Ein Flugzeug von Lufthansa und eines von Easyjet landeten am Eröffnungstag als erste am BER. (c) Thomas Trutschel/Phototek
Ein Flugzeug von Lufthansa und eines von Easyjet landeten am Eröffnungstag als erste am BER. (c) Thomas Trutschel/Phototek
BER-Eröffnung

Bloß nicht wieder enttäuschen

Mit dem Flughafen BER hat Berlin den Spott der Welt auf sich gezogen. Ausgerechnet während der Coronakrise musste der Flughafen eröffnen – etwa neun Jahre verspätet, ohne große Feierlichkeiten. Ein Interview mit Kommunikationschef Hannes Hönemann über die Öffentlichkeitsarbeit für ein Krisenprojekt, das seinesgleichen sucht.
Carolin Sachse-Henninger

Herr Hönemann, Sie haben mir gesagt, dass Sie gerade von Mitarbeitergesprächen kommen. Im Dezember geht der Flughafen Berlin Brandenburg wegen ausbleibender Fluggäste in Kurzarbeit. Dabei ist er gerade erst eröffnet worden – nach turbulenten acht Jahren und sechs Terminverschiebungen. Hatten Sie überhaupt Lust auf die Eröffnungsfeier?

Hannes Hönemann: Lust auf die Eröffnungsfeier hatten wir alle. Es gab eine große Sehnsucht, endlich fertig zu werden. In den vergangenen Monaten hatte sich im Unternehmen ein ziemlicher Drive aufgebaut. Eben weil viele meiner Kolleginnen und Kollegen die nicht geschafften Eröffnungen, allen voran 2012, im Kopf hatten. Aber natürlich war Corona immer präsent, weil sich die Bedingungen, unter denen die Eröffnung stattfand, ständig veränderten.

Kein großes Feuerwerk, kein großes Trara im Vorfeld – zur Eröffnung gab es nur einen schlichten Festakt. Wenn Corona nicht gewesen wäre, wie wären die Eröffnung und die Kommunikation dann abgelaufen?

Idealerweise ähnlich. Ein großes Fest war nie geplant. Das lag aber nicht daran, dass wir Corona haben kommen sehen, sondern daran, dass wir die 2012er-Nichteröffnung immer mitgedacht haben. Uns war bewusst, dass wir damals Erwartungen geweckt hatten, die wir nicht erfüllt haben.

Von welchen Erwartungen sprechen Sie konkret?

Die Eröffnungskommunikation 2012 war geprägt von Superlativen: Der BER sollte „Europas modernster Flughafen“, gar eine „Seidenstraße der Moderne“ werden. Ganz Berlin und Brandenburg haben sich auf die Eröffnung des Flughafens gefreut. Hätten wir gesagt: „Jetzt machen wir wirklich auf, ohne Scheiß!“, dann hätte uns das niemand geglaubt. Die Leute gingen eher davon aus, dass das Gegenteil von dem, was wir sagten, richtig sei. Mit der Eröffnung nicht anzugeben und einfach aufzumachen, war für uns der beste Weg.

Sie legten den Schwerpunkt deshalb auf Servicekommunikation.

Genau. Weil wir wussten, dass wir nicht gut darin sind, Versprechungen zu halten, haben wir uns darauf konzentriert, sofort nachprüfbare Informationen zu senden. Wir wollten sagen, was ist. Wir wollten sagen, am 31. Oktober eröffnet der Flughafen, und haben das übersetzt mit: Achtung, ab dem 31. Oktober musst du, Passagier, zu einem anderen Ort. Auf Botschaften dieser Art haben wir uns fokussiert.

Das klingt sehr sachlich, wenn man bedenkt, wie emotional geprägt die Berichterstattung über den BER gewesen ist.

Ich glaube, für die Reputation des Flughafens war es wichtig, dass wir nicht vorher erzählt haben, wie toll es auf unserer Besucherterrasse ist, sondern die Leute einfach hingegangen sind und sich selbst einen Eindruck verschafft haben – einen, der echt ist und nicht vorgegeben. Es geht ja darum, erst einmal die Grundlagen zu schaffen, also dafür zu sorgen, dass alle wissen: Der Flughafen ist offen und funktioniert. Wenn dann Blogger oder Influencer den Flughafen emotional aufladen, werden wir das auch unterstützen. Bis dahin bleiben wir aber ruhig und lassen die Leute machen.

Hannes Hönemann wechselte 2017 von Vattenfall zur Flughafengesellschaft. (c) Janine Schmitz/Phototek

Hannes Hönemann wechselte 2017 von Vattenfall zur Flughafengesellschaft. (c) Janine Schmitz/Phototek

Beim BER geht alles schief. Ärgert Sie diese Erwartungshaltung vonseiten der Medien und der Öffentlichkeit eigentlich? Oder hat sie die Kommunikationsarbeit erleichtert?

Weder noch. Geärgert hat es uns deswegen nicht, weil die Erwartungshaltung ja nachvollziehbar war. Der Flughafen hat es schlicht verdient, mit Skepsis behandelt zu werden. Genervt hat, dass die Baustelle BER zeitweise als große Projektionsfläche für absolut alles hergehalten hat. Wir haben häufig erlebt, dass uns Dinge zugetraut wurden, die bei anderen Unternehmen bei kurzem Nachdenken nie denkbar gewesen wären.

