Foto: I-Stock/estherpoon
Foto: I-Stock/estherpoon
Alles was Recht ist

Das Bronze, Silber und Gold der Krisenkommunikation

Schneller, höher, weiter? Rechtsanwalt Thomas Klindt kann über die Selbstverplichtung einiger PR-Experten zur schnelleren Kommunikation und Reaktion in Zeiten von Social Media nur den Kopf schütteln. Insbesondere bei der Krisenkommunikation.  Ein weiterer Teil unserer Kolumne "Alles was Recht ist – Streitfälle, die Pressesprecher bewegen". 
Thomas Klindt
 

Knapp drei Monate vor dem Kommunikationskongress 2016 gehen die Gedanken noch einmal zum Kongress des vergangenen Jahres zurück: Viele Vorträge, viele Anregungen, viele Plädoyers. Darunter besonders viele Hinweise auf die enorm gestiegene Geschwindigkeit von Kommunikation im Social-Media-Kontext. Praktisch jeder Speaker betonte, dass Schnelligkeit ein Gut per se sei. Und dann höre ich – quasi als Höhepunkt der Kommunikationsschnelligkeit – einen Leiter Coporate Communication von seiner betriebsinternen Selbstverpflichtung schwärmen.  Man wolle die durchschnittschliche Reaktionszeit auf Online-Kommentare von 120 Minuten auf zwölf Minuten drücken.

Einatmen, ausatmen und nachdenken, bitte!

Einatmen. Luft halten. Ruhig wieder ausatmen. Das Ganze noch einmal. Und dann machen wir uns klar: So geht es nicht! Und so geht es schon gar nicht weiter. Die Abwärtsspirale immer schneller hechelnder Kommunikation droht, die Qualität der Antwort abzuhängen. Und gerade in der Krisenkommunikation – die übrigens auf dem #kk15 sehr oft als Paradebeispiel kurzer Reaktionspflicht genannt wurde – ist Entschleunigung und dreifaches Nachdenken schon aus juristischer Sicht mein eindringlicher Rat.

Denn: Jede Antwort, jeder Kommentar, jede vermeintlich faktische Aussage ist live und kann nicht mehr zurückgeholt werden. Sie vermag deshalb von jedem Richter, von jeder Versicherung, von jedem Kläger und im Übrigen auch von jeder F(l)achöffentlichkeit noch Jahre später auf ihren Wahrheitsgehalt verprobt werden. Jede schnell abgeschossene Kommunikation läuft in das permanente Risiko, rechtlich relevante Aspekte zu vergessen oder gar zu leugnen.

Von Schnelligkeitsfehlern und rechtlichen Konsequenzen

Dazu muss man nicht bis zum GAU, dem größten anzunehmenden Unfall,  gehen und sich vorstellen, die Informationen hätten börsenrechtliche Insider-Relevanz und müssten eigentlich im kapitalmarktrechtlich geordneten Verfahren einer ad-hoc-Mitteilung ablaufen. Es reichen schon kleinere, der Schnelligkeit geschuldete Fehltritte, die bei bedächtigerer Planung so hätte nicht bekannt gemacht werden dürfen: Zum Beispiel, weil die Versicherung anders informiert wurde. Oder weil behördliche Notifikationen einen anderen Inhalt hatten odergesellschaftsrechtliche Shareholder-Informationen anders gelautet haben. All dies kann in zwölf Minuten natürlich vorher nicht mehr auf der Zeile gelesen und verglichen werden.

In der Ruhe liegt die Kraft, und im Verzicht der Gewinn. Das schnelle Posting verschwindet gar nicht schnell aus den Cloud-Archiven dieser Welt. Und gerade in der Krisenkommunikation gilt: Manchmal ist Schweigen nicht Gold, Reden vielleicht Silber, aber Plappern in jedem Fall Bronze. 

 

Auf dem Kommunikationskongress 2015 traf sich Thomas Klindt mit Kommunikationsberater Armin Sieber zu einem "Versöhnungsgespräch" zwischen Rechts- und Kommunikationsabteilung. Die ganze Diskussion ist hier noch einmal im Videomitschnitt abrufbar.

Weitere Informationen zum Kommunikationskongress gibt es unter www.kommunikationskongress.de

 


randbemerkung

Bitte achten Sie bei Ihren Beiträgen unsere Netiquette.

