Rund um die Rolle von Kindern in der Pandemie ist eine hoch emotionalisierte und krisenanfällige Debatte entbrannt. (c) Getty Images/zsv3207
Rund um die Rolle von Kindern in der Pandemie ist eine hoch emotionalisierte und krisenanfällige Debatte entbrannt. (c) Getty Images/zsv3207
Kommunikation zur „Corona-Kita-Studie“

Komplexität im Krisenmodus

Kinderbetreuung in Corona-Zeiten – bei diesem sensiblen Thema wird aus Wissenschaftskommunikation schnell Krisenkommunikation. Was das für die kürzlich vorgestellte „Corona-Kita-Studie“ der Bundesregierung bedeutet, berichtet Katrin Münch-Nebel von der Agentur Ressourcenmangel.
Katrin Münch-Nebel

Rund um die Rolle von Kindern in der Pandemie ist eine hoch emotionalisierte und krisenanfällige Debatte entbrannt. Zunächst wenig beachtet, bekamen Elternproteste im Verlauf des Lockdowns stärkere politische Aufmerksamkeit. Kinder dürften nicht unter der Pandemie leiden, hieß es von Angela Merkel im Sommer. Doch widersprüchliche wissenschaftliche Ergebnisse sorgten für Verunsicherung bei allen Beteiligten: Erst galten Kinder als „Virenschleudern“, dann zeigten wissenschaftliche Studien, dass sie vermutlich keine Infektionstreiber sind.

Um Klarheit über die Verbreitung des Coronavirus bei Kindern zu bekommen, hat die Bundesregierung deshalb die „Corona-Kita-Studie“ initiiert. Erste Ergebnisse wurden am vergangenen Wochenende von Bundesfamilienministerin Franziska Giffey und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vorgestellt. Die Studie wird vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) und dem Robert Koch-Institut (RKI) interdisziplinär durchgeführt, mit Unterstützung unserer Agentur Ressourcenmangel.  

So werden etwa im Rahmen eines Kita-Registers regelmäßig die Kindertagesstätten und Tagespflegepersonen in der gesamten Bundesrepublik befragt, wie sich das Infektionsgeschehen verändert. Dadurch entsteht ein präzises Bild, etwa wie es um Öffnungen und Schließungen der Einrichtungen oder die Personalsituation in ganz Deutschland steht.

Neue Anforderungen an die Wissenschaftskommunikation

Unter dem Brennglas öffentlicher Aufmerksamkeit können wissenschaftliche Erkenntnisse in der Pandemie schnell zu Krisenthemen werden. Während die Politik und eine verunsicherte Öffentlichkeit nach klaren Antworten und Entscheidungen verlangen, gehören Widerspruch und Diskurs zum Wesensmerkmal der Wissenschaft. Der zeitliche Druck, belastbare Ergebnisse zu produzieren, ist enorm. Eine ungewohnte Situation für viele Wissenschaftler*innen.

Die Pandemie verändert auch das Verhältnis von Wissenschaft und Politik, beide Universen nähern sich an. Die Anforderungen an die Wissenschaft wandeln sich, sie muss viel schneller agieren und in Echtzeit Erkenntnisse liefern. Plötzlich findet sie sich in der Rolle des qualifizierten Politikberaters wieder. Das fordert ein anderes kommunikatives Agieren.

Gleichzeitig steht bei der „Corona-Kita-Studie“ eine Zielgruppe im Fokus, die andere kommunikative Erwartungen an die Wissenschaft stellt: Erzieher*innen wollen informiert und ernst genommen werden. Sie sind diejenigen, die sich jeden Tag einer potenziellen Infektionsgefährdung aussetzen. Die Kommunikation der Studie muss deshalb ihre Situation besonders in den Blick nehmen, neues Wissen transparent teilen und aufklären. Es geht bei der Kommunikation der Studie nicht um die abstrakte Vermittlung von klinischen Studien, sondern um die kommunikative Darstellung des Betreuungsalltags.


