Die Macht der Bilder (c) Oliver Fantitsch
Die Macht der Bilder (c) Oliver Fantitsch

Die Macht der Bilder

Kurator Ingo Taubhorn über Content Curation, Storytelling in Bildern, Dramaturgie in der Präsentation und das Sichtbarmachen des Unsichtbaren
Hilkka Zebothsen

Ingo Taubhorn ist gut gelaunt. Er kommt gerade aus einem zweiwöchigen Sonnenurlaub von seiner Lieblingsinsel zurück und führt während des Interviews durch die weltweit erste gemeinsame Werkschau von Ute Mahler und Werner Mahler in der südlichen Deichtorhalle. Die beiden zu DDR-Zeiten stilprägenden Fotografen waren Gründungsmitglieder der Berliner Fotografenagentur OSTKREUZ und zeigen sozialkritische Reportagen, Landschaftsaufnahmen und Portraits. Ihr Kurator findet einige Parallelen zu Pressesprechern.

 

Herr Taubhorn, was macht ein gutes Bild aus?

Ingo Taubhorn: Qualität! Wenn es die Wirklichkeit nach bestimmten ästhetischen Kriterien abbildet, eine Situation auf einen Punkt hin verdichtet, ein Gefühl vermittelt, eine stimmige Komposition aus Vertikalen und Horizontalen enthält… (zögert) Nein. Ein Bild ist gut, wenn es mehr zeigt als das, was man sieht. Wenn es eine zweite Ebene enthält. Und die Haltung des Fotografen sichtbar macht.

Wie macht man das?

Indem der Künstler sich intensiv mit seiner Haltung an das Sujet herantastet, einen Stil erkennbar entwickelt.  Natürlich gibt es in der Fotografie auch Einzelbilder, aber die Natur der Fotografie liegt in ihrem seriellen Charakter d.h. ein Bild ist nur so gut wie es sich in die Serie integriert.

Welchen Unterschied macht es, ob ein Bild in Farbe oder schwarz-weiß erscheint?

Wie in dem Gemeinschaftswerk „Monalisen der Vorstädte“ haben Schwarz-Weiß-Bilder heute – anders als in den 1980ern - etwas Künstliches und Künstlerisches. Heute muss alles in Farbe sein, wie im Film. Sonst ist es Kunst und man kriegt einen Oscar (lacht).

Also muss man Schwarz-Weiß-Bilder in der Unternehmenskommunikation bewusst einsetzen?

Ja. Heute nimmt der Betrachter farbige Bilder als Abdruck der Wirklichkeit wahr, schwarz-weiß dagegen steht für das Artifizielle. Erstaunlicherweise ist heute ein Schwarz-Weiß-Foto auffälliger in seinen Graustufen als ein schrilles Farbfoto, da sich unsere Wahrnehmung verschoben hat. 

Und welche Rolle spielt Farbe in der Ausstellung?

Auch eine große. Wir arbeiten mit den Künstlern Bernhard Suhr und Albrecht Hausotter zusammen. Wir entwickeln gemeinsam ein Farbkonzept und streichen die Wände für fast jede Ausstellung neu.

(Taubhorn entdeckt einen kleinen Riss in einer Wand und streicht mit der Hand darüber.)

Ohgott, wo ist der Spachtel? Unsere hellste Wand ist hellgrau, beinahe weiß. Wir wählen die Farben passend zum Bild – oder als gewollten Gegensatz. Farbe gehört zum Erlebnisraum.

In der PR sprechen alle von Content Curation. Ist jeder Sprecher auch ein Kurator?

Sicher. Er recherchiert, organisiert und zeigt Inhalte über ein bestimmtes Thema oder für eine bestimmte Zielgruppe. Wir müssen einen Fokus wählen, eine Auswahl treffen und die Dinge in Beziehung zueinander setzen. Und geben so den Dingen eine neue Bedeutung.

Muss man das Konzept dahinter erkennen, um das Werk zu verstehen?

Erkennen ist gut, entdecken ist besser. Wir haben alle Texte an den Wänden auf ein absolutes Minimum reduziert, geben keine Interpretationen vor, sondern beschreiben nur die Produktionsbedingungen, geben knappe Hilfestellungen. Sonst würde man das Bild nur noch anhand der Erklärung überprüfen. Das macht keinen Spaß mehr, die Magie der Bilder verpufft. Besser ist es, wenn sich die technische Machart auf die Seele des Bildes überträgt und das Bild sich als Projektionsfläche entfaltet.

Muss man dafür Fotoexperte sein?

