Barbara Niedner (c) privat
Barbara Niedner (c) privat
Verhaltensbiologin Barbara Niedner

„Aufmerksamkeit ist immer die Währung“

Im Gerangel um Positionen zeigen sich zwischen Affenhaus und Arbeitswelt erstaunliche Parallelen. Die Verhaltensbiologin und Führungskräftetrainerin Barbara Niedner im Interview über Konkurrenzverhalten bei Tier und Mensch.
Anne Hünninghaus

Frau Niedner, Konkurrenz belebt zwar den Markt, genießt aber im Zwischenmenschlichen keinen guten Ruf. Meistens wird sie mit Neid und Missgunst konnotiert. Ist das gerechtfertigt? 

Barbara Niedner: Verhaltensbiologisch gesehen beschreibt Konkurrenz einfach den Wettbewerb um knappe Ressourcen und darum, agil wandlungsfähig zu sein, um sich an vorhandene Umweltbedingungen wie aktuell die Digitalisierung anpassen zu können. Im biologischen Kontext ist dieser Wettbewerb – solange es nicht zu Monokulturen kommt, die gezielt Konkurrenz ausschalten – sehr positiv.

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Aber auch Neid ist nichts Schlechtes, sondern das beste Controlling dafür, dass man an Einfluss gewinnt. Wenn andere uns beneiden, wissen wir, dass wir selbst vorangekommen sind. Nur wer es schafft, Missgunst auszuhalten, hat die Fähigkeit, überhaupt oben anzukommen. Das betrifft Individuen genauso wie Firmen oder Branchen.

Neid „von oben“ betrachtet mag nicht schlecht sein. Aber was, wenn ich es bin, der ihn verspürt – zum Beispiel, weil statt meiner immer nur die Kollegen um mich herum befördert werden? 

Anstatt darüber zu jammern, muss ich mich fragen: Was habe ich dazu beigetragen, dass die Oberen nicht auf mich aufmerksam werden? Das ist wiederum Controlling in Bezug auf meine eigene natürliche Autorität. Wenn andere mich übergehen, hat das eine Alarmfunktion: Jetzt bitte aufwachen und die eigene Präsenz steigern! 

Natürliche Autorität erscheint allerdings – wie der Name schon suggeriert – als etwas Gegebenes, das ich entweder habe oder nicht. Kann ich sie trainieren? 

Teilweise. Es gibt Menschen, die werden niemals zu Führungspersönlichkeiten. Denn dafür brauche ich ein gewisses Standing und muss soziale Fähigkeiten für die Gruppe nutzbringend einbringen. An wen erinnern Sie sich, wenn Sie eine Feier verlassen? Ganz sicher haben nicht alle 200 Personen einen Eindruck hinterlassen, sondern die mit einer speziellen Ausstrahlung und Körpersprache.

Natürliche Autorität ist aber nicht nur für Führung vonnöten, sondern in einem gewissen Maß auch für meine alltägliche Arbeit, egal ob es darum geht, einen Text zu schreiben, der Aufmerksamkeit bei Menschen erzielt, oder mein Projekt zu präsentieren. Fachlich komme ich nicht weiter, wenn die anderen mich nicht wahrnehmen – es geht wieder um Aufmerksamkeit. Expertise und selbstbewusstes Auftreten können wir sehr wohl beeinflussen. 

Werde ich kreativer, wenn ich den Druck der Wettbewerber spüre?

Ja, je mehr Konkurrenz ich habe, desto mehr muss ich auf Trab bleiben, um mich durchzusetzen mit meinen Ideen. Wenn wir keine Konkurrenz hätten, wären wir nicht wandlungsfähig, und Agilität ist gerade in Zeiten der Digitalisierung unverzichtbar. Ohne Wettbewerb würden wir einschlafen und wären nicht mehr überlebensfähig. Dank ihm machen wir uns überhaupt die Mühe, neue Ideen und Optionen zu entwickeln. 

Das ist also ein evolutionärer Prozess. 

Ja. Wer wandlungsfähig ist und sich an die Umwelt und die eigene Gruppe perfekt anpassen kann, der ist besonders erfolgreich. In der Gruppe versuche ich mir natürlich eine möglichst gute Ausgangsposition zu verschaffen, um meine Lebensbedingungen zu verbessern. So ist es auch im Tierreich: Das schwächste Glied wird irgendwann vom Jäger erbeutet. Je höher meine Position innerhalb der Gruppe ist, desto besser sind also meine Voraussetzungen, zu überleben und meinen Nachwuchs großzuziehen.

„Die Mehrheit ist begeistert, 
wenn sie hinterherlaufen darf.“

 

Bei Hyänen ist es zum Beispiel so: Das Alphaweibchen zieht im Jahr normalerweise zwei Jungtiere auf, ein rangniedrigeres Weibchen bekommt in schlechten Jahren nicht ein einziges durch. Ranghöhere dürfen zudem im inneren Zirkel jagen, ein Umkreis, der ihnen vorbehalten ist. Die Übrigen müssen sich weiter herauswagen, um sich Futter zu beschaffen, und sind dort weniger geschützt. Ähnlich ist es bei Gorillas, das ranghöhere Weibchen hat eine bessere soziale Struktur. Wer am Rand der Gruppe ist, ist stärker gefährdet. Wer im Zentrum sitzt, ist geschützt.

Im Unternehmen ist es ähnlich. Ich werde in höherer Position eher gesehen, kann den vorderen Parkplatz nutzen, habe mehr Budget und Einfluss – all das sind die Futtertröge der Macht.

