Andere zum Lachen zu bringen, kann harte Arbeit sein. (c) Getty Images/LagunaticPhoto
Andere zum Lachen zu bringen, kann harte Arbeit sein. (c) Getty Images/LagunaticPhoto
Einblicke eines Insiders

Wie Humor als Handwerk funktioniert

Was haben Harald Schmidt und die „Sesamstraße“, „Sexy Sport Clips“ und die Bundeswehr gemeinsam? Sie alle kauften Humor ein. Einblicke eines Insiders.
Christian Eisert

Den Begriff „Humor“ zu definieren, kann ganze Seiten füllen. Was Humor für ernste Themen leisten kann, dazu ein Beispiel: Fast alle Bücher über Nordkorea tragen martialische Titel. „Flucht aus Lager 14“ etwa oder „Ich bat den Himmel um ein Leben“ oder „Denunziation“. Doch zu welchem Nordkorea-Titel wurde hierzulande am meisten gegriffen? „Kim und Struppi“.

Eine Straßenumfrage zum Thema Humor würde wahrscheinlich diesen Tenor ergeben: Das Ziel von Humor ist Lachen. Mit professionell entwickeltem Humor – und nur darum soll es hier gehen – lassen sich aber noch ganz andere Ziele erreichen: Relevanz, Umsatz und Macht, kurz RUM.

„Humor macht interessant“ war und ist einer der wichtigen Merksätze für Journalisten, Pressesprecher oder Politiker, Werbetexter, Zahntechniker oder Bundeswehroffiziere. Wer Menschen erreichen, wer ein Thema setzen, eine Botschaft senden will, kann durch das Handwerk des Humors Aufmerksamkeit wecken und Interesse binden. Ein Handwerk, das ich persönlich sowohl für „Sesamstraßen“-Drehbücher nutzte als auch für Moderationstexte zu nächtlichen Erotikclips auf einem Sportsender.

Aufmerksamkeit erzielen Wortspiele, Umkehrungen, Über- und Untertreibungen. Das ist Basiswissen für Schreibprofis. Was meist fehlt, ist das Wissen, wie die Abhängigkeit vom Zufall des Einfalls durch kreative Techniken in ein Immer-Können verwandelt wird. „Witz-Viagra auf Schreibrezept“ wäre ein passender Claim dafür.

Humor ist gnadenlos

Interesse lässt sich durch heiteren Erzählton oder originelle, neue Blickwinkel binden. Einmal hielt ich ein Humor-Seminar bei der Bundeswehr. Es stand nicht etwa unter der Überschrift „Totlachen“, sondern sollte den Offizieren helfen, bei ihrer Beschäftigung mit den immer gleichen Problemen neue Perspektiven zu gewinnen. Sie waren allesamt Ingenieure, die als Zukunftsforscher an der Bundeswehr-Universität arbeiteten.

Den Bundeswehr-Workshop begann ich mit offenem Hosenstall. Es dauerte einige unangenehme Minuten, bis jemand deutlich darauf hinwies und ich, der seine Hose vorher absichtlich derart präpariert hatte, sagen konnte: „Heute sollte uns nichts peinlich sein.“ Leider fanden das die Herren und Damen Offiziere nicht lustig.

Was bewies: Es gibt nichts Gnadenloseres als Humor.

Wenn es um Humor geht, sind Erfolg und Misserfolg so messbar wie kaum sonst wo: Es wird gelacht oder eben nicht. Wer versucht, andere zum Lachen zu bringen, geht das Risiko ein, zu scheitern. Trotz der fast schon mathematischen Prinzipien, deren sich Humor-Profis bedienen. Die drei wichtigsten lauten: Kombiniere zwei Dinge, die nicht zusammenpassen; nutze den Dreier-Rhythmus; baue eine Erwartung auf und brich sie.

Für zehn gute Gags braucht es 100

Der Gefahr, mit einem Gag zu scheitern, begegnen Profis durch zwei Strategien. Zum einen durch Masse. Es gilt die Faustregel: Neun von zehn Gags funktionieren nicht. Was wiederum heißt, für zehn gute Gags braucht es 100 insgesamt. In der Realität ist das Verhältnis meist noch ungünstiger.

Für das Stand-up der „Harald-Schmidt-Show“ arbeiteten 30 Autoren. Die bekamen am Tag der Ausstrahlung vormittags von der Produktion die Themen zugemailt, die bewitzt werden sollten. Spätestens um 14 Uhr mussten die Autoren die fertigen Gags zurückschicken. Ich habe das acht Jahre lang für Harald Schmidt gemacht und mache es immer noch für andere. In bisher 14 Jahren als Gagautor entstanden rund 12.000 dieser sogenannten Oneliner.

Für jede einzelne Schmidt-Show kamen aufgrund der hohen Zahl von Autoren mehrere hundert Gags zusammen. Vom Chefautor wurden sie auf etwa 70 reduziert. Schmidt benutzte davon eine Handvoll für die Sendung. Die restlichen landeten im Papierkorb – und wurden natürlich nicht bezahlt. Humor ist ein gnadenloses Geschäft.

Die zweite Strategie, wie Humorschaffende versuchen, das Scheitern zu mindern, lautet: klauen. Otto Waalkes begann seine Karriere mit übersetzten Sketchen von Woody Allen und Texten aus der Satirezeitschrift Pardon – bis deren Autoren dann jahrzehntelang für Waalkes schrieben. Loriots berühmter Sketch „Das Bild hängt schief“ beruht auf einer Szene aus „Die Ferien des Monsieur Hulot“ von Jacques Tati. Jürgen von der Lippes Nummer „Die fünf Stufen des Alkoholgenusses“ hatte Jahre vor ihm wortgetreu der amerikanische Comedian Larry Miller präsentiert.

