Wie erkennt man, dass man sich in einer sogenannten Stressspirale befindet?  (c) Getty Images / Simon_Parga
Wie erkennt man, dass man sich in einer sogenannten Stressspirale befindet? (c) Getty Images / Simon_Parga
Stress im Job

Auf dem Weg zum Burn-out?

Erschöpft und ausgebrannt – so fühlen sich viele Menschen, die auf dem Weg zu einem Burn-out oder bereits am Ende ihrer Kräfte sind. Wie erkennt man, dass man sich in einer sogenannten Stressspirale befindet? Und was kann man dagegen tun?
Hans-Peter Unger

Als Thomas morgens aufwacht, spürt er sofort wieder diese Unruhe im Bauch – ein mulmiges Gefühl, wie früher vor Prüfungen. Dann ist da dieser Druck auf der Brust, auch das Atmen fällt ihm schwer. Eine aufsteigende Panik befällt ihn, eine unbestimmte Angst, alles zu verlieren, die Deadline für das Projekt nicht zu schaffen.

„Ist das das Ende? Bin ich ausgebrannt? War’s das?“ Thomas zwingt sich aufzustehen. Unter der Dusche wird es leichter. Er muss es schaffen. Augen zu und durch. Funktionieren!

Für jemanden, der erschöpft ist, kann der Alltag zur Belastungsprobe werden. Doch ist das schon ein Burn-out? Seit der Jahrtausendwende hat sich dieser Begriff in unseren Sprachgebrauch eingeschlichen und vor zehn Jahren höchste mediale Präsenz erreicht. Prominente berichten in Talkshows über ihren Burn-out. Motto: Nur wer brennt, kann auch ausbrennen. Aber auch die Ursachen werden gesucht: in der gesellschaftlichen Beschleunigung, in der unablässigen Verfügbarkeit der digitalen Medien, in der neoliberalen Selbstausbeutung, in der Führung durch Ziele und Verunsicherung.

Was also ist Burn-out? Burn-out ist keine klar definierte Krankheit. Psychiater sprechen von einem Risikozustand aufgrund von Dauerstress, einem Zustand der totalen Erschöpfung. Burn-out-Forscher beschreiben einen phasenhaften Verlauf. Es gibt zahlreiche unterschiedliche Definitionen.

Burn-out ist nicht dasselbe wie eine Depression, kann aber zu Angststörungen und Depressionen führen. Der Übergang ist fließend. Es gibt viele Menschen, die sich ausgebrannt fühlen und einen Burn-out befürchten. Meistens handelt es sich hier um die normale Erschöpfung nach einer anstrengenden Arbeitsphase.

Wenn ich hingegen Patienten mit Burn-out und Erschöpfungsdepression frage, wann es angefangen hat, wird rückblickend meist ein Zeitraum von drei bis sieben Jahren angegeben. Burn-out ist also die letzte Phase einer prozesshaften Entwicklung, einer Stressspirale.

Der Körper gibt Alarm

Wenn Patienten sich erinnern, wie sich ihr Burn-out entwickelte, dann kommen immer die gleichen Antworten: Ein- und Durchschlafstörungen, Nacken- und Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Übelkeit, Magendruck und Verdauungsprobleme, Ohrgeräusche. Verbinden sich diese Körperbeschwerden mit einem gewissen Gefühl der Erschöpfung, dann ist das noch kein Burn-out. Unser Körper meldet sich und teilt mit, dass wir eine unsichtbare Grenze überschritten haben: die Grenze zwischen unserer Verausgabung, unserem Energieverbrauch und unserer Regeneration.

Sportler kennen diese Grenze als Beginn eines sogenannten Übertrainings. Die Regenerationszeit reicht dem Körper dann nicht mehr aus, trotz intensiven Trainings werden die Leistungszeiten schlechter und die Verletzungsgefahr erhöht sich. Und wenn die Athleten dann Sportmediziner fragen, wie man diese Grenze erkennt, antworten diese: „Listen to your body!“

Wird die Grenze ignoriert, verstärken sich Stressspirale beziehungsweise Übertraining. „Es muss doch zu schaffen sein“, „Nur noch dieses Projekt …“.

Unser körpereigenes Stresssystem ist für akute Herausforderungen bestens geeignet. Erinnern Sie sich beispielsweise an Prüfungssituationen während der Ausbildung? In der Regel finden Sie erst zwei bis drei Wochen vor einem Prüfungstermin an zu lernen. Innerhalb kürzester Zeit paukten Sie Unmengen von Lernstoff.

