Das Browserspiel "Bad News Game" simuliert das Entstehen und Verbreiten von Fake News. (c) Getty Images/wasan prunglampoo
Das Browserspiel "Bad News Game" simuliert das Entstehen und Verbreiten von Fake News. (c) Getty Images/wasan prunglampoo
Browserspiel "Bad News Game"

In der Fake-News-Zentrale

Das onlinebasierte „Bad News Game“ rührt gekonnt an niedere Instinkte. Wer seinen Blick für die Techniken von Desinformation und Verschwörung schärfen möchte, sollte es ausprobieren.
Jens Hungermann

Bei allen Skrupeln als jemand, der sich in der täglichen professionellen Arbeit der Wahrheit und Klarheit verpflichtet fühlt − diese Offerte klingt irgendwie verlockend. Einmal auf Ethos und Moral pfeifen. Die Welt der Trolle und Verschwörer kennenlernen. Die Seite wechseln. Einmal nicht die Wahrheit bemühen. Im ­Gegenteil.

„Von Fake News ins Chaos. Wie böse bist du? Sammle so viele Follower, wie du kannst“, lautet die Einladung auf der Startseite des „Bad News Game“. Schlagwörter ploppen dort auf: Täusche. Verhöhne. Betrüge. Verfälsche. Verängstige. Manipuliere. Intrigiere.

Also hinein ins Spiel mit dem Brandbeschleuniger!

Aufgezogen ist es wie ein Chat. Der Spieler erhält im Verlauf verschiedene – mal mehr, mal weniger sugges­tive − Aufforderungen und Auswahlmöglichkeiten. Je nachdem, für welche Form der Desinformation er sich entscheidet, gewinnt oder verliert er Follower, wächst oder sinkt seine Glaubwürdigkeit.

Apokalypse durch genmanipulierte Organismen?

„Du bist bestimmt über irgendetwas frustriert, richtig? Sind wir doch alle. Beginne mit Twitter, um Dampf abzulassen.“ Und so geht es los. Zunächst mit einem vermeintlich harmlosen Tweet …

Tweet (c) DROG

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… danach mit dem Erstellen eines Fake-Accounts …

Tweet (c) DROG

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… und schließlich mit der Gründung einer eigenen Newsseite im Netz wie „Honest Truth Online“. Dort fabriziert der Spieler als angeblicher Chefredakteur allerlei hanebüchenen Content. Vor allem eines sollte dieser sein: emotional. Genmanipulierte Organismen führen in die Apokalypse? „Du hast ja so Recht!“ Vitamin-C-Pillen enthalten nuklearen Abfall? „Poste das!“

Tweet (c) DROG

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Insgesamt sechs Abzeichen kann der Spieler so einheimsen – wenn er denn perfide-geschickt genug agiert. Polarisierung, Trollen, Verschwörung, betrügerisches Auftreten, Emotionalisierung und Diskreditierung sind die Kategorien, die durch eigene Anwendung begreifbar werden.

All Badges (c) DROG

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Genau das hat das Spiel laut seinen Programmierern zum Ziel: „Resistenz erzeugen gegen bösartige Online­informationen, indem Menschen in die Position jener versetzt werden, die diese Desinformationen streuen.“ Desinformation ist dabei zu verstehen als bewusst falsche Information zum Zwecke der Täuschung.

Negativ aufgeladene, ­emotionale Botschaften

Zunächst auf Niederländisch programmiert, wird das Spiel seit dem Frühjahr auch auf Englisch angeboten. Gearbeitet wird an einer Version auf Russisch; eine arabische soll demnächst folgen. 80.000 User haben das „Bad News Game“ allein in der ersten Woche gespielt. Entwickelt wurde es von Wissenschaftlern der DROG, eines niederländischen Bündnisses gegen Desinformation, in Kooperation mit der Universität Cambridge.

Ursprünglich für Digital Natives programmiert und als Tool mit erzieherischem Wert etwa für den Schulunterricht gedacht, legt DROG-Gründer Ruurd ­Oosterwoud das Spiel auch Kommunikatoren und PRlern sehr ans Herz: „Es ist absolut auch für sie ­geeignet − schon um sich selbst daran zu erinnern, von den erwähnten Techniken die Finger zu lassen.“

Die DROG versteht sich als eine „Plattform für kritische Nachrichtenkonsumenten“. Mithilfe von Workshops und Simulationen versucht die Organisation, auf das gesellschaftliche Problem von Desinformation aufmerksam zu machen.

Desinformation berühre die öffentliche Meinung erheblich, meint Oosterwoud: „Sie verschlechtert das soziale Klima durch Verstärkung negativ aufgeladener, emotionaler Botschaften. Sie erhöht das Misstrauen in Institutionen und Medien und polarisiert Gesellschaften total.“

Desinformation und ­Hassrede nehmen zu

Betroffen sind davon – das liegt auf der Hand – in besonderer Weise auch professionelle Medien- und Öffentlichkeitsarbeiter. Genau wie klassische Medienhäuser kämpfen Kommunikatoren in Unternehmen, Organisationen, Behörden oder NGOs gegen Hate ­Speech, gegen das In-die-Welt-Setzen von „alternativen Fakten“ und gegen den Flurschaden, den Armeen von Trollen anrichten.

Aktuellen Schätzungen zufolge sind rund 15 Prozent aller Twitter-Accounts weltweit Bots. Und an der Fähigkeit zum Erkennen von Falschinformationen hapert es unter Mediennutzern. So wurden beispielsweise knapp 1.700 erwachsenen Teilnehmern einer Yougov-Studie im Auftrag des britischen Privatsenders Channel 4 drei wahre sowie drei falsche Nachrichtenmeldungen vorgelegt. Gerade einmal vier Prozent der Befragten konnten sie korrekt zuordnen.

Das in Layout und Funktionen spartanische „Bad News Game“ hilft den Blick schärfen. Wie heißt es in einem Sprichwort so treffend? Du musst deinen Feind kennen, um ihn besiegen zu können. Ruurd Oosterwoud hätte es nicht besser ausdrücken können.

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