Kleider machen Leute (c) Getty Images/iStockphoto/missbobbit
Kleider machen Leute (c) Getty Images/iStockphoto/missbobbit
Kleider machen Leute

Charity-Aktion eines Maßschneiders

Sakko statt Blaumann, Einreiher statt Kasack: In Frankfurt präsentiert die Kampagne „Kleider machen Leute“ des Schneiders Stephan Görner, Menschen in handgefertigten Maßanzügen statt in ihrer Arbeitskleidung. Mit der Idee wirbt er um mehr Anerkennung für die „Menschen im Maschinenraum der City“.
Hilkka Zebothsen

Jeden Monat erscheint im Netz, via Pressemeldung sowie beim Medienpartner Frankfurter Neue Presse ein neues Motiv von Menschen, die bei ihrer täglichen Arbeit keine Anzüge tragen, die meisten besitzen nicht einmal einen. Görner schneidert ihnen einen passgenau auf den Leib, lässt sie in ihrer Arbeitsumgebung ablichten und versteigert am Ende des Jahres auf einer Gala die Bilder zugunsten der Kinder- und Jugendhilfsorganisation Leberecht-Stiftung.

Herr Görner, wie entstand die Idee zur Kampagne?

Stephan Görner: Im Fokus standen zwei Überlegungen: Wie kann man Anzüge in einem neuen Kontext darstellen? In der Werbung findet man ja immer das Gleiche: Hübsche Männer tragen mehr oder weniger gut sitzende Anzüge vor banalen Kulissen wie Autos, Ruinen oder Skylines. Und warum verdienen so viele Menschen bei harten Jobs weder Geld noch Anerkennung? Ich war nicht immer Maßanzugschneider, sondern auch schon Paketauslieferer oder Hilfsarbeiter auf dem Bau.

Und dann haben Sie sich PR-Profis gesucht und die Idee gemeinsam weiter entwickelt?

Ja, Ich spiele mit Sven Müller, einen Fachmann für Events und PR, einen gelungenen Doppelpass. Er ist für die Kommunikation zuständig und hat ein ebenso großes Netzwerk in Frankfurt wie ich. Gemeinsam haben wir Nikita Kulikov dazu bewegen können, die künstlerische Umsetzung der Fotos zu machen. Am Anfang stand zwar der Aspekt „Respekt“ im Vordergrund, das war uns dann aber doch zu viel. Denn ob ein Mensch mehr Respekt erfährt, nur weil er einen Anzug trägt, ist philosophisch zu weit weg für mich. Uns ging es eher um Aufmerksamkeit und Achtung. Wir Team-Mitglieder sind häufig auf dem Roten Teppich unterwegs, ganz im Gegensatz zu denjenigen, die jeden Tag dafür sorgen, dass der Maschinenraum der Stadt funktioniert. Wir bringen sie jetzt selbst auf den Roten Teppich.

Initiator Stephan Görner, Schirmherrin und RTL-Moderatorin Jennifer Knäble, Fotograf Nikkita Kulikov und PR-Profi Sven Müller (v.l.n.r.) (c) Privat

Initiator Stephan Görner, Schirmherrin und RTL-Moderatorin Jennifer Knäble, Fotograf Nikkita Kulikov und PR-Profi Sven Müller (v.l.n.r.) (c) Privat

Geht es in den Bildern auch um das Spannungsfeld zwischen Uniform, Arbeitskleidung und Individualität?

Hmm, das habe ich bisher nicht so gesehen, aber es ist richtig. Wie sieht man Menschen im Anzug und wie, wenn er zum Beispiel seine Uniform trägt? Wie viel Respekt bekommt ein Spüler, Altenpfleger oder Stadtreiniger? Wie ändert sich der Fokus auf Menschen durchs Styling? Mich interessiert, wie wir mit jemandem umgehen, der top gestylt ist – obwohl wir gar nicht wissen, was der macht. Nehmen wir denjenigen anders wahr, wird er anders behandelt? Es geht um den durch Kleidung dargestellten sozialen Status. Bewusst wird natürlich jeder sagen, er behandelt alle Menschen gleich. Aber das sind vermutlich eher politisch korrekte Stereotypen.

Welche Rolle spielen Bilder in Ihrer PR-Strategie?

