Raus aus dem goldenen Käfig – Freude, Neugier und Willenskraft helfen dabei. (c) Thinkstock/PsychoShadowMaker
Raus aus dem goldenen Käfig – Freude, Neugier und Willenskraft helfen dabei. (c) Thinkstock/PsychoShadowMaker
Tipps zur Potenzialentwicklung

Ausbruch aus der Komfortzone

Man hört es häufig, dieser Tage, bei Unternehme(r)n wie bei Angestellten: die Frage nach dem Potenzial und dessen Entwicklung. Business Coach Sylvia Pietzko analysiert die gängigen Störfaktoren und erklärt, wie wir Teufelskreise überwinden können.
Sylvia Pietzko

Zunächst einmal stellt sich die Frage: Was ist denn überhaupt Potenzial? Es handelt sich um unsere angeborenen Fähigkeiten und Talente, die wir im Laufe unseres Lebens entwickeln. Potenzial, das wir uns bereits nutzbar gemacht haben, manifestiert sich zum Beispiel in unseren Leistungen und Arbeitsergebnissen. Potenzial ist aber nicht nur das, was man schon sieht, sondern auch das, was nicht sichtbar ist: Die noch unentdeckten Sterne in uns oder die, die wir vielleicht für Supernovae halten, für bereits ausgebrannt. Kreativ?! War ich als Kind mal ... Wir sind jedoch viel mehr als das Produkt unserer genetischen Veranlagung. Unser Gehirn ist zeitlebens lernfähig und so sehe ich auch Potenzialentwicklung – Erkennen, Entdecken, Fördern – im Idealfall als einen lebenslangen Prozess andauernder Veränderung, Entfaltung und Metamorphose. Ein Prozess, den es nur in Eigenverantwortung geben kann. Wer darauf wartet, dass jemand kommt und einem die Erfolgsformel in die Hand drückt, der wartet mit hoher Wahrscheinlichkeit vergebens.

Was bremst uns aus?

Die zweite Frage, die sich stellt, lautet: Wie kommt man ran an das Potenzial, beziehungsweise: Warum lebt man es oftmals nicht aus? Ich behaupte, dass der Mensch von Natur aus ein feines Gespür für seine Neigungen und damit für die Dinge hat, die er ganz besonders gut kann. Spaß und Freude weisen ihm seinen Weg, Erfolg stellt sich so mit relativer Leichtigkeit ein. Und dann kommt das Leben ins Spiel: Die Außenwelt stört unsere Selbstwahrnehmung, beispielsweise durch Kritik oder durch Vorgaben, was wir lernen müssen (häufig nicht das, was uns interessiert!) und wie wir zu sein haben. Druck und Angst gesellen sich hinzu und lassen uns Fehler machen. Unter Angst sind nicht wir selbst: In unserem Gehirn laufen biochemische Prozesse ab, die uns in höchste Alarmbereitschaft versetzen. Adrenalin und Kortisol sind noch die Bekanntesten unter den Stresshormonen, die dafür sorgen, dass wir in archaische Verhaltensmuster zurückfallen: Angriff oder Verteidigung, Flucht oder Totstellen. In der beruflichen Praxis äußert sich das dann gerne mal in folgenden Symptomen:

  • für den Kunden nicht erreichbar sein
  • dem Vorgesetzten gegenüber Ausreden erfinden
  • oder die Kollegin beschuldigen.

Im Teufelskreis der Störungen

Welche Ihrer Texte sind wohl von besserer Qualität: die, die Sie voller Freude im Flow geschrieben haben, oder die, die unter Stress, Zeitmangel und dem Damoklesschwert möglicher unangenehmer Konsequenzen bei schlechter Leistung entstanden sind? Durch solche äußeren Faktoren wird das feine Gespür – die Selbstwahrnehmung – gestört, in Folge dessen auch Reaktionen und Ergebnisse. Unser Selbstbild kann sich verzerren, wenn wir Fehler machen („Boah, ich Niete kann ja gar nicht mehr schreiben!“), wir spalten uns dann ab von unserem Potenzial („Ich sollte wohl besser als Hausfrau an den Herd …“), das verzerrte Selbstbild stört erneut die Wahrnehmung (der nächste Tippfehler wird zum Beweis für die eigene Unfähigkeit, statt zu dem, was er wirklich ist: eine Kleinigkeit, die auch Profis mal passiert). Wir geraten in einen Teufelskreis. Sie haben es vielleicht schon bemerkt: Äußere und innere Störfaktoren hängen zusammen. Als ob die Welt dort draußen nicht schon komplex – und manchmal tatsächlich beängstigend ­– genug wäre, wir machen uns auch noch selber Angst!

