CSR im Fußball (c) Thinkstock/ amana productions inc.
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CSR im Profifußball ist mehr als soziale Aktivität und Umweltschutz

Nico Briskorn hat selbst viel dazu beigetragen, das Thema Corporate Social Responsibility (CSR) in der Fußball-Bundesliga zu etablieren und sich sozusagen seinen Job selbst geschaffen. Ein Interview mit dem Leiter der Stabsstelle CSR beim VFL Wolfsburg.
Florian Till Patzer

Herr Briskorn, wie wird man Leiter der CSR-Abteilung eines Fußballclubs?

Nico Briskorn: Das Thema hat sich im Laufe meiner Arbeit beim VfL Wolfsburg ergeben. Ich habe Sport auf Diplom mit dem Schwerpunkt Management studiert. Seit zehn Jahren bin ich beim VfL Wolfsburg und habe zunächst andere Themen betreut. Ich hatte aber immer Berührungspunkte zu nachhaltigen Themen. Für das Thema CSR habe ich mich durch eigene Motivation begeistert. Ich habe ein Konzept entwickelt und es der Geschäftsführung vorgestellt, die es abgesegnet hat. So entstand eine Jobbeschreibung mit neuen Zielen und Programmen, denen ich mich voll und ganz widme.

Ihnen scheint also viel am VfL Wolfsburg zu liegen. Waren Sie schon vor ihrer dortigen Tätigkeit VfL-Fan?

Ehrlich gesagt, nein. Das sind auch die wenigsten Mitarbeiter, weil sie aus der ganzen Republik kommen. Aber natürlich bin ich generell fußballbegeistert und die Nähe zum Verein ist über die Jahre hinweg natürlich gewachsen. Mittlerweile trage ich das VfL-Gen in mir.

Was unterscheidet das CSR-Management bei einem Fußballclub von dem anderer Unternehmen?

Der Druck von außen ist nicht so stark. Klassischen Wirtschaftsunternehmen müssen eher Rechenschaft ablegen, warum sie handeln, wie sie handeln. Dabei wird beispielsweise ein Blick auf die Lieferkette gelegt. Unsere Anspruchsgruppen und Themen sind jedoch anders gelagert. Es geht ums Soziale, um Umweltaktivität und sauberen Sport. Das ist eher ein chancenorientierter Ansatz, bei dem man etwas für das eigene Image und die Identifikationsstärke tun kann. Dazu kommen Kundenbindung und Sponsorenakquise.

Stehen Nachhaltigkeit und ständig wechselnde Spieler, die extrem hohe Gehälter erhalten, nicht im Widerspruch zueinander?

Es ist schwierig, im schnelldrehenden Fußballbusiness einen nachhaltigen Plan zu verfolgen. Ein Hindernis ist, die Geschäftsführung davon zu überzeugen, dass das der richtige Weg ist. Ohne Rückhalt braucht man gar nicht erst anzufangen und man muss auch die Mitarbeiter und Kollegen einbeziehen. Interne Kommunikation ist unglaublich wichtig, denn nur in der Gemeinschaft kann man etwas erreichen. Letztendlich organisiert auch unsere CSR-Abteilung nicht alles selbstständig.  Wir haben intern eine Beratungsfunktion und bringen Ideen ein. Wir versuchen alle Abteilungen dazu zu motivieren, dass sie eigene CSR-Themen entwickeln und sich dazu Ziele setzen.

Wie sind sie 2011 mit der viel kritisierten Kaderaufblähung durch Felix Magath umgegangen? In der Öffentlichkeit ist so etwas sicherlich schwierig als „nachhaltig“ zu verkaufen.

Kontinuität ist in der sportlichen Führung natürlich wichtig, um als nachhaltig wirtschaftend wahrgenommen zu werden. Bei unserem CSR-Management können wir das natürlich nicht ausklammern. Die Bundesliga-Mannschaft ist und bleibt das bundesweite Aushängeschild des VfL. Wir versuchen zum Beispiel auch für Nachwuchsspielerinnen Ausbildungsplätze zu schaffen, bei uns im Verein, aber auch bei Kooperationspartnern wie Volkswagen (VW). Andererseits schaffen wir uns dadurch auch einen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Bundesliga-Vereinen. Das zeigt, dass CSR im Kerngeschäft verankert und auch für Sportvereine wichtig ist. Nachhaltigkeit ist mehr als soziale Aktivität und Ökologie. Der Profifußball braucht sie, um langfristig erfolgreich zu sein.

Welches ihrer CSR- Projekt war am erfolgreichsten?

