In der PR fehlt es immer noch an Chancengleichheit. (c) Getty Images/mariakraynova
In der PR fehlt es immer noch an Chancengleichheit. (c) Getty Images/mariakraynova
Studie

Das Ende des PR-Patriarchats?

PR wird heute mehrheitlich von Frauen umgesetzt. Immer mehr Kommunikatorinnen übernehmen Führungs- und Spitzenpositionen. Doch nach wie vor sind die Gehälter ihrer männlichen Kollegen im Durchschnitt höher, fehlt Chancengleichheit. Teil 4 unserer Serie zur Studie „Kommunikationsmanagement 2018“
René Seidenglanz

Eine „Feminisierung“ der PR-Branche haben Forscher und Praktiker in Deutschland spätestens in den 1990er-Jahren beobachtet. Deutschland folgte damals mit einiger Verspätung einer Entwicklung, die in den USA bereits in den 1980er-Jahren eingesetzt und zu einem „Gender Switch“ geführt hatte. Sprich: Der Anteil von Frauen in der PR überwog den von Männern. Wurde seinerzeit noch darüber diskutiert, ob die zunehmende „Verweiblichung“ des Berufsstands auch mit dessen Bedeutungsverlust einhergehen könnte, ist die Branche heute deutlich weiter.

Heute sind Frauen in großer Zahl und selbstverständlich in Führungspositionen vorgerückt. Doch ist damit auch eine Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern hergestellt? Anhand der langen Tradition der größten deutschen Berufsfeldstudie (siehe Infokasten) lassen sich Status quo und Entwicklungen gleichermaßen analysieren.

Jede fünfte Frau in der PR ist teilzeitbeschäftigt

Die zunehmende „Feminisierung“ des Berufsstands in den vergangenen Jahren lässt sich eindeutig dokumentieren. 2007 waren Männer mit 53 Prozent noch knapp in der Mehrheit, schon 2009 herrschte zwischen den Geschlechtern Parität. Laut der aktuellen Studie sind 60 Prozent der PR-Manager weiblich. In den jüngsten Jahrgängen ist dabei der Frauenanteil am höchsten, nämlich 84 Prozent bei den unter 30-Jährigen. Nur noch unter den PR-Praktikern jenseits von 60 Jahren stellen Männer eine Mehrheit. Das bedeutet, die „Feminisierung“ wird sich schon allein deswegen fortsetzen, weil diese älteren Jahrgänge sukzessive aus dem Beruf ausscheiden.


Die Studienreihe Kommunikationsmanagement entsteht in Kooperation von Bundesverband deutscher Pressesprecher (BdP), Quadriga Hochschule Berlin und Universität Leipzig. Seit 2005 werden von Günter Bentele (Universität Leipzig) und René Seidenglanz (Quadriga Hochschule Berlin) regelmäßig die Strukturen des Felds in Deutschland, Karrierewege, Position, Gehälter und Einstellungen der PR-Praktiker sowie Rahmenbedingungen per Online-Befragung erhoben. Die Reihe ist eine der umfassendsten PR-Studien weltweit. 1.553 PR-Manager nahmen teil.


Die PR verhält sich ebenso geschlechtstypisch wie andere Berufsfelder: Teilzeitstellen sind vorwiegend weiblich besetzt. Jede fünfte Frau, aber nur jeder 25. Mann ist teilzeitbeschäftigt. Was auffällt: Die meisten Frauen übernehmen im Alter zwischen 30 und 40 Jahren eine Teilzeitposition. Dann sind bis zu 40 Prozent der PR-Managerinnen in Teilzeit tätig. Bei jüngeren Frauen hingegen spielen Teilzeitmodelle kaum eine Rolle. Hinzu kommt, dass viele Frauen im Alter zwischen 30 und 40 ganz aus der PR aussteigen. Familiengründung, die in diesen Zeitraum fällt, dürfte hierfür maßgebliche Ursache sein.