Zum Beispiel?

Im Mai 2019 etwa ging es um Dübel, die seit Jahren beim BER verbaut waren. Dann haben sich Bedingungen bei der EU-Zertifizierung geändert, was dazu führte, dass die Dübel zeitweise nicht zertifiziert waren. Das erhielt eine enorme Medienaufmerksamkeit, die darin gipfelte, wir hätten im großen Stil falsche Dübel verbaut. Das zeigt, wie schwierig es manchmal war, Kommunikation zu machen.

Woher bezogen Sie das Vertrauen in den BER?

Wir haben intern viel miteinander gesprochen, regelmäßig auch mit dem Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup, der selbst sehr offen mit Mängeln umgegangen ist. Er hat immer davon gesprochen, dass es darum geht, den Kladderadatsch zu beenden. Und das war es ja auch. Aber es gab ein gemeinsames Verständnis dafür, dass der Bau weitergeht und sich in Richtung Eröffnung entwickelt, und es gab eine gemeinsame Vorstellung davon, wie man das kommunikativ begleitet. Dass es trotz interner Fortschritte auch immer negative Berichterstattung geben würde, war uns klar. Da hieß es: Durchhalten. Und bei allen Erfolgen – ich als Kommunikator habe immer gesagt, wir sind erst durch, wenn der Flughafen tatsächlich offen ist.

Als Sie 2017 anfingen, war ein Ende noch lange nicht abzusehen. Die Negativschlagzeilen häuften sich, und auch der Rauswurf Ihres Vorgängers Daniel Abbou machte Schlagzeilen. Was hat Sie gereizt an dem Job?

Als erfahrener Kommunikator wusste ich, dass dieses Thema zwei Seiten hat. Die eine Seite kannte ich als Außenstehender – auch ich habe mich kopfschüttelnd gefragt, wie man sowas wie 2012 machen konnte. Mich hat aber die andere Seite interessiert: die interne. Außerdem reizte mich die politische Komponente. Es war klar, dass in der Hauptstadtregion jeder eine Meinung dazu hat. Es war klar, dass der Flughafen irgendwann fertig werden musste. Und es war klar, dass es da viel zu kommunizieren gibt, vor allem die interne und die äußere Sicht besser in Einklang zu bringen.

Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Neben der Einführung eines Newsroom-Systems und der Weiterentwicklung der digitalen Kanäle habe ich versucht, die Kommunikation zu beruhigen. Nicht auf alles aufzuspringen und zu reagieren, sondern mehr unsere eigene Agenda zu verfolgen. Und ich habe die Trennung zwischen interner und externer Kommunikation weitgehend beendet. Denn es fanden immer wieder Interna ihren Weg nach außen. Es wurde fast alles immer öffentlich, davon war auszugehen.

Zum Beispiel kamen interne Stellenausschreibungen, aber auch Unterlagen aus dem Aufsichtsrat oder TÜV-Berichte an die Öffentlichkeit. Für die Medien ideal.

Ja, das hat sich nicht abstellen lassen. Offensichtlich gab es in dem großen Flughafenumfeld immer wieder Leute, die es für richtig hielten, Sachen an die Presse weiterzugeben. Kommunikativ ist das aber kein Problem, weil nichts, was sich in den normalen Umläufen befindet, tatsächlich geheim ist und bleibt.

Wie geht es kommunikativ nun weiter?

Wir hätten gern kommuniziert, wie viel Potenzial im funktionierenden Flughafen steckt. Wegen Corona fallen die klassischen Flughafenthemen aber erst einmal weg. Stattdessen müssen wir nun aufzeigen, dass uns die Einnahmen völlig weggebrochen sind, wir aber eine unverzichtbare Infrastruktur sind. Und wir machen weiter Servicekommunikation, etwa welche Reisebedingungen es in verschiedenen Ländern gibt. Wir müssen aber auch unsere Schwerpunkte für das nächste Jahr setzen, denn wenn wir Kurzarbeit haben, haben wir nur einen Teil unserer Arbeitskapazitäten zur Verfügung. Und wir müssen schon jetzt planen, welches die zentralen Themen sein werden, wenn der Flugverkehr sich wieder erholt.

Immer im Krisenmodus – reicht es Ihnen nicht langsam?

Natürlich hätte ich mich gefreut, wenn die ganze irrsinnige Arbeit belohnt worden wäre. Also dass ganz viele Passagiere kommen und sagen: „Och, hier ist es aber schön.“ Andererseits haben wir die Arbeit im Krisenmodus am Flughafen ja gelernt. Das ist ein großer Vorteil, weil alle wild entschlossen sind, auch diese Krise zu meistern. Wenn es dazu Krisenkommunikation bedarf – gut, wir haben nicht viel anderes gemacht bisher. Wir sind da einigermaßen in Übung.


Der BER: 14 Jahre Drama

September 2006
Erster Spatenstich. Der 30. Oktober 2011 wird als Eröffnungstermin festgelegt.