Die „Corona-Kita-Studie“

Die „Corona-Kita-Studie“ ist eine interdisziplinäre Längsschnittstudie (Juni 2020 bis Dezember 2021), die bundesweit vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) und Robert Koch-Institut (RKI) durchgeführt wird. Finanziert wird die Studie vom Bundesfamilienministerium und Bundesgesundheitsministerium. Sie untersucht aus medizinischer und sozialwissenschaftlicher Sicht, was die Pandemie für Kitas und die Tagespflege, Kinder und Eltern bedeutet, sowie welche Rolle die Kindertagesbetreuung bei der Ausbreitung des Coronavirus spielt. Die Analysen beruhen unter anderem auf regelmäßigen Meldungen aus dem bundesweiten Kita-Register sowie auf Ergebnissen von Stichprobenbefragungen in Einrichtungen der Kindertagesbetreuung und bei Eltern. Das Kita-Register wurde von der Agentur Ressourcenmangel programmiert, die darüber hinaus auch die gesamte Kommunikation verantwortet und umsetzt – von der Strategie über Konzeption bis Design und Programmierung der Studienwebseite. Ergebnisse zur Studie finden Sie hier.


Drei Learnings aus dem Projekt „Corona-Kita-Studie“

Bei unserer Arbeit in den vergangenen Monaten haben wir einiges beobachtet. Was genau und was sich daraus lernen lässt, habe ich im Folgenden zusammengefasst.

1. Die Wissenschaft ist längst dabei, ihren Elfenbeinturm zu verlassen. Die Corona-Pandemie verstärkt diese Entwicklung. Wissenschaftler*innen sollten dies durch eine neue Art der Kommunikation nutzen.

Die Rolle der Wissenschaft als Orientierungsinstanz in der Pandemie erfordert einen neuen kommunikativen Kompass und eine dialogische Ausrichtung. Es geht um Transparenz, Teilhabe und das Eingehen einer Verbindung mit Kita-Leitungen, Erzieher*innen und Tagespflegepersonen als wichtiger Zielgruppe der Studie. Dabei haben die beiden wissenschaftlichen Kooperationspartner, das Deutsche Jugendinstitut und das Robert Koch-Institut, seit jeher den Auftrag, Politik und Öffentlichkeit zu tagesaktuellen Fragen und Handlungsbedarfen zu informieren und zu beraten.

Umgesetzt haben wir unseren Auftrag mit einer kommunikativen Doppelstrategie. Durch eine gezielte mediale Berichterstattung hält das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) gegenüber der Öffentlichkeit die Relevanz des Themas hoch und die Aufmerksamkeit wach. Allein in der ersten Woche nach der Auftakt-Pressekonferenz zum Start der Studie im August gab es mehr als 1.000 Medienberichte, unter anderem in der 20-Uhr-Ausgabe der „Tagesschau“.

Des Weiteren haben wir die Kita-Leitungen mehrfach mit einem postalischen Anschreiben direkt kontaktiert. Diese sehr effektive und wertschätzende Form der Kommunikation, in der hochkomplexe Inhalte ansprechend aufbereitet sind, hat erreicht, dass schon nach vier Wochen 11.000 von 53.000 Kitas beim Kita-Register mitmachen.

Für den Erfolg der Studie ist es wichtig, den Dialog mit den pädagogischen Fachkräften über einen langen Zeitraum aufrechtzuerhalten. Seit September beantworten die teilnehmenden Kitas und Tagespflegestellen jede Woche eine Umfrage. Regelmäßig informieren wir die Kita-Leitungen und Tagespflegepersonen über neue Forschungsergebnisse, die sie selbst mit ermöglicht haben.

2. Die Krise macht Probleme schneller offensichtlich und beschleunigt Prozesse. Fachexpertise, Sachlichkeit und Issue Monitoring helfen.