Weitere Beiträge dieser Serie.

Thomas Middelhoff 2008 während der Bilanzpressekonferenz vom Arcandor (c)  Ralph Orlowski/Getty Images
Foto: Ralph Orlowski/Getty Images
Lesezeit 2 Min.
Kolumne

Middelhoff allein zu Hause

Die Verurteilung von Thomas Middelhoff ist für PR-Experte Armin Sieber auch das Ergebnis mangelhafter Litigation-PR. Warum das so ist, schreibt er in unserer neue Kolumne:  Alles was Recht ist – Streitfälle, die Pressesprecher bewegen. »weiterlesen
 
Zur Verurteilung von Thomas Middelhoff (c) Ralph Orlowski/Getty Images
Foto: Ralph Orlowski/Getty Images
Lesezeit 2 Min.
Kolumne

Das Middelhoff-Urteil und Litigation-PR. Ein Apfel-Birnen-Vergleich?

Rechtsexperte Thomas Klindt antwortet auf die These von PR-Experte Armin Sieber, dass die Verurteilung von Thomas Middelhoff auf das Fehlen einer Litigation-PR-Strategie zurückzuführen sei.  »weiterlesen
 
Rechtsanwalt Thomas Klindt über twitternde Gerichtsreporter (c) Thinkstock/lculig
Foto: Thinkstock/lculig
Lesezeit 3 Min.
Kolumne

The Fast & The Furious: Live-Tweets aus dem Gerichtssaal

Wie verändert die Live-Berichterstattung via Twitter Gerichtsverhandlungen und die Arbeit der Pressesprecher involvierter Unternehmen? Rechtsanwalt Thomas Klindt über "The Fast & The Furious: Live-Tweets aus dem Gerichtssaal" in unserer neuen Online-Kolumne:  Alles was Recht ist – Streitfälle, die Pressesprecher bewegen. »weiterlesen
 
Von den Tweets einzelner Journalisten aus dem Gerichtssaal lässt sich auf die Berichterstattung schließen, sagt Armin Sieber (c) Thinkstock/TLFurrer
Foto: Thinkstock/TLFurrer
Lesezeit 3 Min.
Kolumne

Litigation-PR auf dem neuesten Stand der Technik

Beeinflussen Live-Tweets von Journalisten Gerichtsprozesse, fragte Rechtsanwalt Thomas Klindt in der vergangenen Ausgabe unserer Kolumne "Alles was Recht ist". PR-Experte Armin Sieber sieht eine technische Aufrüstung bei allen Prozessbeteiligten und rät Pressesprechern, die Tweets von Gerichtsreportern als Seismographen für die folgende Berichterstattung zu sehen.    »weiterlesen
 
(c) Thinkstock/Fuse
Foto: Thinkstock/Fuse
Lesezeit 2 Min.
Kolumne

Die Kunst des Scheiterns – der Fall Gurlitt

Der Fall des Münchner Kunstsammlers Cornelius Gurlitt ist für PR-Experte Armin Sieber ein Beispiel herausragender PR-Arbeit und der Anstoß für eine konstruktive Debatte. Ob das Rechtsanwalt Thomas Klindt auch so sieht? Auftakt zum nächsten Teil unserer Kolumne "Alles was Recht ist". »weiterlesen
 
(c) Thinkstock/Vadmary
Foto: Thinkstock/Vadmary
Lesezeit 3 Min.
Kolumne

Chirurgie und Wahnsinn

Über das Zusammenpuzzeln von Informationen, das Hochfest des Konjunktivs und die Überzeugung, dass rechtliche Fragen chirurgisch und exakt geklärt werden müssen.   »weiterlesen
 
Kommunikationsprofis haben kein Zeugnisverweigerungsrecht im Krisenfall (c) Thinkstock/Andersen Ross
Foto: Thinkstock/Andersen Ross
Lesezeit 2 Min.
Kolumne

Wenn PRler zu viel wissen …

Thomas Klindt macht den Auftakt zum dritten Teil unserer Kolumne "Alles was Recht ist" und fordert ein längst überfälliges Zeugnisverweigerungsrecht für PRler: über die versteckte Gefahr, die in jeder Krisenkommunikation lauert. »weiterlesen
 