Menschen nehmen zu 80 Prozent über die Augen wahr und Mode ist abhängig von visueller Wahrnehmung. Es macht keinen Sinn, nur in Texten die tollen Anzüge anzupreisen. Eine passende Bildsprache war in unserer Branche immer schon wichtig, aber durch das Internet werden Bilder und Filme immer wichtiger. Unsere Kunden interessieren sich zwar auch für Hintergründe zu Herstellern und Stoffen – aber niemand liest mehr ellenlange Texte.

Sie haben für das Projekt auch einen Medienpartner. Welche Rolle spielt der?

Die Frankfurter Neue Presse ist die größte Tageszeitung mit lokalem Anspruch. Sie begleitet die Kampagne und veröffentlicht regelmäßig unser Portrait des Monats. Wir haben uns auch dazu commited, die Leberecht-Stiftung der FNP, mit dem Verkauf der zwölf Motive und dem Verkauf von Jahreskalendern zu unterstützen.

"Januar-Model" Herr Stolski von der Frankfurt Stadtentwässerung (c) Nikita Kulikov

"Januar-Model" Herr Stolski von der Frankfurt Stadtentwässerung (c) Nikita Kulikov

Ist Ihr Januar-Model Herr Stolzki von der Stadtentwässerung echt?

Ja klar – die sind alle echt!! In der PR ist das wichtig authentisch und vor allem ehrlich zu sein: Die Kampagne ist ja eine regionale, da sind die Models in der Stadt bekannt und auffindbar. Authentizität ist wichtig, die Teilnehmer werden auch alle zur Gala eingeladen. Es gab den Anruf von einem Bauunternehmer, der sich selbst anbot. Aber den würden wir nicht nehmen, höchstens seinen Gerüstbauer. Auch einem „armen Hoteldirektor“ einen neuen Anzug zu schneidern, würde unsere Glaubwürdigkeit untergraben.

Dürfen Ihre Models den Anzug behalten?

Ja. Sie alle tragen sonst fast nie Anzug oder Krawatte. Unsere Outfits bekommen sie geschenkt, das sind ja Maßanfertigungen im Wert zwischen 1.000 und 1.500 Euro. Wir könnten damit auch nichts mehr anfangen, die Anzüge sind ja passgenau.

Wonach wurden die Models denn ausgesucht, gab es ein Casting?

Wir sind schon lange am Standort und haben viele Kontakte in alle möglichen Gesellschaftsbereiche. Im Team haben wir Berufe ausgewählt in einem Brainstorming, dann überlegt, wer kennt wen. Wir haben Firmen angesprochen, aber die Models wurden von denen intern ausgewählt. Sie sollen ja nicht nur Spaß an der Kampagne haben sondern müssen auch bereit sein, in die Öffentlichkeit zu gehen. Die Plakate hängen ja überall in der Stadt, sie müssen auch Interviews für die Zeitung oder RTL geben.

Das Februar-Model: Pfleger Vitaly Kovalenko aus dem Antoniusheim in Wiesbaden (c) Nikita Kulikov

Das Februar-Model: Pfleger Vitaly Kovalenko aus dem Antoniusheim in Wiesbaden (c) Nikita Kulikov

Welche Motive folgen noch?

Die kommen grob aus den Bereichen Gastronomie, Pflege, Landwirtschaft, Bau – aber ich will noch nicht zu viel verraten. Vielleicht gibt es auch einen Wettbewerb, bei dem sich Leser aus geeigneten Branchen bewerben können.

Wen würden Sie gerne mal einkleiden?

Prominente Politiker. Wir haben viele Kunden aus der Wirtschaft und einige aus dem Show-Business, aber Frankfurt hat an sich keine so große Promidichte. Früher trugen Politiker wie Kohl oder von Weizsäcker schlichte Maßanzüge, aber die heutige Generation tut das eher selten. Schröder oder zu Guttenberg waren gut gekleidet, aber bei den meisten anderen Politikern gibt es noch Nachholbedarf.

Trifft man Sie auch mal in Jogginghose?

Nein (lacht), ich trage so gut wie immer Maßanzug. Vielleicht sonntags abends auf dem Sofa auch mal eine Jeans, aber es gibt nur wenige Menschen, die mich ohne Anzug gesehen haben. Es ist nicht nur ein Job, Anzüge zu verkaufen – ich lebe das auch.

 

 
 

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