Ein Kommentar zur Unternehmensrhetorik der Deutschen Bank(c) Thinkstock/RomoloTavani
Ein Kommentar zur Unternehmensrhetorik der Deutschen Bank(c) Thinkstock/RomoloTavani
Deutsche Bank

Deutsche Bank – wirklich ein glaubwürdiger Kulturwandel?

Nichts als leere Worte? Ein Kommentar über die Rolle der Unternehmensrhetorik bei der Deutschen Bank.
Stefanie Molthagen-Schnöring

„Kulturwandel mit Krawall“ – Diese Headline auf „Zeit Online“ ist nur eine Schlagzeile, mit der in den letzten Monaten der Regenerationsprozess der Deutschen Bank beschrieben wurde. Einen Prozess, den die Vorstände in jeder möglichen Situation als „Kulturwandel“ bezeichnen. Ein Begriff, der die Gemüter erhitzt: auf der Hauptversammlung der Deutschen Bank im Mai 2014 ebenso wie in vielen Medienberichten, die im letzten Jahr über die Deutsche Bank oder ihr Vorstandsduo Jürgen Fitschen und Anshu Jain berichtet haben.

Ist der Kulturwandel glaubwürdig?

Das Wort „Kulturwandel“ ist zu einer Worthülse verkommen, bevor es überhaupt einem Realitätscheck standhalten konnte. Der Hauptgrund dafür mag in der mangelnden Glaubwürdigkeit liegen. Die Deutsche Bank hat in den letzten Jahren einen so massiven Vertrauensverlust hinnehmen müssen, dass sie ihre Äußerungen immer wieder einem Glaubwürdigkeitstest unterziehen muss.

In der Linguistik haben sich als Indikatoren für die Glaubwürdigkeit eines Textes Verständlichkeit, Kompetenz, Aufrichtigkeit/Objektivität und Sympathie erwiesen. So kann jede sprachliche Äußerung zunächst daraufhin geprüft werden, ob sie für den Zuhörer oder Leser verständlich ist; er beispielsweise nicht mit zu vielen fremdsprachlichen Ausdrücken konfrontiert wird. Kompetenz heißt hier nicht, dass der Sprecher wie ein kompetenter Manager wirkt, sondern dass er kompetent im Sprachgebrauch ist, also Rechtschreibung und Grammatik beherrscht und das richtige Fachvokabular nutzt. Indikatoren für Objektivität/Aufrichtigkeit wiederum sind Widerspruchsfreiheit und der Verzicht auf Übertreibungen oder Euphemismen. Als sympathisch gilt, wer einen Kontakt zu den Rezipienten aufbaut und für den auch Humor kein Fremdwort ist. 

Ein Blick auf die Reden von Jürgen Fitschen und Anshu Jain

Untersucht man nach diesen Kriterien die Reden von Jain und Fitschen zum Beispiel auf der jüngsten Hauptversammlung, so haben sie alles richtig gemacht: Sie bemühen sich um einen ungezwungenen Ton, gestehen Fehler ein, benutzen sprachliche Metaphern und scheinen sich gut vorbereitet zu haben. Trotzdem werden sie von den Aktionären und den Medien scharf kritisiert und haben kaum eine Chance, dem Kulturwandel noch eine positive Richtung zu geben. Woran liegt das?

Die Medien meckern, warum?

Ohne tiefere Analyse ist hier sicherlich das Kriterium der Aufrichtigkeit zu nennen: Selbst wenn die Vorstände aufrichtig bemüht sind, Worte und Taten kongruent erscheinen zu lassen, spricht die Realität eine andere Sprache: Da werden nach wie vor hohe Boni ausgezahlt und die Deutsche Bank beteiligt sich an Geschäften, die moralisch durchaus angreifbar sind.

Das Beispiel zeigt, dass die Kommunikation nie allein betrachtet werden darf, sondern immer in einen kulturellen Kontext eingebettet ist. Kultur heißt in diesem Zusammenhang, die Spiel- und Verhaltensregeln in einem bestimmten Handlungsbereich. So sind diese in der Wirtschaft ausgerichtet an dem Grundinteresse Gewinne zu erwirtschaften, heute auch zunehmend mit dem Fokus des nachhaltigen Unternehmenswachstums.

Unternehmensrhetorik ist mehr als eine Vorstandsrede

Nimmt man also die Rede vom „Kulturwandel“ ernst, so impliziert diese, dass sich Geschäftspraktiken und Anreizmechanismen grundlegend ändern. Dies überzeugend zu vermitteln, ist die Aufgabe der Unternehmensrhetorik, die bei weitem mehr umfasst als Vorstandsreden. Eine noch größere Herausforderung als die Überzeugung der Aktionäre ist die Überzeugung der eigenen Mitarbeiter, denn sie sind unmittelbar in ihrer Berufswelt betroffen. Allein die Tatsache, dass es häufig mehr als eine Unternehmenskultur gibt, da sich in unterschiedlichen Teilbereichen verschiedene „ways of doing business“ ausgeprägt haben, hindert daran, an einem Strang zu ziehen. So waren die Anreizsysteme der Investmentbanker in den letzten Jahren so grundsätzlich andere als die im Privatkundengeschäft der Deutschen Bank, dass es schwer fällt, von einem Unternehmen zu sprechen, das den gleichen Kulturwandel durchlebt.