Das können wir – und danach brauchen wir eine Erholung. Wenn wir aber zwei, drei Monate oder länger im Stress sind, schaltet unser Körper auf den Dauerstress-Modus: Neugier und Belohnungs- oder Erfolgserwartung nehmen ab und negative Gefühle wie Angst oder Ärger verstärken sich.

Im Dauerstress auf Autopilot

Unser Gehirn schaltet unter Dauerstress auf Autopilot, um Energie zu sparen. Wir suchen für ein Problem nicht mehr nach der bestmöglichen und innovativen Lösung, sondern reagieren auf eine Herausforderung mit einer gewohnten und uns sicher erscheinenden Strategie. Autopiloten beruhen auf unseren emotionalen Erfahrungen und unseren Gewohnheiten.

Wenn wir beispielsweise emotional konditioniert sind, ein „Fleißkärtchen“ zu erhalten, weil wir den Anforderungen des Lehrers entsprechen, dann werden wir im Dauerstress doch noch einen Termin für ein wichtiges Anliegen des Kollegen finden – und zwar schnell und automatisch. Hätten wir darüber eine Nacht geschlafen, wäre uns klargeworden, dass es nicht geht, und uns wären alternative Lösungen eingefallen.

Sicher kennen Sie persönlich viele solcher Beispiele. Dann Sie sind aber nicht automatisch im Burnout, sondern im Dauerstress. Sie werden reizbarer, kränkbarer, Sie fühlen sich unverstanden. Etwa wenn Ihr Partner Sie kritisiert, dass Sie zu viel arbeiten und emotional nicht erreichbar seien. Sie arbeiten auch am Wochenende, lesen Ihre Mails vor dem Einschlafen oder stellen nach und nach Freizeitaktivitäten und Kinobesuche ein.

Automatenleben und Sinnkrise

Die Autopiloten und die Vernachlässigung Ihrer eigenen Regeneration und Ihrer Beziehungen entwickeln sich zu Brandbeschleunigern auf der Stressspirale. Sie merken, dass Sie plötzlich etwas vergessen haben und Ihnen Namen auch vertrauter Personen nicht einfallen. Sie sind noch nicht ausgebrannt, aber dauergestresst, und Ihre Leistung beginnt abzufallen.

Jetzt beginnt die letzte Phase, das wirkliche Ausbrennen. Eine angesehene Ärztin aus Hamburg erzählte mir einmal: „Morgens fahre ich durch den Elbtunnel und spüre den Drang, gegen die Wand zu fahren. Dann arbeite ich zwölf Stunden. Auf der Rückfahrt wieder der Drang im Elbtunnel, dann falle ich erschöpft ins Bett und kann nicht einschlafen. Und am nächsten Morgen dasselbe Spiel – und das jetzt schon seit sechs Wochen. Ich funktioniere, aber bin innerlich leer. Der Sinn, der Spirit, mit dem ich einst gearbeitet habe, ist verloren oder hat sich in Zynismus und Bitterkeit gewandelt.“ Die inneren Werte der Ärztin waren ausgehöhlt, und es fehlte nur noch ein Schritt in eine Erschöpfungsdepression.

Die Stressspirale zeigt, dass Burn-out nicht nur die Folge einer fehlenden Balance zwischen Energieverbrauch und Regeneration ist. Burn-out ist auch die Folge einer zunehmenden Verstrickung zwischen der ursprünglichen Vorstellung, warum ich arbeite, meiner Belohnungs- und Erfolgserwartung und der realen Arbeitssituation. Auf der Burn-out-Spirale verliere ich den Kontakt zu mir, zu meinem Körper und zu Menschen, die mir nahestehen.

Autopiloten speisen sich aus den früheren emotionalen Erfahrungen ebenso wie aus unserer Leistungs- und Wachstumskultur und beschleunigen den Weg in den Burn-out. Wir versuchen, Körper und Geist zur Leistung zu zwingen, bis es zum Zusammenbruch kommt. Burn-out ist Grenzerfahrung und Notfallabschaltung in einem. Die Therapie besteht in der Akzeptanz der Grenze, in ihrer achtsamen Wahrnehmung und in einem Mitgefühl mit sich und der Welt.