Nun ist aber nicht jeder gleichermaßen daran interessiert, diese zu erobern, oder? 

Stimmt. Eine Minderheit bekommt die Macht verliehen, die knappen Ressourcen zu verteilen. Und die Mehrheit der Menschen folgt ihr gern. Denn wer Macht hat, hat viel Verantwortung und muss damit auch Stress aushalten können, das möchte nicht jeder.

Wir kennen das auch im Privaten. Stellen Sie sich eine Gruppe Freunde vor, die aus einer Kneipe heraustritt. Die Frage steht im Raum, wohin sie weiterzieht. Wenn es keinen gibt, der natürliche Autorität besitzt und einen Vorschlag macht, den weiteren Verlauf organisiert, löst sich die Gruppe schnell auf. Dann fällt nämlich nach und nach allen ein, dass sie morgen arbeiten und eigentlich dringend ins Bett müssen. Natürliche Autorität kann den Zerfall der Gruppe verhindern. Wer einen Vorschlag macht, exponiert sich in der Gruppe und muss mit Gegenwind rechnen; die anderen werfen dieser Person vielleicht vor, sie habe ihren Willen durchsetzen müssen. Das liegt nicht jedem. Die Mehrheit ist begeistert, wenn sie hinterherlaufen darf. 

Verantwortung kann schwer auf uns lasten. 

Hinzu kommt: Im Tierreich ist es so, dass Alphatiere meistens kürzer leben, weil sie den höheren Stressfaktor haben, die Gruppe verteidigen müssen, konkurrieren. Macht hat also einen Preis. Habe ich eine gute Führung, ist es also viel einfacher, mitzulaufen, als oben den Kopf hinzuhalten. 

Doch auch wenn ich keine Lust auf Verantwortung und Stress habe, kann ich anderen ihre Vorteile und Statussymbole neiden. Wovon hängt es ab, ob wir Konkurrenz als bedrohlich oder herausfordernd empfinden? 

Wenn ich eine gute Führungskraft habe und weiß, dass diese mich im Unternehmen schützt, hinter mir steht, wenn etwas schiefläuft, und mir passende Aufgaben und Arbeitsmittel – sozusagen „mein Futter“ – zuteilt, hat das für mich einen hohen Nutzwert. In so einem Fall nehme ich Konkurrenz zum Beispiel zu anderen Teams eher als positiv wahr. Sind diese Rahmenbedingungen nicht gegeben, fühle ich mich ausgenutzt und mache nur noch das, was unbedingt sein muss. In der Situation beginne ich, andere zu beneiden. 

„Im Tierreich ist es so,
dass Alphatiere meistens kürzer leben.“

 

Manche Menschen verspüren – trotz der beschriebenen Nachteile – den Drang, sich an die Spitze zu arbeiten. Liegt dieser Ehrgeiz in unserer Genetik oder ist er eher eine Frage der Erziehung? 

In erster Linie ist er angeboren. Aber die Erziehung hat schon Einfluss auf das Wettbewerbsempfinden. Wenn das Kind nur Gummibärchen bekommt, wenn es dafür etwas geleistet hat, oder mit Erfolgsdruck immer wieder in sportliche Wettkämpfe geschickt wird, prägt das natürlich. Ich kann auch zu Egoismus erziehen, Ellbogenmentalität vermitteln.

Wir haben mal Studien in einem Kindergarten gemacht. Wenn keinerlei Rahmenbedingungen gesetzt werden, entstehen dort Rambo-Kulturen: Derjenige, der wortwörtlich alle niederschlägt, gelangt nach oben. Um das zu vermeiden, sollten Unternehmen Spielführermentalitäten etablieren, beispielsweise, dass im übertragenen Sinne nicht geschlagen wird, dass alle sich an gewisse Werte halten.

Leider gibt es Rambo-Kulturen auch in der Erwachsenenwelt. Ich denke zum Beispiel an die TV-Landschaft: In politischen Talkshows erreichen die Gäste die größte Aufmerksamkeit, die am härtesten austeilen, egal wie platt oder absurd die Äußerungen sind. 

Sehen Sie – gerade was mediale Schaukämpfe anbelangt – eine stärker werdende gesellschaftliche Tendenz in diese Richtung? 

Wir messen Hierarchien in der Natur damit, wie oft ein Tier angeschaut wird. Aufmerksamkeit ist also immer die Währung. Medien, insbesondere Massenmedien, bündeln Aufmerksamkeit, dadurch wird sie immer exponentieller und ungleichmäßiger verteilt. Durch Social Media nimmt das noch einmal extremere Formen an. Aufmerksamkeit zu generieren und zu multiplizieren ist durch Twitter, Instagram und Co. sehr einfach geworden. Dieser dadurch immer wüster werdende Kampf um die meiste Aufmerksamkeit, darum, den eigenen Markenwert zu steigern, entspricht dem natürlichen menschlichen Verhalten eigentlich überhaupt nicht mehr. 

 

Seite 2: „In der Arbeitswelt ist es wie bei Schimpansen: Wenn sich einer durchgesetzt hat, wird er gekrault.“
 

 
Barbara Niedner (c) privat
Barbara Niedner
Verhaltensbiologin und Führungskräftetrainerin

Als promovierte Verhaltensbiologin und Keynotespeakerin bringt Barbara Niedner die Prinzipien der Natur, die sich über Millionen von Jahren agil wandlungsfähig angepasst hat, in die digitale Ära. In Unternehmen trainiert sie die natürliche Autorität von Führungskräften und Projektverantwortlichen. Im Buch „Agil ohne Planung" beschreibt sie die Erfolgsstrategien der Natur. 

 

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