So bitte nicht! Was PR-Profis tun können, wenn der Staatsantwalt klingelt (c) Dreamstime/moodboard
Foto: Dreamstime/moodboard
Lesezeit 3 Min.
Kolumne

Wenn der Staatsanwalt zweimal klingelt

Worauf sich Pressesprecher und Kommunikationschefs in der Krise vorbereiten sollten. Replik von Armin Sieber auf den Beitrag von Thomas Klindt. »weiterlesen
 
Über der Diskussion liegt ein Nebel der Unklarheit (c) Thinkstock/ Igor Kovalenko
Foto: Thinkstock/Igor Kovalenko
Lesezeit 3 Min.
Kolumne

Die Seelenverkäufer – darf PR gegen Geld alles tun?

Darf PR gegen Geld alles – also im Extremfall auch Diktatoren unterstützen? Ein Beitrag von Armin Sieber über die Rolle von politischer PR im Ukraine-Konflikt. »weiterlesen
 
Neues aus unserer Kolumne "Alles war Recht ist" (c) Thinkstock/MarinaMariya
Foto: Thinkstock/MarinaMariya
Lesezeit 2 Min.
Kolumne

Eine Bordschwalbe macht noch keinen Frühling

Was Berater nicht wollen, sollten, dürfen. Eine Replik auf Armin Siebers Beitrag über die Grenzen von PR und die Rolle des Anwaltstandes. »weiterlesen
 
Armin Sieber über die künftige Bedeutung von Public Relations (c) Thinkstock/Toltek
Foto: Thinkstock/Toltek
Lesezeit 3 Min.
Gastbeitrag

PR ist tot! Oder doch nicht?

Aufgabenfelder und Job-Zuschnitte der Kommunikationsmanager verändern sich. Wie sieht die Zukunft der PR-Branche aus? Ein Beitrag zur Debatte von Armin Sieber. »weiterlesen
 
Entschuldigen oder nicht entschuldigen? Das meint Rechtsanwalt Thomas Klindt (c) Thinkstock/draganajokmanovic
Foto: Thinkstock/draganajokmanovic
Lesezeit 3 Min.
Gastbeitrag

Sorry, aber hier wird sich nicht entschuldigt

Im Unternehmen ist etwas fürchterlich schief gegangen. Soll man sich jetzt entschuldigen oder nicht? Ein Gastbeitrag von Rechtsanwalt Prof. Dr. Thomas Klindt über Krisenkommunikation und Entschuldigungen aus Anwaltssicht.  »weiterlesen
 
Mehr als reine Prozesskommunikation: Litigation-PR (c) thinkstock/tomloel
Foto: thinkstock/tomloel
Lesezeit 2 Min.
Ratgeber

Prozess gewonnen, Image verloren

Thema Litigation-PR: Rechtliche Auseinandersetzungen können immense mediale Folgen haben – egal, wer gewinnt. Unser Autor Thomas Klindt findet es selbstverständlich, dass die Prozessparteien in solchen Situationen daran interessiert sind, ob und wie über sie berichtet wird. »weiterlesen
 
Kolumne: Alles was Recht ist - Von Sheriffs und Revolverhelden (c) Getty Images/iStockphoto/anton_novik
Illu: Getty Images/iStockphoto/anton_novik
Lesezeit 2 Min.
Kolumne

Justiz und PR: Sheriffs und Revolverhelden

Die Jagd auf Wirtschaftsstraftäter ist ein schwieriges und für das demokratische Miteinander äußerst wichtiges Geschäft. Es erfordert einen klaren Kopf der Staatsanwälte, Fingerspitzengefühl im Umgang mit den Medien und Augenmaß in der Wahl der Mittel. Leider sind diese Voraussetzungen nicht immer gegeben. »weiterlesen
 
Der Richter als Medienstar? (c) Thinkstock/AndreyPopov
Foto: Thinkstock/AndreyPopov
Lesezeit 2 Min.
Kolumne

Wenn die Roben Trauer tragen

Rechtsanwalt Thomas Klindt findet, dass die Medienkritik an der staatsanwaltschaftlichen Arbeit, die PR-Berater Armin Sieber im letzten Teil unserer Kolumne äußerte, zu kurz greift. Eine Replik über das Front- und Backend juristischer Arbeit und Panini-Bilder von Richtern des Bundesverfassungsgerichts. »weiterlesen
 