Juni 2010
Richtfest für das heutige Terminal 1. Unter anderem wegen der Insolvenz einer Planungsfirma wird die Eröffnung auf den 3. Juni 2012 verschoben.

Mai 2012
Die Eröffnung wird wenige Wochen vor dem Termin wegen Problemen beim Brandschutz abgesagt. Neuer Eröffnungstermin soll der 17. März 2013 sein.

September 2012
Nach einer Analyse wird die Eröffnung auf den 27. Oktober 2013 verschoben. 

Januar 2013
Inzwischen sind zehntausende Baumängel bekannt. Eine Inbetriebnahme wird für 2014 oder 2015 angedacht.

Dezember 2014
BER-Technikchef Jochen Großmann wird wegen Korruptionsverdachts beurlaubt, später zu einer Haftstrafe verurteilt. Die Eröffnung soll im zweiten Halbjahr 2017 erfolgen.

Februar 2015
Karsten Mühlenfeld wird neuer Flughafenchef.

April 2016
„Kein Mensch, der nicht medikamentenabhängig ist, gibt Ihnen feste Garantien für diesen Flughafen“ – Flughafensprecher Daniel Abbou, erst fünf Monate zuvor angetreten, muss nach einem offenherzigen Interview mit dem „PR-Magazin“ gehen.

Januar 2017
Der Eröffnungstermin 2017 wird abgesagt. Brandschutztüren und Sprinkleranlagen bereiten Probleme. Flughafenchef Mühlenfeld muss gehen, Nachfolger wird Engelbert Lütke Daldrup. Im Dezember 2017 wird Oktober 2020 als belastbarer“ Eröffnungstermin genannt.

April 2020
Das Hauptterminal des BER ist technisch abgenommen. Rund 9.900 Komparsen testen den Flughafen mitten in der Corona-Zeit.

31. Oktober 2020
Nach 14 Jahren Bauzeit eröffnet der rund sechs Milliarden Euro teure Flughafen. Anfang November startet der reguläre Flugverkehr.

 

 

 
 


randbemerkung

Bitte achten Sie bei Ihren Beiträgen unsere Netiquette.

Das könnte Sie auch interessieren.

Buntstifte machen ein Bild lebendiger, Tools eine Rede brillant. (c) Getty Images/Wako Megumi
Foto: Getty Images/Wako Megumi
Lesezeit 4 Min.
Ratgeber

Die Werkzeuge der Profis

Hauptversammlungen, Pressekonferenzen, Townhall-Meetings – Reden halten gehört zum Job von Führungskräften. Wie Kommunikationsverantwortliche sie dabei unterstützen können, erklärt Coach und Autor Michael Rossié in dieser Serie. Diesmal: Wie Tools aus einer guten eine brillante Rede machen. »weiterlesen
 
Wolfgang Büchner wechselt auf die Agenturseiter. (c) Laurence Chaperon
Foto: Laurence Chaperon
Lesezeit 1 Min.
Meldung

Wolfgang Büchner ist neuer Berater bei MSL

Der ehemalige Chefredakteur von „Spiegel“ und der Deutschen-Presseagentur (dpa) wechselt auf die Agenturseite. »weiterlesen
 
Der Newsroom der Bundespolizei hilft, die Nachrichtenlage zu beobachten. (c) Bundespolizei
Foto: Bundespolizei
Lesezeit 3 Min.
Gastbeitrag

Operation Newsroom

Die Kommunikationsabteilung der Bundespolizei am Frankfurter Flughafen arbeitet seit Jahresbeginn in einem Newsroom. Dieser ermöglicht, schnell auf aktuelle Entwicklungen zu reagieren und Themen effektiv zu managen. »weiterlesen
 
Balanceakt: Wie soll man in der Kommunikation mit der Wahrheit umgehen? (c) Getty Images/Mbolina
Foto: Getty Images/Mbolina
Lesezeit 2 Min.
Kommentar

Im Zweifelsfall „no comment“

Wie sollen Kommunikationsverantwortliche mit der Wahrheit umgehen? Ein Meinungsbeitrag von Andrea Rexer, Kommunikationschefin der HypoVereinsbank. »weiterlesen
 
Coca-Cola-Gebäude in Berlin (c) Picture Alliance/dpa/Paul Zinken
Foto: Picture Alliance/dpa/Paul Zinken
Lesezeit 1 Min.
Meldung

Personalveränderungen bei Coca-Cola

Zur neuen Geschäftseinheit "Europa" gehören jetzt 40 Länder.  »weiterlesen
 
Die K-Frage zwischen Annalena Baerbock und Robert Habeck soll sich am 19. April entscheiden. (c) Picture Alliance/dpa/Kay Nietfeld
Foto: Picture Alliance/dpa/Kay Nietfeld
Analyse

Hoffnung auf Platz eins

Am 19. April soll sich entscheiden, ob Annalena Baerbock oder Robert Habeck die Spitzenkandidatur der Grünen für die Bundestagswahl übernimmt. Unterstützt wird die Partei im Wahlkampf durch die für die Kampagne zusammengestellte Agentur „Neues Tor 1“. »weiterlesen