Nein! Vergessen Sie für den Besuch einer Ausstellung zunächst die Foto- und Kunstgeschichte! Sie ist wichtig für die Kontextualisierung und für den wissenschaftlichen Zugang. Gehen Sie aber nicht als „Experte“ in eine Ausstellung und lesen Sie nicht sofort die Texte. Wenn Sie das tun, geben Sie schon zu viel Interpretation in ein Bild. Die Frage „Was will uns der Künstler damit sagen?“ ist der falsche Weg. Der Künstler hat alles gesagt. Mit seinem Werk. Viel wichtiger ist: Was erkenne ICH? Was fühle ich? Welche Assoziationen habe ich? Oder welche Irritationen tut sich mit dem Werk des Künstlers auf? Wir nähern uns durch das eigene Begreifen. Das Aneignen der Foto- und Kunstgeschichte sollte immer nach dem zweiten Blick kommen.

Ich brauche in der PR also ein Konzept, das nicht auffliegt und erklärt werden muss?

Das ist der Grund, warum in der PR viele mit Künstlern arbeiten. Aber auch dort erwarte ich eine Haltung. Mir zeigen viele junge Fotografen ihre vollen Mappen – da ist alles drin, von jedem Genre etwas und alles ist gut. Aber ich frage immer: Was ist Deine Haltung? Nicht nur fotografisch sondern zu seinem Thema, zum Leben. Es reicht eben nicht nur perfekte Fotos zu machen, die den Zeitgeist atmen, aber die Sinne verkleistern. 

Erzählen Sie uns, ob Ihr Filmstudium Ihre Art, Ausstellungen zu erarbeiten, beeinflusst hat. Planen sie nach drei Akten oder acht Sequenzen?

Darüber habe ich noch nie nachgedacht, aber das könnte stimmen. Wie im Film braucht man auch bei der Präsentation im Ausstellungsraum Höhepunkte, ruhige Momente und plötzliche Twists hinter der nächsten Ecke. Und der Katalog soll nicht die Nacherzählung dessen sein, was wir an den Wänden sehen, sondern braucht eine eigene Dramaturgie. Wie beim klassischen Zusammenspiel zwischen Event und Print. Wie im Film muss ein Kurator die Spannung bis zum Schluss halten. Aber man muss auch offen sein für plötzliche Wendungen und spontane riskante Entscheidungen.

Wer entscheidet, welches Bild wohin kommt?

Es ist immer ein Zusammenspiel mit den jeweiligen Verantwortlichen. Wenn die Künstler tot sind, mischen sich die Nachlassverwalter ein. Lebende Künstler vertrauen mir, wir entscheiden das gemeinsam. Vor allem dann, wenn ein Fotograf mit dem Raum arbeitet.

Wie entsteht Ihre Konzeption?

Ich entwickle eine Strategie. Robert Wilson zum Beispiel hatte eine klare numerische Struktur im Kopf, wenn er Stücke inszenierte: Er dachte, ich habe fünf Akte, 20 Schauspieler, sechs Stunden Zeit und 14 Musikstücke – das ist Mathematik. Aber nicht alles kann am Reißbrett entstehen.

Auch nicht die Räume?

Nein. Fast alle Wände in der Deichtorhalle, die architektonisch so schön ist, dass sie selbst zum Darsteller wird, sind trotz einer Höhe von 5,80 Metern mobil. Wir haben zwei feste Kabinette, und selbst bei denen können wir die Eingänge und Zwischenwände ändern.

Und wie gehen Sie dann vor?

Ich arbeite mit einem „Storyboard“, tatsächlich wie beim Film. Ich habe ein großes Skizzenbuch, in das ich Reproduktionen der ausgewählten Exponate einklebe, sehr klasssisch und sehr analog.  Dann ordne ich sie, streiche, baue um, mache mir Notizen. Am Ende wird das Storyboard auf ein Architekturmodell der Halle übertragen, dann folgen zwei bis drei Wochen Aufbauzeit. So ein Skizzenbuch hilft: Im Umgang mit den Künstlern, dem Team oder Sponsoren habe ich immer alles auf einen Blick und meine Partner können meine Gedankenschritte visuell nachvollziehen.

Muss ein Kurator rechnen können?

