Foto: Laurin Schmid
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Kommunikationskongress 2016

Thomas Belluts Plädoyer für das Fernsehen

Mit seiner Keynote über bewegte Zeiten in der Medienwelt eröffnete ZDF-Intendant Thomas Bellut das Programm des diesjährigen Kommunikationskongresses. Er sprach über Jan Böhmermanns "Schmähkritik", "Lügenpresse"-Vorwürfe und seine ungebrochene Faszination für das Medium Fernsehen.
Anne Hünninghaus

ZDF-Intendant Thomas Bellut beginnt seine Keynote auf dem Kommunikationskongress 2016 mit einem der furiosesten Fernsehmomente der vergangenen Jahre  dem Schmähgedicht von Jan Böhmermann. Der präsentierte Ausschnitt bricht allerdings in dem Augenblick ab, in dem der ZDF-Neo-Moderator zur ersten Zeile ansetzt. Aus dem Skandal um das Gedicht habe man viel lernen können, sagt Bellut. Zum einen seien Social Media, so auch während der Affäre beobachtet, zum absoluten Kommunikationstreiber geworden  und das nicht nur durch die neue Schnelligkeit, sondern auch aus inhaltlicher Sicht. Die Kluft zwischen Jung und Alt und den verschiedenen Bildungsniveaus werde größer, die Individualisierung des Kommunikationsverhaltens schreite voran. Im Falle Böhmermann, das scheint Bellut wichtig zu betonen, habe man das Video mit dem Gedicht schlussendlich nicht aus juristischen Gründen gesperrt, sondern: "Es war uns in Stil und Art zu hart."

Thomas Bellut sprach auch über Jan Böhmermanns Schmähgedicht (c) Quadriga Media/Laurin Schmid (www.laurin-schmid.com)

Werden traditionelle Massenmedien wie das Fernsehen noch gebraucht? Wie können junge Zielgruppen erreicht werden, in Zeiten von Facebook, Netflix und Youtube? Diese Fragen stehen in Belluts Keynote im Mittelpunkt. Als eine Schattenseite der neuen indivuell zugeschnittenen Medienwelt identifiziert der ZDF-Intendant den Echokammereffekt, der entsteht, wenn man im Netz nur noch auf die eigene Meinung zugeschnittene Informationsangebote erhält. Dadurch werde lediglich die eigene Meinung immer lauter und eindringlicher, dabei sei doch besonders dann neues Wissen gefragt  "und hier kommen wir ins Spiel, die wir Menschen in ihrer Meinungsbildung unterstützen".

Wie man "Lügenpresse"-Vorwürfen trotzt

Doch das Vertrauen ist teils beschädigt, das Wort "Lügenpresse" wabert seit Jahren durch die Gesellschaft. Der ehemalige Historiker Bellut will das nicht überbewerten: "Es gab vom Mittelalter bis heute mehr Zeiten, in denen dieses Wort benutzt wurde, als Zeiten, in denen es nicht verwendet wurde." Dennoch müsse man sich natürlich mit dem Thema Glaubwürdigkeit auseinandersetzen, immerhin glaubten in Deutschland 30 bis 40 Prozent der Deutschen, dass an den Lügenpresse-Vorwürfen etwas dran sei. Im Vergleich stünden die Öffentlich-Rechtlichen aber nach wie vor noch sehr gut da, nur die Regionalzeitungen, die, wie Bellut sagt, "stillen Stars in unserem Geschäft", gelten mit einem Wert von 74 Prozent als noch glaubwürdiger. Social Media hingegen hielten nur 13 Prozent der Deutschen für eine vertrauenswürdige Quelle  dennoch sind die Nutzungszahlen gigantisch. "Verblüffend" nennt Bellut diesen scheinbaren Widerspruch.

Um die Vertrauenswerte stabil zu halten, müsse man sich als Medienschaffende erklären, Argumente und Einblicke liefern, welche Nachrichten als relevant eingestuft werden und welche Gäste man in Talkshows begrüßt. "Eine gefühlte Bevormundung durch Journalisten stößt auf Ablehnung. Autoritäten werden in dieser Zeit grundsätzlich hinterfragt", sagt Bellut. Zudem müsse man offen dazu stehen, wenn Fehler unterlaufen, so habe heute.de für Korrekturen beispielsweise eine ständige Seite eingerichtet.

Neue Kanäle für junge Zielgruppen

Junge Menschen schauen nach wie vor fern, das beweisen die Zahlen, die Bellut präsentiert: 118 Minuten widmen sich 14 bis 29-Jährige dem Medium täglich. Was den Marktanteil des ZDF betrifft, konnten laut Bellut jüngere Töchter wie ZDF Info oder ZDF Neo Verluste aus dem Hauptprogramm ausgleichen. In Zukunft wolle man aber auch die bisher noch recht geringe Nutzung des ZDF über das Internet weiter ausbauen: "Uns ist egal, wie unser Bewegtbild zu den Menschen kommt, Hauptsache es kommt an." Im kommenden Monat startet der Relaunch der Mediathek. Probleme, das junge Publikum zu erreichen, hängen nach Belluts Argumentation weniger mit den Kanälen zusammen, sondern sind eher inhaltlicher Natur. Nur jeder dritte Jugendliche gibt an, größeres Interesse an Politik zu haben, der (nicht nur, aber auch politische) Informationsanteil des ZDF liegt bei 43 Prozent. Mit Heute Plus wurde zuletzt eine neue Nachrichtensendung mit jüngerer Zielgruppe geschaffen, die zuerst im Netz und erst danach im linearen Fernsehen gezeigt wird.

Zum Ende seiner Keynote möchte Bellut noch ein wenig Begeisterung für das Fernsehen im Publikum entfachen. Immerhin sei dies ein Medium, dem es nach wie vor gelinge, Nutzerzahlen im zweistelligen Milionenbereich zu generieren, so geschehen bei der Nachrichtensendung zum Attentat in München im Sommer dieses Jahres. Aber auch TV-Mehrteiler wie "Unsere Mütter, unsere Väter" oder natürlich Sportereignisse wie die Fußball-WM verzeichneten große Erfolge. "Für mich ist die Faszination für das Medium Fernsehen nicht erlahmt", schließt Bellut und lässt zum Schluss die Macht der Bilder für sich sprechen, indem er einen Ausschnitt aus "Terra X" abspielt, in dem ein Vulkanausbruch in einer neuen Technik mit 3D-Elementen zu sehen ist.

 

Lesen Sie mehr Interviews und Berichte vom Kommunikationskongress 2016 in unserem Online-Dossier (hier klicken)

 

 
 

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