Unternehmensrhetorik ist also mehr als wohlklingende Worte – sie konstruiert die Welt, in der wir leben und wirtschaften, zu einem erheblichen Maße.

 
 


randbemerkung

Bitte achten Sie bei Ihren Beiträgen unsere Netiquette.

Weitere Beiträge dieser Serie.

John Cryan wählt eine klare Unternehmenskommunikation, findet Stefanie Molthagen-Schnöring. Ein Kommentar (c)  Deutsche Bank AG/Mario Andreya
Foto: Deutsche Bank AG/Mario Andreya
Lesezeit 3 Min.
Kommentar

Klare Worte

Mit unklaren Statements und leeren Versprechungen verloren die früheren Machthaber das Vertrauen der Gesellschaft. Ein Kommentar über den notwendigen Kulturwandel der Unternehmen. »weiterlesen
 

Das könnte Sie auch interessieren.

Einige Dax- und Mdax-CEOs haben 2020 an Medienpräsenz und Reputation verloren, andere gewonnen. (c) Getty Images/seb_ra
Foto: Getty Images/seb_ra
Lesezeit 2 Min.
Meldung

Spohr und Rorsted verlieren, Bruch gewinnt

Die Chefs von Lufthansa und Adidas waren im vergangenen Jahr stärker in den Medien präsent, haben aber an Reputation eingebüßt. Zu den Aufsteigern im Medienpräsenz-Ranking von Keynote gehört der Chef von Siemens Energy. »weiterlesen
 
Das öffentliche und mediale Interesse am Thema Nachhaltigkeit hat stark zugenommen. (c) Getty Images/DA4554
Foto: Getty Images/DA4554
Lesezeit 4 Min.
Analyse

Medien belohnen Bemühungen um Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit und damit verbunden die Kreislaufwirtschaft sind Themen, die in den vergangenen Jahren enorm an Sichtbarkeit gewonnen haben. Das zeigt eine Analyse der Medienberichterstattung von Cision Germany. Die wichtigsten Erkenntnisse für die Unternehmenskommunikation beschreiben Julia Bischler und Boris Mayer im Gastbeitrag. »weiterlesen
 
BMW bündelt seine Unternehmens- und Markenkommunikation in einer neu geschaffenen Agentur. (c) Getty Images/scaliger
Foto: Getty Images/scaliger
Lesezeit 1 Min.
Meldung

BMW bündelt Kommunikation in Exklusiv-Agentur

Der BMW-Konzern richtet seine Unternehmens- und Marketingkommunikation für die Marke BMW neu aus: Eine maßgeschneiderte Agentur soll die Bereiche enger verzahnen. PR und Social Media kommen künftig aus London. »weiterlesen
 
In der Corona-Krise erhielt die Bundesregierung einen enormen Vertrauenszuwachs in der Bevölkerung. (c) Getty Images/ EnricoAgostoni
Foto: Getty Images/ EnricoAgostoni
Lesezeit 2 Min.
Studie

Corona-Krise: Regierung gewinnt an Vertrauen

Das Vertrauen der deutschen Bevölkerung in die Regierung ist infolge der Corona-Krise stark gestiegen, zeigt eine Studie. Aber auch Wirtschaft, Medien und NGOs haben profitiert. »weiterlesen
 
Schachtelsätze, Wortungetüme, Fachbegriffe: Viele Pressemitteilungen der Bundesministerien sind wenig verständlich geschrieben. (c) Getty Images/Standart
Foto: Getty Images/Standart
Lesezeit 2 Min.
Studie

Corona: Regierung kommuniziert oft unverständlich

Die Pressemitteilungen der Bundesministerien zur Corona-Pandemie sind häufig zu unverständlich. Das hat ein Team der Universität Hohenheim herausgefunden. »weiterlesen
 
Ilka Brecht moderiert „Frontal21“ seit 2014. Ein Jahr später wurde sie Redaktionsleiterin. (c) Svea Pietschmann/ZDF
Foto: Svea Pietschmann/ZDF
Lesezeit 7 Min.
Interview

Das Format für unangenehme Fragen

„Frontal21“-Redaktionsleiterin Ilka Brecht über die Recherchepraxis der Politmagazine von ARD und ZDF und den Vorwurf der Voreingenommenheit. »weiterlesen