Unbedingt. Ich weiß, was es kostet, eine Wand zu streichen oder eine Wand zu bauen. Ein großformatiges Bild mit entspiegeltem Glas zu rahmen, kostet ca. 2.000 Euro. Ich kann es mir nicht leisten, 20 Prozent Bilder zu viel rahmen zu lassen, die wir am Ende wieder aussortieren. In dieser Werkschau zeigen wir 503 Arbeiten – das ist sehr viel. Selbst wenn wir berücksichtigen, dass wir zwei Künstler zeigen. In der Regel plant man für eine Werkschau 180-220 Bilder. Aber auf der anderen Seite besteht zum Beispiel das Langzeitprojekt „Abiturienten“ von  Werner Mahler  aus 76 kleine Fotos, die an der Wand als eine große Arbeit funktioniert.  Dennoch, wenn wir das auf den Eintrittspreis umrechnen, macht das 1,7 Cent pro Bild – diese Ausstellung ist also ein Schnäppchen (lacht).

Prägt ein Kurator sein Haus als Marke wie ein Pressesprecher?

Ja. Aber man kann aus Kacke keine Bonbons machen. Wir haben einen Bildungsauftrag, auch mit sperrigen Themen, und müssen gleichzeitig Geld verdienen: Über den Eintritt, Editionen als marktstrategisches Moment, Sponsoren, den Förder- und Freundeskreis.

Sind Ihre Künstler Kunden? Oder Sie deren?

Nein, sie sind Partner. Und während der Vorbereitung bilden sich auch Freundschaften. Ute und Werner Mahler wohnen in der Nähe von Berlin in einem Haus, das gleichzeitig ihr umfangreiches Archiv ist. Das ist für eine Ausstellung ein Glücksfall und nicht selbstverständlich. Die Idee für die Ausstellung existiert seit zwei Jahre. Vier Monate dauerten die Vorbereitungen. Gemeinsam mit meiner Kollegin Brigitte Woischnik haben wir viele Tage und Nächte wochenlang  jedes Bild angeschaut. Das war intensiv und wunderbar – zumal Werner Mahler ein phantastischer Koch ist und Ute Mahler eine hervorragende Gesprächspartnerin, beide hingebeungsvolle Gastgeber.

Hilft Ihnen die Nähe bei der Arbeit?

Ich brauche sie. Wenn ich „kuscheln“ könnte, wäre es noch besser - der haptische Moment ist mir wichtig. Ohne Nähe geht es nicht. Vertrauen ist wichtig. Wir sind ja auch unverschämt, schauen in jede Schublade und jede Kiste.

Wie geht Storytelling für Sie?

Ein sehr persönliches Werk sind Werner Mahlers „Abiturienten“. Er hat über viele Jahre die Klassenkameraden seines Bruders portraitiert, sitzend in ihrem persönlichen Umfeld. In seiner Installation hängen immer sechs Fotos derselben Person untereinander, Porträts  im Abstand von fünf Jahren aufgenommen.  Doch an der Wand fehlen immer wieder Bilder. Sofort rätselt der Besucher: Ist die weggezogen oder wollte der später nicht mehr gezeigt werden? Was war der Grund? Gab es Streit? Lebte jemand prekär und schämte sich für seine Wohnung?

Macht man so das Unsichtbare sichtbar?

Man stellt die richtigen Fragen. Von „Götz M.“ gibt es nur ein Bild. Er war Werner Mahlers Bruder und verunglückte ein Jahr nach dem ersten Bild. Die Lücken erzählen die Geschichte. Es werden mehr werden, denn die Arbeit wird weiter geführt.

Und welche Bilder hängen bei Ihnen zu Hause?

Zwei bis drei eigene und viele von Künstlern, die mir wichtig sind und die ich im Laufe der Zeit gesammelt habe. Dazu eine Menge expressionistische Druckgrafiken aus Familienbesitz.

Wonach suchen Sie als nächstes?

Ich suche immer nach Künstlern, die ein großes Ouevre geschaffen haben, aber immer noch unentdeckt sind, die vielleicht durch das Raster der Fotogeschichte gerutscht sind oder keine Museumslobby haben. Meine Aufgabe ist es, diese Werke sichtbar zu machen und einem größeren Publikum vorzustellen. Mich interessiert Kunst und Leben  weniger das innovative Moment – sondern eine Haltung und Konsequenz.

 

 
Ingo Taubhorn (c) Oliver Fantitsch
Ingo Taubhorn
Deichtorhallen

Ingo Taubhorn ist Fotograf und seit 2003 Kurator des Hauses der Photographie in den Hamburger Deichtorhallen. Der Präsident der Deutschen Fotografischen Akademie wollte einst Theaterregisseur werden, studierte stattdessen Film und Fotografie in Dortmund. Seit acht Jahren fotografiert er täglich einen für den Tag wichtigen Menschen für sein ganz persönliches visuelles Tagebuch. Lächeln dürfen die Menschen auf den Bildern nicht. Taubhorn sagt: „ Mich interessiert die Konzentration des Blicks, alles andere ist privat.“

 

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