Lassen Sie mich den Bogen zurück zum Anfang schlagen: Veränderung ist also einerseits notwendig für die Entwicklung all unserer Fähigkeiten, andererseits kann sie Furcht einflößen und uns so vom Erreichen unserer Wünsche und Ziele abhalten. Dass wir die durch Angst ausgelösten neuronalen Prozesse für unsere Weiterentwicklung sogar manchmal brauchen, würde an dieser Stelle zu weit führen. In jedem Fall ist Veränderung unbequem und mit Arbeit verbunden. Mit Arbeit an sich selbst.

Wider die Komfortzone

Was muss man also tun, um möglichst viel von seinem Potenzial zu nutzen, um möglichst erfolgreich zu sein? Timothy Gallwey, Vater des modernen Business Coachings, bringt es auf den Punkt: Leistung ist Potenzial minus Störung. Natürlich kann nicht jeder von uns der nächste Literatur-Nobelpreisträger werden, doch ich vertrete die Ansicht, dass wir alle weit unter unserem Potenzial leben und es in uns noch einiges zu entdecken und zu nutzen gibt. Wenn wir es wollen. Wenn wir es uns erlauben und aufhören, uns durch hinderliche Glaubenssätze, das Befolgen überholter Regeln und vieles mehr selbst zu stören. Und wenn wir nicht länger zulassen, dass andere Menschen uns manchmal genau da haben wollen, wo unsere Ängste uns sowieso gerne verharren lassen: in der Komfortzone.

Wenn es uns gelingt, diese Komfortzone hinter uns zu lassen und die Störungen zu reduzieren (zum Beispiel durch zeitgemäße Führung in Unternehmen) werden wir in neue Sphären der Leistungsfähigkeit vorstoßen. Die weit verbreitete Überzeugung in Organisationen, Menschen steuern oder motivieren zu müssen, ist ein fundamentaler Irrglaube: Wenn Menschen ein Ziel für sich eigenverantwortlich annehmen, werden sie alles tun, um sich selbst dorthin zu steuern.

Was kann man tun?

Jeder, der sich nicht direkt bei seiner Potenzialentwicklung professionell begleiten lassen möchte, kann bei sich selbst anfangen. Stellen Sie sich Fragen wie:

  • Was hat mich als Kind begeistert?
  • Was macht mir richtig Spaß?
  • Welche Tätigkeiten empfinde ich als sinnvoll?
  • Wo und wobei blühe ich auf?
  • Welche Veränderungen begrüße ich, vor welchen habe ich Angst?
  • Ist diese Angst ein Gespenst oder bin ich tatsächlich in Gefahr?
  • Was würde ich tun, wenn ich keine Angst hätte?

Lektüre gibt es dazu mannigfach, diverse Tests helfen dem Einzelnen wie ganzen Teams, den Spiegel vorzuhalten (Disg, Insights, Reiss, et cetera), um Feedback zu bekommen, Potenziale für ein Projekt passend zusammenzustellen oder blinde Flecken zu entdecken.

Darüber hinaus gilt: Neugier, Freude, Willenskraft sowie Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und in die Welt um uns herum sind hervorragende potenzialsteigernde Mittel. Noch dazu sind sie kostenlos und haben positive Auswirkungen auf die Gesundheit. Frei nach Immanuel Kant: Haben Sie den Mut, sich Ihres eigenen Potenzials zu bedienen!

 
 


randbemerkung

Bitte achten Sie bei Ihren Beiträgen unsere Netiquette.