Foto: Thinkstock/Userba011d64_201
(c) Foto: Thinkstock/Userba011d64_201
Lesezeit 4 Min.
Kolumne

Need for Speed in der Krisenkommunikation

Immer schneller, höher, weiter in der Krisenkommunikation? Bloß nicht, appellierte Rechtsanwalt Thomas Klindt in der vergangenen Woche in Richtung PR-Experten. Warum Krisenkommunikation aber einen gewissen "Need for Speed" hat und wie sehr Social Media die Kommunikatoren herausfordert, beantwortet heute PR-Berater Armin Sieber. Unsere Kolumne "Alles was Recht ist". »weiterlesen
 

Das könnte Sie auch interessieren.

US-Präsident Donald Trump (c) Gage Skidmore / https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/
US-Präsident Donald Trump (c) Gage Skidmore / https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/
Lesezeit 3 Min.
Kolumne

Die Rede als erfolgreiches Kommunikationsinstrument

Im zweiten Teil seiner Kolumne erklärt der freie Journalist und Redenschreiber Claudius Kroker, warum Reden im Mix der Kommunikationsmaßnahmen noch immer von Bedeutung sind und was man von Rednern wie US-Präsident Donald Trump, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz lernen kann.  »weiterlesen
 
Kevin Großkreutz (c) Marco Vech/CC BY 2.0/https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/
Foto: Marco Vech/CC BY 2.0/https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/
Lesezeit 2 Min.
Kommentar

Kevin Großkreutz: Die Krisen-PR hat ein Vorbild

Für einige ist er der Vollblutfußballer, der sich außerhalb des Platzes wie ein Pubertierender benimmt. Für Klaus Weise, Gründer und Geschäftsführer von Serviceplan Public Relations, ist Ex-VfB-Stuttgart-Profi Kevin Großkreutz jedoch auch ein Vorbild in Sachen Krisen-PR. Ein Kommentar. »weiterlesen
 
Geschäftsmann im Dschungel (c) Thinkstock/Comstock
Foto: Thinkstock/Comstock
Lesezeit 3 Min.
Ratgeber

Dschungelprüfung Kriseninterview - ein Survival Guide

Wenn man im dichten Interview-Dschungel gefährlicher Schlingfragen, wilder Anschuldigungen und giftiger Interviewpartner überleben will, braucht es starke Nerven, Übung und die richtige Strategie für Krisen-Interviews. Ein Survival Guide von Christian Scherg »weiterlesen
 
Unister: Der krasseste Sprecherjob des Jahres (c) Getty Images/iStockphoto/Nastco
Foto: Getty Images/iStockphoto/Nastco
Lesezeit 6 Min.
Interview

Unister: Der krasseste Sprecherjob des Jahres

Nur wenige Wochen nach seinem Aufstieg zum CCO bei Unister, musste Dirk Rogl gleich wieder seinen Ausstieg verkünden: Der Leipziger Anbieter von Web-Portalen mit Marken wie ab-in-den-urlaub.de und fluege.de ging insolvent nach einer jahrelangen Kette von Skandalen. Ein Blick hinter die Kulissen zum Prozessauftakt »weiterlesen
 
(c) Getty Images/iStockphoto/svengine
(c) Getty Images/iStockphoto/svengine
Lesezeit 2 Min.
Kommentar

Vom Sieg der Atomkonzerne, der keiner war

Klaus Brunsmeier, Mitglied des BUND-Vorstands sowie des ZDF-Fernsehrats, sieht in der Berichterstattung über das Atom-Urteil des Bundesverfassungsgerichts Anfang Dezember ein Lehrstück der modernen Medienwelt. Ein Meinungsbeitrag. »weiterlesen
 
Kolumne "Digitalisierung in der Kommunikation": Machen Sie Ihre Kommunikation „robust“ (c) Getty Images/iStockphoto/kvkirillov
Foto: Getty Images/iStockphoto/kvkirillov
Lesezeit 3 Min.
Kolumne

Machen Sie Ihre Kommunikation „robust“

Cyber-Angriffe zeigen die Fragilität der digitalen Infrastruktur. Ketchum-Senior-Partner Joachim Klewes appelliert in seiner Kolumne für einen handfesteren Umgang von Kommunikatoren mit ihren Werkzeugen. »weiterlesen