Eindrücke.
Georg Milde

Überwachungsökonomie in der Welt der Algorithmen

Technisch am meisten beeindruckt haben mich die sich rasant entwickelnden Großstädte Chinas. Was jeden Reisenden, der sich eingehender mit dieser Nation befasst, geradezu umwirft, ist die Wucht dessen, was dort gerade entsteht. Im einst kommunistisch geprägten Land steht der Konsument in Reinform im Mittelpunkt. Mittels der großen Plattformen wie Wechat und Alibaba verwaltet er nicht nur seine Kommunikation, sondern gleich – nahezu komplett – sein gesamtes Leben. Von Messengerdiensten bis hin zum Bezahlen, von der Essensbestellung bis hin zum Vereinbaren eines Arzttermins.

Die Macht des Wissens über das Leben der 1,4 Milliarden Chinesen ist enorm. „Das Big-Data-Volumen unseres Binnenmarktes ist das größte der Welt“, sagte mir ein Geschäftsmann in Peking. „Und wenn die anderen mit ihrem Silicon Valley nicht mit uns spielen wollen, dann reicht es, um damit unsere eigenen Fortschritte zu ermöglichen.“

Der chinesische Staat kann auf viele dieser Informationen zurückgreifen. Denn es entsteht ein gläserner Bürger, der in wenigen Jahren durch das geplante Sozialkreditsystem vollkommen skalierbar sein wird. Wer sich staatskonform verhält, sammelt Punkte. Die Gesichtserkennungssoftware der Überwachungskameras an inzwischen Millionen Stellen im öffentlichen Raum weist in dieselbe Richtung. Kritiker sprechen von einer Überwachungsökonomie, die die Macht des bestehenden Systems sowie der neuen Welt der Algorithmen weiter ausbaut.

Was auf einer Reise wie meiner nicht fehlen darf, ist ein Besuch bei einem Internetriesen in den USA: „Wir erforschen hier, wie Produkte gestaltet werden müssen, damit die jeweiligen Zielgruppen zu einer bestimmten Handlung bewegt werden“, berichtete mir ein Mitarbeiter. Am wichtigsten sei der Nutzertyp des „Interested Bystander“ – zu Deutsch: des interessierten Zuschauers. Dieser mache nämlich rund die Hälfte der Bevölkerung und somit der potenziellen Kunden aus.

Letztlich gehe es darum, möglichst viele Barrieren, die einen Nutzer in Passivität verharren lassen, zu beseitigen oder zumindest zu reduzieren. „Wir wollen ihn zur Handlungsbereitschaft erwecken, ihn so gespannt stimmen, bis er sich irgendwann bewegt.“ Und ein Produkt kauft.

Digitalisierung ermöglicht Zugänge

Auf meiner Reise wurde mir eindrücklich bewusst, wie sehr die neuen Technikformen gerade unterprivilegierten Menschen eine Möglichkeit verschaffen, trotz schwieriger Lebensbedingungen erstmals an bestimmten ökonomischen Prozessen teilzunehmen.

Ich erlebte stolze Kenianer in einem riesigen Slum von Nairobi, denen mangels Besitz keine Bank eine Kontoeröffnung erlauben würde, die aber dank eines günstigen Handys erstmals kleine Geldtransaktionen via Mobile-Payment-Systeme vornehmen können. Das ist nicht weniger als der Anfang eines Zugangs zu neuen Chancen.

In Ruanda erfuhr ich, wie die autoritäre Staatsführung GPS-Tracking und andere Methoden nutzt, um die Kriminalität im Gegensatz zu allen benachbarten Ländern offiziell auf nahezu Null zu senken. Aus dem Genozid-Schauplatz von 1994 wurde ein relativ sicherer, stabiler Polizeistaat, in dem auch große deutsche Konzerne investieren und Produktionsstätten eröffnen. Eine Idylle mit Schattenseiten.

In den kommenden Jahren wird es darauf ankommen, die neuen Kommunikationsformen noch stärker an gesellschaftliche Phänomene anzugleichen. Gerade in Ländern wie Indien verbreiten sich Hassbotschaften rasend schnell über Whatsapp und andere Messenger. Gerüchte über vermeintlich kriminelle Handlungen, die in enormer Geschwindigkeit von vielen der Hunderte Millionen Nutzer geteilt wurden, führten in jüngster Vergangenheit immer wieder zu Lynchmobs.

Eine Person in Russland ist mir in deutlicher Erinnerung geblieben: ein schwuler Mann, der mir berichtete, dass es auch in seiner traditionell konservativen Heimat Internetportale sowie Dating-Apps für Schwule und Lesben gebe. „Aber beim Kennenlernen ist da immer diese Furcht, weil es Gruppierungen gibt, die mit Lockprofilen Jagd auf Homosexuelle machen“, sagte er frustriert. „Es kommt dann zu einem Treffen, bei dem der Schwule bloßgestellt wird. Zum Beispiel schert man seinen Kopf und stellt diese Demütigung auch noch als Film ins Internet.“ Letztlich lebe man in latenter Angst.

Das Beispiel aus Russland illustriert: Die modernen Kommunikationsformen sind in der Lage, Streit schnell und weit zu streuen. Professionelle Kommunikatoren, die gegen Hate Speech kämpfen, wissen das.

Nach der Rückkehr von meiner Reise habe ich daher als einen Leitgedanken mitgebracht: Digitale Revolution darf nicht allein bedeuten, dass der Einzelne, die Gesellschaft, die Demokratie immer mehr zu einem konformen, technologiegetriebenen Markt werden. Sondern zugleich bedarf es einer digitalen Emanzipation.

Letztlich wird dies auch Unternehmen und anderen Marktteilnehmern mehr nutzen als manche Fehlentwicklung, die ich während der 13 Wochen rund um die Welt am Wegesrand beobachtete. Die Nutzer müssen lernen, Wahrheit und Fake besser voneinander zu unterscheiden. Und sie müssen selbstbewusst und verantwortungsbewusster als derzeit mit der Vielfalt an Informationen und Meinungen umgehen – innerhalb und vor allem auch außerhalb der jeweiligen Blase.

 

 
 

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