In den echten Top-Positionen ist noch Luft nach oben

In dem Maße, in dem der Anteil von Frauen im Berufsfeld insgesamt wächst, steigen Frauen mit entsprechender Berufserfahrung auch in Führungspositionen auf. Waren zu Beginn unserer Studienreihe 2005 nur 39 Prozent der Stellen mit Personalverantwortung von Frauen besetzt, sind es heute 54 Prozent.

Die Position der Gesamtleitung Kommunikation haben insgesamt zu 55 Prozent Frauen inne. In den wirklichen Top-Positionen – Gesamtleitung Kommunikation in großen Organisationen mit mehr als 5.000 Mitarbeitern – machen Frauen inzwischen einen Anteil von 40 Prozent aus. Einzelne PR-Abteilungen oder -Disziplinen werden zu 54 Prozent von Frauen geführt, Teamleitungspositionen sind zu 65 Prozent weiblich besetzt.

Hintergründe zum Gender Pay Gap in der PR

Gerade der Unterschied in den Top-Positionen wirkt sich stark auf das Durchschnittsgehalt von Männern und Frauen aus. Daher beträgt der (unbereinigte) Gender Pay Gap in der PR – also die Gehaltsdifferenz zwischen männlichen und weiblichen PR-Beschäftigten – im Durchschnitt jährlich 24.000 Euro.

Prozentual gerechnet entspricht das etwa dem gesamtgesellschaftlichen Level in Deutschland. PR-Frauen arbeiten deutlich häufiger in Teilzeitpositionen. Und sie arbeiten öfter in kleinen PR-Einheiten und in Branchen, in denen generell geringere Gehälter bezahlt werden. Auch sind Frauen in der PR im Durchschnitt jünger als Männer, welche in den älteren Praktikergenerationen mit hoher Berufserfahrung stärker vertreten sind.

Solche Faktoren müssen bei der Betrachtung des Gender Pay Gap berücksichtigt werden. In der öffentlichen Debatte wird er häufig verzerrt und falsch debattiert. Auch PR-Frauen verdienen auf der gleichen Stelle nicht ein Fünftel weniger als ihre männlichen Kollegen. Bereinigt man den obigen Wert um diese Faktoren, so verbleibt in der aktuellen Studie ein jährlicher Gehaltsunterschied von 8.600 Euro, der sich durch das Geschlecht, aber auch weitere, gegebenenfalls nicht erhobene Variablen erklären ließe.

Chancengleichheit sehen eher die Männer

Haben PR-Frauen und -Männer die gleichen Chancen in ihrer Organisation, wenn es um Karriere oder Bezahlung geht? Die Mehrheit der Befragten bejaht das, allerdings mit deutlichem Unterschied (siehe Abb. 1). Während drei Viertel der männlichen Befragten in ihrem Umfeld Chancengleichheit erkennen, sind es nur 56 Prozent der befragten Frauen. 40 Prozent von ihnen sehen weibliche Kollegen benachteiligt. Umgekehrt schätzen 14 Prozent der PR-Männer ein, dass männliche PR-Beschäftigte im Nachteil seien.

Im Rahmen unserer Studienreihe hatten wir zuletzt 2009 dezidiert nach der Chancengleichheit beider Geschlechter gefragt. Damit ist es möglich, Veränderungen einer ganzen Dekade nachzuzeichnen. Doch verändert hat sich kaum etwas – die Werte sind nahezu gleich geblieben. Einzig signifikant: Männer fühlen sich etwas häufiger benachteiligt als damals.

 

(c) Quadriga Media Berlin

Chancengleichheit zwischen PR-Frauen und -Männern in der eigenen Organisation.  (c) Quadriga Media Berlin

Familienplanung behindert den Aufstieg von Frauen

Als wesentliches Karrierehindernis für Frauen werden in der PR-Praxis nach wie vor Kinder und Familienplanung gesehen (siehe Abb. 2). Obendrein mangelt es an Teilzeitmodellen. Sie würden eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen – und zwar für beide Geschlechter.