Unser Corporate-Volunteer-Tag war unglaublich wertvoll. Als Auftakt für unser künftiges Corporate Volunteering-Programm starteten wir am 18. September 2013 einen ersten  Freiwilligen-Tag. Anlass war das Junihochwasser der Elbe und anderer Flüsse Mitteleuropas. Südlich von Magdeburg waren die Spielstätten der TSG Calbe von den Fluten zerstört worden.  Insgesamt 150 Bundesliga-Profis,  Spielerinnen, Mitarbeiter und Geschäftsführer des VfL packten an, unter ihnen auch Manager Klaus Allofs und Chefcoach Dieter Hecking. Die gemischten Teams der beiden Clubs strichen Zäune, Tore und Banden, sanierten die Räume des Sportlerheims und bereiteten die Rasenflächen wieder auf. Alle Mitarbeiter und auch die Profis wurden eingebunden. So war der sperrige Begriff „CSR“ intern erlebbar. Viele Mitarbeiter wissen oft gar nicht, was sich dahinter verbirgt. Darüber hinaus gab es schöne Projekte, wie unsere Upcycling-Kollektion. Wir haben auch Projekte zu den Themen Bildung, Gesundheit und Integration.

Gab es Maßnahmen, die nicht funktioniert haben?

Das würde ich nicht sagen. Aber es gibt nach wie vor große Herausforderungen. Eine riesengroße Challenge ist das Thema CO2-Reduzierung bei der Fan-Mobilität CO2. Wir können unsere Fans nicht von heute auf morgen zu Umweltschützern umerziehen. Das Thema können wir nur sehr sensibel und nach und nach in die Fanszene hineinbringen.

Sind ihre Erfahrungen auf andere Clubs übertragbar oder genießen Sie mit dem Sponsor VW an ihrer Seite besondere Vorteile?

Wir arbeiten in verschiedenen Bereichen eng mit der Volkswagen AG zusammen. Mit dem Know-how des Konzerns und unsere Managementstrukturen haben wir eine unglaubliche Stärke, die es so vielleicht nicht bei allen Vereinen gibt. Sicherlich lässt sich dieses Modell nicht 1:1 auf andere Fußballclubs übertragen. Dennoch kann man auch einige Projekte und Maßnahmen transferieren. Generell ist der Austausch zum Thema CSR in der Liga in den letzten Jahren stark angewachsen, nicht zuletzt durch die Unterstützung der Bundesliga-Stiftung. Wir sind ganz offen und sprechen mit anderen Vereinen, die Fragen an uns richten, und tauschen uns auch mit ihnen aus, wenn wir Beratungsbedarf haben. Letztendlich versuchen wir gemeinschaftlich das Thema voranzubringen.

Wie sehr ist es überhaupt möglich die Marke „VfL Wolfsburg“ im Bereich CSR unabhängig von der Marke „VW“ zu platzieren? Oder ist dies gar nicht gewollt?

Die Motivation, sich das Thema CSR anzueignen, kam zu hundert Prozent von uns. Es ist kein VW-getriebenes Thema. Das Thema hilft uns unter anderem als Verein, Sponsoren und Fangruppierungen an uns zu binden.

Wäre CSR-Management auch noch in der zweiten Liga beim VfL ein Thema?

Bei uns ist CSR gesichert. Kürzungsmaßnahmen würde es nach Aussage der Geschäftsführung nicht geben. Wir haben die Sicherheit mit VW im Rücken. Daher wird CSR, das ja auch Bestandteil unserer DNA ist, mein Kernthema bleiben.

Welche Projekte planen sie als Nächstes?

Wir werden 2015 einen außerschulischen Lernort eröffnen, der Teil unserer interaktiven Fußballwelt werden wird. Das ist ein sehr großes Projekt im sozialen Bereich, bei dem wir Workshop-Programme für Klassen anbieten. Dafür haben wir auch einen Pädagogen eingestellt. Um das Thema „Nachhaltigkeit“ stärker in unserer Organisation zu verankern,  werden wir noch in diesem Jahr eine CSR-Software im Unternehmen einführen, damit Nachhaltigkeit tagtäglich für die Mitarbeiter fassbar ist.

 

 

 
Nico Briskorn
VFL Wolfsburg
Leiter der Stabsstelle Corporate Social Responsibility

steuert seit Juli 2010 die Stabsstelle Corporate Social Responsibility der VfL Wolfsburg-Fußball GmbH. In dieser Funktion treibt er maßgeblich die Geschäftsentwicklung in den Themen Gesellschaft und Ökologie voran. Er ist in verschiedenen Gremien und Arbeitsgruppen vertreten, unter anderem im Arbeitskreis für gesellschaftliches Engagement der Bundesliga-Stiftung. Bereits seit 2004 ist Briskorn beim VfL Wolfsburg beschäftigt und verantwortete bis 2010 unter anderem die Themen Customer Relationship Management/Kundenclubs, Er studierte Sportmanagement an der Universität Leipzig.

 

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