Viele Geschenke sollen die Menschen in Frankfurt kaufen. (c) picture alliance/dpa/Frank Rumpenhorst
Viele Geschenke sollen die Menschen in Frankfurt kaufen. (c) picture alliance/dpa/Frank Rumpenhorst
Shopping in Frankfurt am Main

Deutschlands zynischste Marketingaktion

Vor dem Corona-Lockdown wollen die Stadt Frankfurt am Main und Oberbürgermeister Peter Feldmann die Menschen mit einem verbilligten ÖPNV-Ticket noch einmal zum ausgiebigen Weihnachtsshopping motivieren.
Volker Thoms

Die Stadt Frankfurt am Main hat sich eine besondere Aktion ausgedacht. Genauer gesagt hat sich ihr Oberbürgermeister Peter Feldmann „etwas einfallen lassen“ – für Samstag, den 12.Dezember. Er möchte, dass sich die Menschen für einen Tag „wieder wie ein Kind fühlen“. Zum günstigen Kinderfahrscheinpreis von 1,55 Euro statt regulären 2,75 Euro „fahren in Frankfurt alle mit einem Kinderfahrschein zum Weihnachtseinkauf“, heißt es in einer Pressemitteilung. Feldmann ist gleichzeitig Aufsichtsratsvorsitzender des Rhein-Main-Verkehrsverbunds (RMV). Er schlüpft hier für einen Tag in die Rolle des großzügigen Weihnachtsmanns.

Die Pressemitteilung ist nicht etwa einige Wochen alt, wie man vielleicht vermuten könnte. Sie steht auf der Website der Stadt Frankfurt mit Datum und Uhrzeit: 11.12.2020, 13.54 Uhr. Obwohl zu dem Zeitpunkt dem Oberbürgermeister und den Verantwortlichen der Verkehrsbetriebe längst klar gewesen sein müsste, dass die Städte in Hessen mit hoher Wahrscheinlichkeit in einen harten Lockdown gehen werden, wurde sie verbreitet. Kitas und Schulen dürften wie überall in Deutschland bis mindestens zum 10. Januar geschlossen werden, oder sie sollen zumindest nicht mehr besucht werden.

Vorher sollen die Menschen in Frankfurt und aus dem Umland aber bitte noch einmal richtig Geld ausgeben: nicht bei Amazon & Co., sondern beim Weihnachtseinkauf in den Geschäften der Stadt.

Per Lockangebot und mit einer überschaubaren Ersparnis von 1,20 Euro sollen möglichst viele motiviert werden, Busse und Bahnen noch einmal voller zu machen, als sie an Adventssamstagen sowieso schon sind. Die Shoppingfreudigen sollen sich in gut gefüllten Fußgängerzone durch die Straßen bewegen, vor Take-Away-Restaurants in die Schlangen einreihen, sich in den Geschäften drängen und vielleicht noch den ein oder anderen Glühwein trinken. Geselliges Leben ist ausdrücklich erwünscht oder wird als Nebeneffekt in Kauf genommen. Statistisch gesehen dürften sich also Userinnen und User der Corona-Warn-App im Nachklang über einige unerwartete Risikomeldungen an den Weihnachtstagen freuen.

Die Kinderfahrscheinnummer ist Deutschlands zynischste Marketingaktion. Sie konterkariert alle Bemühungen der Bundesregierung, der Ministerpräsident*innen und der Menschen, die versuchen, das Virus einzudämmen, indem sie sich an Regeln halten, sich aus dem öffentlichen Leben zurückziehen und ihre Kontakte reduzieren. 75 Prozent weniger Kontakte seien nötig, heißt es seit Wochen von Seiten der Politik. Alle sollen schön zu Hause bleiben. Die Gastronomie ist dicht. Fast 30.000 Neuinfektionen mit dem Coronavirus gibt es aktuell täglich.

Eindeutiger als mit dieser Aktion lässt sich nicht zur Schau stellen, dass zumindest dem Frankfurter Oberbürgermeister, dem Rhein-Main-Verkehrsverbund und dem Handel in Frankfurt der Gesundheitsschutz nur solange wichtig ist, wie geschäftliche Interessen nicht berührt werden. Die „Hessenschau“ zitiert Olaf Schiel, Pressesprecher des Oberbürgermeisters mit den Worten: „Dem lokalen Einzelhandel geht es nicht gut. Wir brauchen aber den Einzelhandel, wenn die Innenstadt durch Corona nicht veröden soll.“ Es sollen Leute noch einmal extra motiviert werden, sich per Bus und Bahn auf den Weg zu machen, um Einkäufe zu tätigen. Natürlich geht es hier ums Geschäft. Es ist eben keine Marketingaktion eines einzelnen Ladens, der zusätzliche Kundschaft anziehen will. Hier rufen die Stadt und ihr Oberbürgermeister zum Shopping auf, die gleichzeitig dafür Sorge zu tragen haben, dass genügend Intensivbetten für Covid-19-Infizierte zur Verfügung stehen und das Gesundheitssystem in Frankfurt am Main nicht zusammenbricht. Hätte Oberbürgermeister Feldmann die Aktion angesichts der steigenden Zahlen abgesagt, hätte er sich sogar als verantwortungsvoller Politiker positionieren können. Wer hätte ihn für eine Absage kritisieren sollen? Die Läden werden doch sowieso voll.

Wenn das Wohlergehen der Stadt Frankfurt am Main davon abhängt, ob dort an einem Adventssamstag einige tausend Personen mehr ihre Euros ausgeben, muss es ihr sehr schlecht gehen. Die Bürger*innen und Bürger haben am 12. Dezember für einen Tag mehr Geld in der Tasche: 1,20 Euro, die sie aufgrund des Kinderfahrscheins gespart haben. Das reicht für eine Laugenbrezel und ein paar günstige Socken. Man kann es auch anders sehen. Im Portemonnaie haben sie 1,55 Euro weniger, die sie für einen Kinderfahrschein ausgegeben haben, was sie sich im Nachhinein vielleicht gerne gespart hätten.

 
 


randbemerkung

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