Barbara Niedner (c) privat
Barbara Niedner (c) privat
Verhaltensbiologin Barbara Niedner

„Aufmerksamkeit ist immer die Währung“: Seite 2 von 2

Im Gerangel um Positionen zeigen sich zwischen Affenhaus und Arbeitswelt erstaunliche Parallelen. Die Verhaltensbiologin und Führungskräftetrainerin Barbara Niedner im Interview über Konkurrenzverhalten bei Tier und Mensch.
Anne Hünninghaus

Gerade ambitionierte Mitarbeiter inszenieren sich oft geschickt als ihre eigene Marke, um sich von der Konkurrenz abzuheben. 

Ja, vor allem Anderssein muss sich eine Marke schaffen, um akzeptiert zu werden. Diese Monopolstellung einzelner Personen im Unternehmen, die für eine gewisse Zeit im absoluten Fokus stehen, ist aber immer Schwankungen unterlegen. Niemand bindet die Aufmerksamkeit ewig an sich, nach einer Zeit erregen andere „Marken“ mehr Interesse. 

Ist in Ökosystemen generell eine friedliche Koexistenz gut angepasster Arten und solcher, die weniger gut an ihre Umweltbedingungen angepasst sind, möglich? 

So etwas wie „weniger angepasst“ gibt es gar nicht. Jede existierende Art, egal wie exotisch, hat sich in ihre Nische im Ökosystem eingefügt, sonst wäre sie bereits ausgestorben. Auch wenn uns manche Eigenarten nutzlos oder wunderlich erscheinen: Sie haben immer einen Überlebenswert.

Ich habe gerade Murmeltiere in den Alpen beobachtet, die wirken ein bisschen wie Relikte aus der Eiszeit. Dort oben haben sie wenige Feinde, sie sind perfekt an die Bedingungen angepasst. Es ist unglaublich, wie dick diese Tiere vor dem Winter werden! Nun würden wir Menschen vermuten, es macht sie träge, sich so fett zu fressen – aber das ist ihr bester Schutz! 

„Wir messen Hierarchien in der Natur damit,
wie oft ein Tier angeschaut wird.“

 

Die Umweltbedingungen verändern sich, die Arten müssen evolutionär Schritt halten. 

Ja, aber auch nicht um jeden Preis. Es gibt Arten, die sich jahrhundertelang kaum verändert haben, weil sich ihre Eigenschaften bewähren. Veränderung gibt es nur, wenn sie einen konkreten Nutzwert hat. 

Zum Thema Konkurrenz wird oft eine eigene Gender-Debatte heraufbeschworen. Ist unser Geschlecht ausschlaggebend dafür, wie wir Hierarchien leben? 

In der Natur unterscheiden sich männliche und weibliche Hierarchien komplett voneinander. Unter Männchen herrscht Konkurrenz um die knappe Ressource Weibchen. Dadurch sind Männer von klein auf mehr auf Wettbewerb ausgerichtet. Generell sind sie viel präsenter in ihrem Konkurrenzverhalten. In der Unternehmenswelt ist es leider so, dass Männer nach wie vor die Führung oft nur unter sich ausmachen, also von vornherein den Wettbewerb um 50 Prozent verkürzen. Dadurch wird es für sie einfacher, nach oben zu kommen. Männerhierarchien sind aber sehr kurzfristig. 

Gilt das auch für die Tierwelt? 

Absolut. Wenn Sie eine Schimpansengruppe beobachten, werden Sie feststellen, dass nach einer Weile die Alphatiere einander ablösen. Weil die Obersten schwächeln oder weil sich andere durch Stärke und Intelligenz hervorgetan haben, kommt es zum Wechsel. Aber auch hier gibt es – wie in Chefetagen oder der Politik – immer mal wieder Fälle, in denen eine Person einfach viel Krach um nichts macht und sich damit Aufmerksamkeit verschafft, andere einschüchtert und an die Spitze gelangt. 

Und der geschasste Schimpanse fügt sich einfach in sein Schicksal? 

Das ist unterschiedlich. In dem geschilderten Fall haben Drohgebärden ausgereicht, um den Kontrahenten dazu zu bringen, sich unterzuordnen. Dieses Gehabe dient dazu, körperliche Auseinandersetzungen zu umgehen. Der unterworfene Affe hat den Sieger am Ende sogar gekrault. Wer sich größer aufplustert, darf damit rechnen, dass der andere ein submissives Signal gibt: Du bist der Chef. Solches Verhalten können wir auch in der Arbeitswelt beobachten. Zum Beispiel innerhalb von Ringkämpfen in Meetings. Wenn sich einer durchgesetzt hat, wird er vom anderen gekrault. 