Nicht immer jedoch bleibt Klauen in der Branche folgenlos. Der deutsch-afghanische Comedian Faisal Kawusi etwa musste 2015 nach massiven Vorwürfen und entsprechenden Beweisen der Facebook-Gruppe „Comedy Leaks“ einen Comedy-Pokal samt 2.500 Euro Preisgeld erst zurückgeben und danach zugeben, dass er Fremdmaterial ohne Erlaubnis benutzt hatte. Kawusi versprach Besserung.

Youtube und Co. bieten zwar laufend neues Gagmaterial, vom kollektiven Gedächtnis längst vergessene Sketche oder solche aus fernen Ländern. Wer sich dort aber bedient, sollte inzwischen wissen: Nicht nur er oder sie findet diese, sondern auch jene, die den Einfallslosen auf die Finger schauen.

Wer witzig sein will, muss schnell sein

Nicht allein Skrupellosigkeit und handwerkliches Unvermögen der Comedians (seltener ihrer Autoren) führen zu Diebstahl geistigen Eigentums. Es ist auch der Druck, verlässlich Lacher zu produzieren. In immer höherer Schlagzahl, bei wachsender Konkurrenz.

Bis Mitte der Achtzigerjahre genügte es, einmal im Jahr mit einer Show im Fernsehen aufzutauchen. Dann kamen Privatsender, das Internet, Social Media. Es wurde und wird immer mehr gebraucht und immer schneller verbraucht. Zu Harald Schmidts und Stefan Raabs Glanzzeiten in den frühen 2000ern galt es als schnell, wenn ein mittags aufgeplopptes Thema abends bewitzt wurde. Heute erscheinen die ersten Gags, Memes und Videoclips zu neuesten Nachrichten nach wenigen Minuten. Bis zum Abend sind Tausende davon über sämtliche Kanäle hinaus in die Welt gesendet worden.

Belohnt wird das meist nur mit kurzer Aufmerksamkeit, bei wenigen Absendern hingegen mit steigender Reichweite, die sich in finanzielle Entlohnung umwandeln lässt. Aus diesem Witzwust bedienen sich – unerlaubt – Profis und Freizeitkomiker. Aus Skrupellosigkeit? Aus Unvermögen? Auch. Aber vor allem: aus Sicherheitsgründen.

Dazu ein China-Beispiel: In einem meiner Humor-Workshops ließ ich nach vorher vermittelten Prinzipien zu einem vorgegebenen Thema Gags schreiben. Alle Teilnehmer schwangen die Stifte. Nur eine chinesische Germanistik-Studentin suchte im Internet nach bereits vorhandenen Gags zu meinem Thema. Ich wiederholte, Aufgabe sei, Gags zu schreiben, die es noch nicht gibt, woraufhin die Chinesin meinte: „Aber woher soll ich dann wissen, ob der Witz funktioniert?“ Likes und Shares geben darüber Auskunft. Sofern sie nicht gekauft sind.

Humor festigt Macht

Wer einmal aus der RUM-Flasche getrunken hat, will mehr davon. Mehr Relevanz, Umsatz und Macht. Wer andere bewusst zum Lachen bringen kann, hat Macht über ihre Emotionen, ihre Zuneigung, ihre Brieftasche. Humor ist ein Millionengeschäft. Tausende, die davon träumen, tingeln über die Open-Stages der Republik. Für nur wenige steht am Ende eines solchen Weges eine Sportwagensammlung, eine Segeljacht oder ein Sommersitz oder zumindest ein dauerhaftes Einkommen auf dem Lohnniveau einer Krankenschwester.

Humor als Machtfaktor spielt auch jenseits der Showbühne eine Rolle. Für den Chef, der den Witz macht, und für die Lachenden. Wer über schale Scherze des Chefs lacht, festigt die bestehenden Machtverhältnisse (und den Arbeitsplatz). Und wer – besonders als Chef – in der Lage ist, über sich selbst zu scherzen, beweist Stärke. Motto: Sieh her, ich kann es mir leisten, an meinem Status zu rütteln, ohne dass er Schaden nimmt. Übrigens nutzen Frauen viel seltener als Männer Humor als Machtinstrument. Womit sie Risiko reduzieren.

Denn zunehmend schadet Humor. Als ich in einem Seminar von der Gags googelnden Chinesin erzählte – mit sorgsam eingeübtem Akzent –, warf mir eine Teilnehmerin Humor auf Kosten von Minderheiten vor. Ich antwortete, wir seien alle in irgendetwas eine Minderheit. Seien mal am dicksten, mal politisch überkorrekt oder Frau. Alle lachten. Nur die dicke, überkorrekte Teilnehmerin nicht.

Jeder kennt solche Beispiele. Der ursprünglich lobenswerte Ansatz mündet immer öfter in Beschwerden und Anfeindungen. In einer freien Gesellschaft haben aber alle das Recht, veralbert zu werden. Diese Freiheit ist derzeit massiv bedroht. Humor erzeugt heute nicht nur Relevanz, Umsatz und Macht. Humor provoziert viel zu oft Shitstorms. Und dann heißt’s: RUMS!


++ Lesen Sie auch: Elf Tipps für mehr Humor in der Kommunikation ++

 

 
 


randbemerkung

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