Organisationen können hier zwar einiges tun, ihre Mitarbeiter zu unterstützen. Andererseits sind die Möglichkeiten, anspruchsvolle Führungsfunktion und Teilzeitarbeit miteinander zu koppeln, häufig begrenzt. Es bleibt also auch hier vor allem eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, jene Elternteile, die Karriere und Familie miteinander verbinden möchten, mit besseren Betreuungsmöglichkeiten zu unterstützen.

Mehr als zwei Fünftel der Befragten, vorwiegend weibliche PR-Manager, meinen, dass Männerseilschaften nach wie vor den Aufstieg von Frauen in Führungspositionen verhinderten. Die Zustimmung zu solchen Annahmen hat sich in den vergangenen Jahren sogar erhöht. Das könnte allerdings auch damit zusammenhängen, dass sich durch die Debatten der letzten Monate das Bewusstsein für entsprechende Phänomene nochmals geschärft hat.

Auch mögliche geschlechtsspezifische Aufstiegshemmnisse werden von den weiblichen Befragten sehr viel häufiger artikuliert. Dass sich Frauen stärker auf ausführende statt auf strategische und damit führende Aufgaben konzentrierten, glaubt jede dritte PR-Frau – aber glauben nur 16 Prozent der PR-Männer. Auch die These, dass Frauen weniger durchsetzungsstark seien, wird viel häufiger von den PR-Frauen selbst vertreten (16 Prozent gegenüber sechs Prozent der männlichen Befragten).

 

(c) Quadriga Media Berlin

Vermutete Karrierehindernisse für den Aufstieg von Frauen in der PR. (c) Quadriga Media Berlin

Gerade Frauen stoßen auf Karrierehindernisse

Ist nun in der PR das Patriarchat überwunden? Fakt ist: PR wird heute mehrheitlich von Frauen umgesetzt, und die „frauenstarken“ Jahrgänge übernehmen inzwischen auch vielfältige Führungs- und Spitzenpositionen. Der Anteil von „führenden“ Frauen entspricht dabei zunehmend ihrem Anteil im Berufsstand insgesamt.

Gleichermaßen aber lassen sich immer noch Gehaltsunterschiede feststellen. Und vor allem Frauen registrieren nach wie vor Defizite bei der Chancengleichheit und stoßen auf Karrierehindernisse.


Dies ist Teil vier der Reihe „Wo steht die Branche?“. Der fünfte und letzte Teil wird sich mit der Frage beschäftigen, welche Trends in der PR wirklich wichtig sind und wie die PR der Zukunft aussehen wird. Hier können Sie Teil einszwei und drei der Serie nachlesen.

 

 
 

Kommentare

Um den Gender Pay Gap bemessen zu können, ist es natürlich relevant, Äpfel mit Äpfeln zu vergleichen - und nicht den ganzen Obstsalat heranzuziehen. Gleiche Position/Erfahrung, gleiches Arbeitszeitvolumen. "Bereinigt man den obigen Wert um diese Faktoren, so verbleibt in der aktuellen Studie ein jährlicher Gehaltsunterschied von 8.600 Euro." 8.600 Euro sind sehr, sehr viel Geld - für 0,0 Leistungsunterschied. Früher habe ich den Wert von Geld in Brausebonbons gemessen - in den späten 80ern war eines 2 Pfennig wert, heute schaue ich auf Fachbücher. Wie hoch wäre der Stapel an Büchern, den man mit 8.600 Euro abzüglich Sozialabgaben und Steuern jedes Jahr kaufen könnte? Jedes Jahr, 40 Jahre lang. Von Brausebonbons ganz zu schweigen. Ich kann junge Frauen nur ermutigen: Verhandelt gut, denn Eure Leistung ist es wert.


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