… oder aber der Entthronte will keinen Tag länger im Unternehmen bleiben, weil er die Schmach nicht auf sich sitzen lassen kann. 

Ja, in der Natur kommt auch das vor. In diesem Fall entfernt sich das Tier von der Gruppe und sucht sich eine neue – seine Überlebensbedingungen verschlechtern sich aber während der Wanderschaft. Das sehen wir zum Beispiel bei Gorillas oft. 

Und wie funktionieren weibliche Hierarchien?

Ihre Gemeinschaften haben in der Regel viel langfristigere Strukturen. Bei Affenweibchen ist das sehr ausgeprägt. Paviane werden zum Beispiel in Hierarchien hineingeboren, die Mutterlinie bestimmt über Generationen den Status. Gehören sie einer ranghohen Linie an, ist sie ihnen auf Lebenszeit sicher. Das ist ein großer Unterschied im Vergleich zu den flexiblen Strukturen bei Männern, wo permanent der Aufstieg versucht, sich aufgeplustert und getrommelt wird. Weibchen machen das weniger, weil die Rangfolgen – sind sie einmal geklärt – sehr stabil sind. 

„In der Natur unterscheiden sich männliche
und weibliche Hierarchien komplett voneinander.“

 

Das heißt aber auch, dass die Aufstiegschancen gering sind. 

Bei manchen Arten ja, bei den Menschenaffen gibt es ein bisschen mehr Roulette. Auch beim Menschen erkennen wir dieses Verhalten in Ansätzen. Frauen haben meist sehr viel stabilere Freundschaften und Netzwerke, die über Jahrzehnte gepflegt werden. Dadurch, dass die Hierarchien so lange bestehen, gibt es bei Frauen, wenn man sie zusammenbringt, am Anfang viel härteres Konkurrenzgerangel. 

Dazu fällt mir die schreckliche Bezeichnung „Stutenbissigkeit“ ein … Hat sie eine Berechtigung? 

In dem Sinne ja. Schon in Gruppen junger Mädchen wird stark um den Status gerungen. Es geht einfach um sehr viel mehr als bei Männern, weil die einmal festgelegten Hierarchiestufen sich fixieren. Weibliches Wettbewerbsverhalten ist gleichzeitig aber subtiler. Es wird längst nicht so viel geblufft und getrommelt. Frauen entziehen die Aufmerksamkeit – eine wichtige Währung für Einfluss – oder setzen Grenzen kurz und bündig, die weniger offensichtlich sind als das männliche laute Trommeln.

Wenn Frauengruppen sich aber einmal etabliert haben, bringen sie ein tolles Netzwerk zustande, das für jedes Mitglied einen hohen Nutzwert bringt. Sie achten sehr stark darauf, dass das soziale Gefüge stimmt und Ressourcen gerecht verteilt werden. 

Nutzwert auch insoweit, als Frauen sich gegenseitig an die Spitze bringen? 

Früher galt: Wenn eine Frau es im Unternehmen nach oben schafft, zieht sie keine andere nach – im Gegensatz zu Männern und ihren Seilschaften. Das ändert sich allerdings langsam, die gegenseitige Unterstützung nimmt zu. Es ist gut, dass sich der Wettbewerb immer mehr Richtung 100 Prozent erhöht und Frauen nicht mehr ausklammert. Vielfalt macht ein Unternehmen überlebensfähiger – besonders in disruptiven Zeiten. Die guten „Alphatiere“ werden sich an der Spitze durchsetzen, egal ob männlich oder weiblich. Da können Unternehmen von der Natur lernen.

 

 
Barbara Niedner (c) privat
Barbara Niedner
Verhaltensbiologin und Führungskräftetrainerin

Als promovierte Verhaltensbiologin und Keynotespeakerin bringt Barbara Niedner die Prinzipien der Natur, die sich über Millionen von Jahren agil wandlungsfähig angepasst hat, in die digitale Ära. In Unternehmen trainiert sie die natürliche Autorität von Führungskräften und Projektverantwortlichen. Im Buch „Agil ohne Planung" beschreibt sie die Erfolgsstrategien der Natur. 

 

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