Egomacher-Kolumne: In der Krise beweist sich der Charakter (c) Getty Images/Purestock
Egomacher-Kolumne: In der Krise beweist sich der Charakter (c) Getty Images/Purestock
Egomacher-Kolumne

In der Krise beweist sich der Charakter

Vom Vorteil des Glanzes der Abwesenheit statt einer kommunikativen Salamitaktik in der Krise: Lernen vom Fall Margot Käßmann. Die letzte Folge der Egomacher-Kolumne von Niels Albrecht
Niels Albrecht

Die W-Frage: Wer?

In Berlin wird viel spekuliert: Wer könnte die Nachfolge von Bundespräsident Joachim Gauck antreten? In der Hauptstadt werden viele Namen gehandelt. Ein Name steht auf den meisten Listen: Margot Käßmann.

Das ist besonders interessant, denn die streitbare Kirchenfrau hat eine Biographie der Lebensbrüche vorzuweisen. Der größte Bruch geschah im Jahr 2010. Die damalige Bischöfin war am 20. Februar 2010 bei einer Autofahrt unter Alkoholeinfluss von 1,54 Promille über eine rote Ampelkreuzung gefahren. Am 23. Februar 2010 wurde ihr Fehlvergehen in den bundesweiten Medien thematisiert. Noch am selben Tag bezeichnete sie ihre Alkoholfahrt als einen schlimmen Fehler, den sie für gefährlich und unverantwortlich hielt.  Am 24. Februar zog Margot Käßmann die Konsequenzen. In ihrer Begründung hieß es, dass ihr Fehlverhalten ihre Autorität beschädigt habe. Wörtlich führte sie aus: „Einer meiner Ratgeber hat mir gestern ein Wort von Jesus Sirach mit auf den Weg gegeben: ‚Bleibe bei dem, was dir dein Herz rät‘ (37,17). Und mein Herz sagt mir ganz klar: Ich kann nicht mit der notwendigen Autorität im Amt bleiben. So manches, was ich lese, ist mit der Würde dieses Amtes nicht vereinbar. Aber mir geht es neben dem Amt auch um Respekt und Achtung vor mir selbst und um meine Gradlinigkeit, die mir viel bedeutet.“

Wenn aus Ächtung Achtung wird

Diese klare Linie brachte ihr viel Respekt und Bewunderung in der Bevölkerung ein. Aus der anfänglichen Ächtung der Medien über ihr Fehlverhalten wurde eine tiefe Achtung für ihre Haltung.  In ihrer eigenen Krise folgte Margot Käßmann einem wichtigen Strategem in der Krisenbewältigung. In dem mit der Nummer 19 heißt es: „Das Brennholz ist die Kraftquelle, die das Wasser im Kessel zum Sieden bringt. Das Wasser erkaltet, sobald man das Brennholz entfernt.“ Das Strategem wird wie folgt ausgelegt:

  • Man packt etwas von Grund auf an: Wurzelbeseitigungs-Strategem.
  • Man nimmt jemandem den Wind aus den Segeln, gräbt ihm das Wasser ab, entzieht ihm den Boden: Kraftentziehungs-Strategem.
  • Man entschärft einen Konflikt, weil dessen Anheizen dem eigenen Vorteil zuwiderläuft: Konfliktdämpfungs-Strategem.

Nach der Krisenbewältigung verordnete Margot Käßmann sich selbst eine mediale Auszeit. Damit verknappte sie die „Marke Käßmann“ in der medialen Wahrnehmung. Schon der Feldherr Napoleon wusste um das Gesetz von Abwesenheit und Gegenwart: „Wenn ich mich oft im Theater sehen lassen, werden die Leute immer weniger Notiz von mir nehmen.“

Gefragtes Mängelexemplar

Durch den Glanz ihrer Abwesenheit steigerte Margot Käßmann ihren Wert unaufhörlich. Als einfache Pastorin der Hannoverschen Landeskirche kann sie sich inzwischen vor Medienanfragen und Angeboten kaum retten. Nach ihrem Amtsverzicht bei der EKD wurde sie Herausgeberin des evangelischen Magazins „Chrismon“, erhielt eine Gastprofessur an der Ruhr-Universität Bochum und wurde zur Botschafterin des Reformationsjubiläums 2017 berufen. Die Medien entdeckten in ihr die neue Dreifaltigkeit aus „Popstar, Übermutter und Mängelexemplar“. Der Erfolg ist in ihrer Persönlichkeit begründet, nicht im Amt. Auch ohne Funktion konnte sie tiefgreifende Wirkung bei den Menschen erzielen. Mit der Freiheit im eigenen Denken und dem konsequenten Handeln konnte sie ihre Krise vollständig meistern.

Salami-Taktik ist keine Strategie

Margot Käßmann ist ein leuchtendes Beispiel für ein kluges und konsequentes Krisenmanagement ihres eigenen Fehlverhaltens. Sie reflektierte ihr Handeln, überprüfte ihre Werte und machte sich nicht vom Amt abhängig. Damit bewies sie wahre Größe. Denn eine Salami-Taktik á la Karl-Theodor zu Guttenberg, Christian Wulff oder Wolfgang Niersbach ist keine Strategie. In der Krise sollte das Reputationsmanagement des Amts, der Organisation und besonders der eigenen Person stehen. Die Person gilt es, mit allen Kräften zu schützen. Auch ohne Amt kann man Wirkung entfalten. Und mit einer klaren Haltung kann man sogar nach Fehlverhalten und Krise zu größeren Aufgaben berufen werden. Entscheidend ist die eigene Haltung, die viele Politiker und Manager in der Krise vermissen lassen. Daher könnte Margot Käßmann auf Joachim Gauck als erste Frau im höchsten Amt folgen. Schon der verstorbene Alt-Kanzler Helmut Schmidt wusste: „In der Krise beweist sich der Charakter.“

 

 

 
 

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