Das könnte Sie auch interessieren.

Sich mit anderen auszutauschen, halte uns frisch und mache unser Denken schneller, sagt Neurowissenschaftler Henning Beck. (c) Getty Images/MissTun
Foto: Getty Images/MissTun
Lesezeit 4 Min.
Interview

„Kommunikation ist das beste Gehirnjogging“

Wie lernen Menschen eigentlich am besten? Was behindert den Lernprozess? Und warum macht Scheitern klug? Henning Beck, Neurowissenschaftler, Autor und Science Slammer, im Gespräch über gehirngerechte Arbeitswelten, den positiven Effekt von Fehlern und Neuro-Mythen. »weiterlesen
 
Kommunikatoren erzählen, wie sie Hürden überwanden oder Neues wagten. (c) Fotos: privat, fotoyeh.de, designfoto.ch, Otto / Collage: Quadriga Media Berlin
Fotos: privat, fotoyeh.de, designfoto.ch, Otto / Collage: Quadriga Media Berlin
Lesezeit 4 Min.
Lesestoff

Was heißt überhaupt Mut? (2)

Haltung bewahren, auch wenn es politisch heikel ist. Einen scheinbaren Karriereschritt zurück machen. Aufbegehren gegen Ungerechtigkeit. Eine unbequeme Entscheidung gegen viel Widerstand treffen. Mut hat viele Facetten. Hier erzählen Menschen, wie und warum sie ihn fassten. »weiterlesen
 
Pressesprecher übernehmen im Berufsalltag vielfältige Rollen. (c) Getty Images/Sergey_Nivens
Foto: Getty Images/Sergey_Nivens
Lesezeit 4 Min.
Lesestoff

Tausendsassa Pressesprecher

In Kommunikationsabteilungen landen oft Projekte, die auf den ersten Blick nichts mit den Kernaufgaben zu tun haben. Für die Mitarbeiter bedeutet das: Sie müssen Allrounder sein – und sie finden sich immer öfter auch auf der Bühne wieder. »weiterlesen
 
Kommunikatoren erzählen, wie sie Hürden überwanden oder Neues wagten. (c) Fotos: privat, Jasmina Meyer - Spreadshirt, Studio Hirschmeier, Johannesbad / Collage: Quadriga Media Berlin
Fotos: privat, Jasmina Meyer - Spreadshirt, Studio Hirschmeier, Johannesbad / Collage: Quadriga Media Berlin
Lesezeit 5 Min.
Lesestoff

Was heißt überhaupt Mut? (1)

Haltung bewahren, auch wenn es politisch heikel ist. Einen scheinbaren Karriereschritt zurück machen. Aufbegehren gegen Ungerechtigkeit. Eine unbequeme Entscheidung gegen viel Widerstand treffen. Mut hat viele Facetten. Hier erzählen Menschen, wie und warum sie ihn fassten. »weiterlesen
 
Wer seine persönlichen Ängste überwindet und die Komfortzone verlässt, macht sein Leben reicher. (c) Getty Images/g-stockstudio
Foto: Getty Images/g-stockstudio
Lesezeit 2 Min.
Ratgeber

Wie wir unsere Komfortzone verlassen

Persönliches Wachstum entsteht ausschließlich außerhalb der eigenen Wohlfühlareale. Doch um diese zu verlassen, braucht es Mut und Entschlossenheit. Zwei Eigenschaften, über die erfolgreiche Menschen verfügen. »weiterlesen
 
Wächst die ökonomische Bedeutung einer Profession, steigen auch ihre Gehälter. (c) Getty Images/mactrunk
Foto: Getty Images/mactrunk
Lesezeit 3 Min.
Kommentar

Wir müssen uns besser vermarkten!

Gehälter sind auch davon abhängig, wie eine Profession auf den Unternehmenserfolg einzahlt. Für die professionelle Kommunikation sieht BdP-Bildungsbeauftragter Ulrich Kirsch gute Chancen – wenn jeder Einzelne dafür arbeitet. »weiterlesen