Für Journalisten ist es schrecklich, wenn Pressesprecher sprachlos bleiben (c) Thinktsock/doomu
Für Journalisten ist es schrecklich, wenn Pressesprecher sprachlos bleiben (c) Thinktsock/doomu
Zuckerbrot und ­Peitsche

Das Paradoxon der sprachlosen Sprecher

In der Kolumne "Zuckerbrot und Peitsche" berichten Medienmacher hautnah von ihren Erfahrungen mit Kommunikatoren. Sie loben und lästern. Dieses Mal: RBB-Reporter Ulli Zelle über schweigende Sprecher.
Ulli Zelle

In der Abwechslung liegt der Reiz des Spiels! Und bei PR-Leuten gibt es so große Unterschiede wie zwischen Boulevard-Journalist und Feuilleton-Edelfeder. 

Als Student der Wirtschafts- und Gesellschaftskommunikation an der Universität der Künste in Berlin habe ich gelernt, PR meint: Tue Gutes und rede darüber.

Das mit dem Guten ist längst nicht mehr glaubhaft. Versuche, dein Unternehmen, dein Produkt, deine Politik oder was auch immer, so gut es geht zu vermarkten. Bringe nur die Vorzüge, gern auch leicht überhöht, auf den Markt der Meinungen.

Nach dem Studium habe ich kurz als PR-Schreiber für die Halbstadt West-Berlin gearbeitet und gelernt, dass in der Branche vieles auch halblegal funktionieren kann. Senatsgel­der wurden nicht immer korrekt angelegt oder ausgegeben. Informationen durften auch mal Halbwahrheiten sein. Vergangenheit, verjährt. Schließlich wechselte ich die Seiten, ging zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Jetzt gehörte ich ja zu den „Guten“. PR galt als Journalismus zweiter Klasse. Und doch sind sich bis heute Heerscharen von Journalisten nicht zu schade, ganze Passagen aus PR-Texten zu übernehmen. Oder sich einladen zu lassen, auf eine Informations-Tour oder ein Arbeitsessen.

Persönliche Beziehungen spielen weiterhin eine wichtige Rolle. Schließlich öffnen PR-Leute auch Türen, verschaffen Drehgenehmigungen oder „Unter drei“-Infos. Alles berechtigt.

Ich verstehe, wenn Unternehmen durch ihre PR ein besonderes Image verkaufen wollen. Ich verstehe nicht, wenn andererseits hochbezahlte Pressesprecher sprachlos bleiben, weil die Fragen ihnen nicht in den Kram passen. Wie schrecklich war für Journalisten die „Schweigepflicht“ der BER-Flughafen-PR in Berlin. Das Gleiche gilt für die PR großer Einzelhandels­ketten oder Banken, die „zumachen“. Und trotzdem „Pressesprecher“ beschäftigen. Diese sollen allerdings Öffentlichkeit verhindern, sind PR-Prellböcke für unbequeme Journalisten. Diese Leute machen uns in den Redaktionen das Leben manchmal schwer. Peitsche und nochmal Peitsche.

Zuckerbrot für Kollegen, die Medien die verwertbaren, verlässlichen Informationen liefern und mit denen wir auf der Basis gegenseitigen Vertrauens zusammenarbeiten können.  Auch bei einmaligen PR-Aktionen. Denn man sieht sich immer zweimal.

 

 
 

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Kommentare

Ach, ja - Ähnliches ließe sich auch über Journalisten sagen oder schreiben. Egal, ob sie fürs Gossenblatt oder ein angeblich hochangesehenes Medium schreiben oder funken. Überall finden sich Leute, die ihren Job unauffällig, professionell und kollegial erledigen und die in welcher Form auch immer Durchgeknallten. Gerade unter den Kollegen des Herrn Zelle durfte ich schon einige mit der notorischen "Ich-bin-vom-Fernsehen"-Attitüde kennenlernen... Nach meiner Beobachtung hängt es bei Pressesprechern stark von der Einzelperson ab. Vor Jahren wechselte der Chefredakteur eines Nachbarblatts (selbe Branche, selber Verlag) in die Pressestelle eines Herstellers. Über Nacht hatte der sämtliche journalistischen Arbeitsgrundsätze vergessen, mauerte und maulte nur noch, gab sich auf Pressekonferenzen wortkarg, war nebenbei faul und verschlechterte die Wahrnehmung seines Arbeitgebers in kürzester Zeit ganz beträchtlich. Als der dann die Reißleine zog und sein Nachfolger (ebenfalls ein Journalist aus der Branche) antrat, herrschte ebenso schnell wieder eitel Sonnenschein, denn der wußte, wie man vernünftig mit den Medien kommuniziert. Manchmal sind es allerdings auch die Unternehmen selbst, die gar nichts rausgeben wollen und bei denen man sich fragt, warum sie überhaupt Geld für einen Pressesprecher ausgeben. Der langjährige Deutschland-Sprecher eines US-Herstellers maßlos überteuerter PCs und Smartphones kündigte irgendwann, weil er nichts zu sagen hatte und nichts sagen durfte. Schließlich entscheidet - die geschilderte Ausnahme bestätigt die Regel - die Herkunft der Pressesprecher über ihre Professionalität. Wer schon mal in einer oder mehreren Redaktionen gearbeitet hat, weiß, wie die ticken, welches Bild- und Tonmaterial die gern hätten etc. Wenn auf dem Posten ein ahnungsloser BWLer sitzt, muß der sich dieses Wissen erst aneignen. Und dann hapert's oft an den Kleinigkeiten, für die aber nicht zwingend die Presseleute was können: Firmen laden zu Presseterminen ein, obwohl sie rein gar nichts Neues zu verkünden haben, zu den wichtigsten Themen fehlt das Bildmaterial, wenn es sich um Produktneuheiten handelt, gibt es keine Preisangaben etc. Bei Aktiengesesllschaften ist mittlerweile das größte Problem, daß die selbst Pipifax-Anfragen schriftlich haben wollen, weil jede unbedachte, unabgestimmte Äußerung im schlimmsten Fall Klagen nach sich zieht. Daß Vorstände von Aktiengesellschaften auf den Jahreshauptversammlungen stur vom Blatt ablesen, mag auch ihrer Drögheit und mangelnden Rhetorik geschuldet sein. Hauptgrund ist aber, daß jedes Wort mit der Rechtsabteilung abgestimmt ist.


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