Die Dynamik und Vielschichtigkeit der Prozesse in der Krise sind neu. Die Wissenschaft muss in einem enormen Tempo Erkenntnisse nahezu in Echtzeit kommunizieren, bei einem höchst sensiblen Untersuchungsgegenstand. Dafür müssen die geeigneten Rahmenbedingungen geschaffen werden.

In der Hochphase der Pandemie eine komplexe Studienkommunikation zu leiten, bedeutet zunächst, Entscheidungsprozesse neu aufzusetzen. Beschlüsse müssen schnell und von vielen Ebenen, mit zum Teil sehr unterschiedlichen Interessen, getroffen werden.

Das gelingt nur bei einem engen Vertrauensverhältnis zwischen dem Deutschen Jugendinstitut und unserer Agentur. Das Team versteht sich als gemeinsame Einheit. Die Meinungsbildungsprozesse sind hoch komplex. Dabei dürfen keine (kommunikativen) Fehler passieren. Die kleinste sprachliche Veränderung kann die wissenschaftliche Aussage komplett verändern. Sensibilität, höchste Fachexpertise und Methodenkenntnisse des Teams sind entsprechende Schlüsselqualifikationen.

Die kommunikative Aufgabe der Wissenschaft liegt in der sachlichen Entschleunigung zugespitzter Erregungsdynamiken, keine leichte Aufgabe im digitalen Raum. Mit gezieltem Issue-Monitoring sind wir gut gerüstet für die künftigen kommunikativen Herausforderungen der Pandemie.

Erfolgreiche Kommunikationsarbeit in der Krise basiert nicht mehr nur auf gründlicher strategischer Vorbereitung und herausragend umgesetzten Formaten. Moderne Technologien zur Krisenkommunikation sichern einen entscheidenden Vorsprung.

3. Forschung in der Krise und Ergebniskommunikation funktionieren nicht ohne schnelle, sichere und digitale Lösungen.

Alle Kommunikation trägt nur dann, wenn die Forschung den Zugang zu relevanten Daten hat und signifikante Aussagen zum Arbeitsgegenstand treffen kann. Diese Daten müssen regelmäßig erhoben und fortgeschrieben werden. Darum ist die technologische Plattformlösung Voraussetzung nicht nur für das wissenschaftliche Arbeiten des Deutschen Jugendinstituts, sondern auch wesentlicher Kern des Gesamtprojekts. Sinnvoll war hier, dass alle drei Ebenen – die technische Konzeption samt Umsetzung, die empathische Ansprache der pädagogischen Fachkräfte und die anschauliche Vermittlung von Erkenntnissen – ganz selbstverständlich übereinandergelegt wurden.

Auf Basis zeitgemäßer Technologien und in kürzester Zeit bis zur Live-Stellung haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Unterstützung unserer Agentur das Kita-Register, eine bundesweit einmalige, lebendige Datenquelle entwickelt. Diese Plattform macht das Fachwissen und die Erfahrungen der Leitungen und des Fachpersonals für die Forschung nutzbar. Ein Wissensschatz, den es in dieser Form vorher nicht gab. Die dafür geschaffene digitale Infrastruktur ist beispielgebend auch für vergleichbare Projekte des DJI und folgt damit einem Ansatz, der die unmittelbaren Anforderungen präzise abbildet und zugleich mit offenen Standards als Best Practice dient.

Das Kita-Register selbst ist eingebunden in das zentrale Content Hub der Studie. Dezentral entstehende Inhalte werden kanalspezifisch aufbereitet. Die Plattform lebt davon, auch zukünftigen Bedürfnissen technologisch offen zu begegnen. Schließlich bleiben wir in einer dynamischen Situation, der man mit größtmöglicher Flexibilität für neue Inhalte oder kurzfristigen Kommunikationsanforderungen begegnen muss.

 

 
 


randbemerkung

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