Kommunizieren die beiden Herren "auf Augenhöhe"? (c) Thinkstock/Image Source White
Kommunizieren die beiden Herren "auf Augenhöhe"? (c) Thinkstock/Image Source White
Kommentar

Auf Augenhöhe? Bloß nicht!

Rollen Sie auch nur noch mit den Augen, wenn Sie Phrasen wie "Augenhöhe", "Lernkurve" und "Flughöhe" hören? Ein Kommentar von Sylke Schröder, Geschäftsführerin des BriefStudios Weimar, über Pseudo-Dialoge und was diese anrichten.
Sylke Schröder

Augenhöhe ist ein schönes Wort – ausdrucksstark, greifbar, melodisch. Rührend ist die Eintracht, mit der Führungskräfte ins gleiche Horn stoßen: „Wir kommunizieren auf Augenhöhe“. Wäre da nicht das latente Gefühl, dass dieser Ruf nicht ganz ernst gemeint sein könnte. Ein Team der Universität Erlangen-Nürnberg hat herausgefunden, was Chefs auslösen, wenn sie von einer „steilen Lernkurve“ reden, auf der sie „am Ende des Tages“ die „richtige Flughöhe erreichen“. Das Ergebnis der Studie: Phrasendrescher werden als unsympathischer, unglaubwürdiger und inkompetenter wahrgenommen.

Längst ist „Augenhöhe“ zu einer Floskel verkommen. Täglich bekomme ich E-Mails, die ungenügend auf mich oder meine Sache eingehen. Von Kunden höre ich immer wieder, wie sie das Aneinander-Vorbeireden in Briefen und E-Mails nervt. Offenbar fühlen sich die Verfasser „gut aufgestellt“, wenn sie den Beamtenstil nachahmen, von dem sich schon Kurt Tucholsky angeekelt fühlte: „Jede Speditionsfirma sieht ihre Ehre darin, Briefe herauszuschicken, die wie Verfügungen anmuten.“ Dahinter lässt sich Verantwortung geschickt verbergen. Schlimmer ist nur noch unser Zeitgeist, der sich nicht mehr damit aufhält, den Empfänger auf Augenhöhe zu treffen.

So lassen Kommunikationschefs tolle Webseiten gestalten und gefühlvolle Imagefilme produzieren. Sie kennen alle Raffinessen des Social Web, doch all das zeigt nur, wie sie sich selbst sehen und gesehen werden möchten. Ihre Kunden könnten ihnen einen Spiegel vorhalten. Doch dazu müsste man es aushalten können, die eigene Wirkung mit anderen Augen zu betrachten – bereit sein zum echten Dialog. Stattdessen wird die Kluft zwischen Selbst- und Fremdbild immer größer. Dabei wäre es ein ausreichendes Kommunikationsziel, diese Kluft zu verringern. Es hätte sogar einen garantierten USP. Und hätte ich nicht selbst erlebt, dass empathische E-Mails Markenfans hervorbringen, so würde ich immer noch unreflektiert von „Augenhöhe“ schwafeln.

 

 
 


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