Die Ankündigung eines Bluttests, der Brustkrebs erkennen soll, endete für die Uni-Klinik Heidelberg in einem PR-Desaster/ Bluttest: Getty Images/ Jovanmandic
Die Ankündigung eines Bluttests, der Brustkrebs erkennen soll, endete für die Uni-Klinik Heidelberg in einem PR-Desaster/ Bluttest: Getty Images/ Jovanmandic
Krebs-Bluttest

Der PR-Skandal der Uni-Klinik Heidelberg erklärt

Eigentlich sollte er ein Meilenstein in der Medizin sein. Die Uni-Klinik Heidelberg kündigte schon im Februar einen Bluttest an, der Brustkrebs erkennen soll. Dabei gibt es nicht einmal einen Prototyp. Wir klären über den PR-Skandal auf.
Toni Spangenberg

Worum geht‘s? Die Weltsensation aus Heidelberg

Wissenschaftler der Uni-Klinik Heidelberg forschten an einem revolutionären Test. Mit nur wenigen Millilitern Blut wollten sie feststellen können, ob eine Frau an Brustkrebs erkrankt ist oder nicht. Vier Tumorarten sollten erkannt werden. Schon 2017 habe eine Studie an rund 200 Patientinnen vermeintlich gezeigt, dass der Test so verlässlich wie eine Mammografie sei. Drei Viertel aller Tumore im späteren und 62 Prozent im früheren Stadium sollte der Test erkennen.

Klingt zu schön, um wahr zu sein? Ist es auch. Schon nach der Ankündigung des Tests auf einer Pressekonferenz vergangenen Februar äußerte sich das Deutsche Krebsforschungszentrum kritisch. Bislang sei keine begutachtete Studie in einem Fachmagazin erschienen – bei diesem Stand der Forschung unüblich und eigentlich Voraussetzung, um an die Presse zu gehen.

Dennoch kündigte die Klinik an, den Test noch in diesem Jahr auf den Markt zu bringen. Dafür wurde sogar eine eigene Gesellschaft, die Heiscreen GmbH, gegründet.

Warum wurde das „Wunder“ ein Skandal?

Ihren vermeintlichen Durchbruch gab die Uni-Klinik auf einer Pressekonferenz und in der Bild-Zeitung bekannt. Diese titelte „Weltsensation aus Deutschland“. Die restliche Presse zerlegte die PR-Kampagne jedoch; Fachgesellschaften kritisierten den Test. Das hätte vermieden werden können.

Laut „Süddeutscher Zeitung“ schrieb die Pressesprecherin der Uni-Klinik dem Vorstand drei Tage vor der Konferenz: „So langsam bekomme ich Bauchschmerzen.“ Sie schrieb von einer „brisanten Situation“, warnte vor „weitreichenden Aussagen in einem kritischen Journalistenumfeld.“ Auch zum Test selbst habe sie sich kritisch geäußert. „Daten und Validität“ seien „noch nicht ganz klar“. In einer Mail an alle Vorstandsmitglieder vom 19. Februar, zwei Tage vor dem PR-Desaster, fragte sie nochmal nach, wollte wissen, „wie weitgehend man sich äußern möchte.“ Vergeblich.

Das Klinikum hätte die Reißleine noch ziehen können, tat es aber nicht. Laut „Spiegel Online“ seien finanzielle Interessen der wahrscheinlichste Grund dafür. Kurz nach Erscheinen des Bild-Artikels stieg der Aktienkurs der NKY Medical Holding, einem chinesischen Investor, um mehr als 35 Prozent.

Skurril ist auch, dass die Ärzte der Uni-Klinik, die den Test vorstellten, an der Forschung gar nicht beteiligt waren. Dafür hielten sie Anteile an der Firmenausgründung Heiscreen, die ihnen mögliche Erlöse sicherte. Die eigentlichen Forscher waren zum Zeitpunkt der Ankündigung schon gar nicht mehr mit an Bord. Ein Großteil des Teams um die Chinesin Rongxi Yang, und damit einiges an Know-how, verließ die Uni-Klinik im Zuge der Heiscreen-Gründung.

Wer sind die Schuldigen?

Laut der „Süddeutschen“ zeige eine interne Untersuchung des Klinikums, dass der gesamte Vorstand in die Affäre um den Bluttest verstrickt ist. Die leitende ärztliche Direktorin Annette Grüters-Kieslich, die kaufmännische Direktorin Irmtraut Gürkan und Dekan Andreas Draguhn hätten die Pressekonferenz vorangetrieben. Auch Gynäkologieprofessor Christof Sohn sei aktiv beteiligt gewesen. Dies belegten interne Unterlagen.

Welche Folgen hat der Skandal?

Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts auf Insiderhandel und Börsenmanipulation. Daneben startete die Innenrevision der Uni-Klinik Heidelberg, die künftig direkt der ärztlichen Direktorin unterstellt werden soll, eine Untersuchung und befragte alle Beteiligten. Der Tumorbiologe Magnus von Knebel Doeberitz sollte den Test überprüfen. In einer Stellungnahme an den Dekan schreibt er laut „Süddeutscher Zeitung“: „Es muss klar festgehalten werden, dass es das in der Pressemitteilung erwähnte Verfahren bisher nicht gibt.“ Es gebe nicht einmal einen Prototyp. „Somit können auch keinerlei Angaben zum diagnostischen Wert des avisierten, aber noch nicht vorhandenen Produktes gemacht werden.“ Die Angaben der Pressemitteilung müssten „als nicht begründet angesehen werden.“ Heiscreen widerspricht in einer Stellungnahme. Es gebe bereits einen Test der Uni-Klinik Heidelberg, der unter Laborbedingungen funktioniere.

 

 

 
 


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