Raus aus der Stressspirale

Was können wir tun? Listen to your body! Jeden Tag brauchen wir eine halbe Stunde der Stille, eine halbe Stunde, in der nichts ist als Ruhe und Bei-sich-Sein. Hören wir auf das, was uns unser Körper sagt, hören wir auf das, was Menschen sagen, die uns lieben.

Auch Unternehmen können übrigens ausbrennen, wenn die Führung den Draht zur Basis verloren hat. Wo ist das Meeting ohne Agenda, wo zur Sprache kommen kann, was die Mitarbeiter wirklich berührt?

Wir brauchen keine Apparate, um unseren persönlichen Stress zu messen. Wenn wir zum Beispiel einen „heiligen Termin“ in der Woche haben, an dem wir mit unserem Partner oder Freunden spielen, tanzen, singen oder sportlich aktiv sind, dann kann dieser heilige Termin unseren Stresspegel messen. Denn wenn wir uns auf der Stressspirale nach unten bewegen, kommt immer der Moment, an dem wir diesen Termin absagen wollen. Genau dort ist wieder besagte unsichtbare Grenze – jener Punkt, an dem wir beginnen, unsere Regeneration und unsere Beziehungen zu vernachlässigen.

Persönliches Burn-out und organisationales Burn-out sind Folgen mangelnder Regeneration und einer Verstrickung in ein Wachstumsstreben, das nicht antizipatorisch Grenzen anerkennt und das Ressourcen nicht stärkt.

 
 


randbemerkung

Bitte achten Sie bei Ihren Beiträgen unsere Netiquette.

Das könnte Sie auch interessieren.

Der 46-jährige Steffen Baum verlor plötzlich seine Stimme. (c) Getty Images / Gerd Zahn
Foto: Getty Images / Gerd Zahn
Lesezeit 3 Min.
Porträt

Wenn die Stimme versagt

Die eigene Stimme ist für Menschen das Natürlichste der Welt. Aber was, wenn sie versagt? Der 46-jährige Steffen Baum verlor zweimal über mehrere Monate seine Stimme. Ein Protokoll über Hilflosigkeit und Alternativen. »weiterlesen
 
Von weiblichen Vorbildern kann man lernen, wie man sich in schwierigen Situationen durchsetzt. (c) Getty Images / artisteer
Foto: Getty Images / artisteer
Lesezeit 2 Min.
Kommentar

Wie man sich als Frau in der PR durchsetzt

Manche Karrierehindernisse können Frauen in der PR selbst aus dem Weg räumen, meint Monika Schaller – und hält einen überraschenden Ratschlag bereit. »weiterlesen
 
Um annährend 60 Prozent wuchs die Zahl sozialversicherungspflichtiger PR-Arbeitsplätze in Berlin zwischen 2013 und 2018. (c) Getty Images / bluejayphoto
Foto: Getty Images / bluejayphoto
Meldung

Berlin: Zahl angestellter PRler steigt um 59%

Mehr Arbeitsplätze für PRler und Journalisten: Zwischen 2013 und 2018 wuchs die Kommunikationsbranche in der deutschen Haupstadt erheblich. »weiterlesen
 
Wann wird Prokrastinieren zum Problem – und was hilft dagegen? (c) Getty Images / SB
Bild: Getty Images / SB
Lesezeit 4 Min.
Gastbeitrag

Wie man mit dem ewigen Aufschieben Schluss macht

Wer unliebsame Aufgaben immer vor sich herschiebt, hat weniger Erfolgserlebnisse und verliert an Selbstachtung. Wann Prokrastinieren zum Problem wird und was dagegen hilft. »weiterlesen
 
Aktuell gibt es nur wenige CCOs in der Unternehmensführung. (c) Getty Images/Hakinmhanil des Fü
Bild: Getty Images/Hakinmhan
Lesezeit 4 Min.
Gastbeitrag

Kommunikatoren in den Vorstand!

Um als Kommunikator einen Sitz in der Chefetage eines Unternehmens zu ergattern, genügt PR-Expertise allein nicht. Stattdessen sind vor allem strategischer Weitblick, Geschäftssinn und Führungserfahrung gefragt. Ein Blick in die USA macht Mut. »weiterlesen
 
Screenshot: Quadriga Media Berlin
Screenshot: Quadriga Media Berlin
Lesezeit 1 Min.
Video

„Man spricht immer über sich selbst“

Stefan Schwaha von der Digitalberatung Ambuzzador erzählte uns, welche Herausforderungen und Trends seiner Meinung nach künftig in der Kommunikation wichtig werden. »weiterlesen