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Zuckerbrot und ­Peitsche

Bitte nehmen Sie mich in Ihren Verteiler auf!

In unserer neuen Kolumne "Zuckerbrot und Peitsche" berichten Medienmacher hautnah von ­ihren Erfahrungen mit Kommunikatoren. Sie loben und lästern. Dieses Mal: Jens Bergmann, Geschäftsführender Redakteur von Brand Eins, über die Freuden eines Journalisten über ungewollte Pressemitteilungen. 
Jens Bergmann

Vor einigen Jahren sagte ich in einem Interview mit einem Branchenblatt, dass es ein großes Glück für mich wäre, nie wieder eine Pressemitteilung zu erhalten, weil Pressemitteilungen für ein auf exklusive Inhalte angewiesenes Monatsmagazin wie Brand Eins grundsätzlich uninteressant sind. Das war ein großer Fehler, den ich zutiefst bereue. Denn mittlerweile hat man mich vom Gegenteil überzeugt – mit Abertausenden Pressemitteilungen. Noch nie bekam ich so viele wie heute; im Betreff von weit mehr als der Hälfte aller Mails, die mich erreichen, steht „Pressemitteilung“ „PM“, „Presseinformation“ oder „Presseeinladung“.

Versuche, solche Post abzubestellen beziehungsweise aus den entsprechenden Verteilern entfernt zu werden, habe ich aufgegeben; diese Aufgabe hätte selbst ­Sisyphos entmu­tigt. Gegen die Übermacht von PR-Leuten, die auf die Schrotschuss-Strategie setzen, ist nichts auszurichten. Also habe ich freudig kapituliert.

Zu den eifrigsten Versendern origineller Mitteilungen gehört ein Hersteller gehobener Papierwaren aus Süddeutschland, der auch in der nachrichtenarmen Zeit des Hochsommers fast täglich mit „breaking news“ wie dieser aufzuwarten weiß: „Weihnachten ist das Fest der Liebe und der Weihnachtspost. Von Freunden über den Geschäftspartner bis zur Oma – alle wünschen besinnliche Tage. Nur die besonderen Karten bekommen einen Ehrenplatz am Fensterbrett oder auf dem Kaminsims.“

Einerseits ist das Löschen all dieser Mails lästig und hat bei mir bereits zeitweise zum sogenannten RSI-Syndrom (vulgo: Mausarm) geführt. Andererseits ist zu den penetrantesten Kommunikatoren nolens volens doch eine Art Beziehung entstanden. So irritiert es mich mittlerweile, wenn mich einige Tage keine Post von ihnen erreicht. Und ich bin umso erleichterter, wenn dann doch wieder eine Nachricht mit dem bekannten Absender bei mir eingeht: „Bis das ,Ja, ich will’ gesprochen und aus einem Traum eine Traumhochzeit wird, gibt es viel zu organisieren. Location ausfindig machen, Gästeliste schreiben, Unterlagen für die standesamtliche Trauung sortieren, Trauzeugen auswählen, Menüvarianten überlegen, Tischordnung ausknobeln et cetera. Dann kommt das Wichtigste: die Einladung.“

So ist im Laufe der Zeit aus dem einstigen Verächter von Pressemitteilungen ein Kenner und, ja, Liebhaber geworden, der die Perlen des Genres zu schätzen weiß und die schönsten Stücke sogar sammelt. Zu meinen Favoriten zählen solche Mitteilungen, die auf selbst fabrizierten Studien der Absender beruhen. Zum Beispiel diese einer Verkuppelungsbörse im Internet: „Umfrage zum Internationalen Tag des Kusses: Deutsche vertrauen auf ihre Kuss-Kompetenz. Fast drei Viertel der Deutschen sind von ihren Kuss-Qualitäten überzeugt. Gerade Frauen vertrauen voll auf die eigene Knutschfertigkeit. Die Küsse des aktuellen Partners schmecken den Bundesbürgern – meistens zumindest.“

Zum Schluss noch eine dringende ­Bitte, falls Sie es nicht schon getan haben sollten: Nehmen Sie mich in Ihren Verteiler auf!

 

 
 

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