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Veränderung erreichen

Ansätze statt Vorsätze

Zum Jahreswechsel werden Ziele gern neu gesteckt: effektiver arbeiten, Berufliches und Privates besser trennen, weniger Überstunden machen. Im beruflichen Alltag geraten Veränderungswünsche dann aber schnell in Vergessenheit. Dabei kann Veränderung wirklich gelingen.
Moritz Senarclens de Grancy
Thomas Kretschmar

Meist scheitern Veränderungswünsche an der Macht der Gewohnheit. Im Berufsleben ist das nicht anders als sonst auch: Zwischen dem Wunsch und seiner Realisierung liegt oft eine schwer zu überbrückende Kluft. Längst hat sich eine ganze Beratungsbranche etabliert, die Führungskräfte und Unternehmen dabei unterstützt, Veränderungsprozesse umzusetzen. Dabei wird nach gängigen Beratungsansätzen zuerst das zukünftige Ziel herausgefunden und im Anschluss eine passende Strategie entwickelt.

Einen anderen Ansatz verfolgt das analytische Coaching: Dort steht der Wunsch nach Wandel im Mittelpunkt.

Altes ablegen, Neues schaffen

Analytisches Coaching setzt am Veränderungsbegehren selbst an, denn Motive sind meist weitaus vielschichtiger, als es der erste Anschein vermuten lässt. Dahinter steckt ein einfacher Gedanke: Um sich für die Zukunft öffnen zu können, müssen alte Erwartungen abgelegt werden. Ein Wandel gelingt nur, wenn es ausreichend Spielraum für neues Handeln gibt.

Um den Handlungsspielraum zu erweitern, greift das analytische Coaching auf Techniken der Psychoanalyse Sigmund Freuds zurück: Hier geht es darum, verdeckte Erwartungen auszusprechen, um sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Unzeitgemäße, regressive Ansprüche an das soziale Umfeld wirken sich häufig hemmend auf die Gestaltung von Beziehungen aus; derartige Ansprüche basieren noch auf eingefahrenen Verhaltensmustern und Gewohnheiten.

Ursachen finden

Die Fähigkeit, sich zu verändern, zeigt sich auch darin, nicht nur die Beweggründe, sondern auch die Hemmnisse des Veränderungswunsches reflektieren zu können. Den Wunsch nach Wandel allein mit einer bestimmten Strategie oder Methode umsetzen zu wollen, bringt meist wenig. Zu stark ist der Einfluss unbewusster Erwartungen und Ängste. Vielmehr empfiehlt es sich, die individuelle Situation und Geschichte des Einzelnen zu betrachten. So gelangt man an den Ort des eigentlichen Geschehens, also dorthin, wo die Ursache für den Wunsch nach Veränderung liegt. 

Häufig finden sich dort auch Gründe für mögliche Hindernisse: Wer sich vornimmt, im neuen Jahr effektiver zu arbeiten und dafür allerlei Dinge anders machen will, braucht zunächst einmal Klarheit darüber, warum seine Leistungsbereitschaft zuletzt gesunken ist. Die Ursachen hierfür können vielschichtig sein, sie sind in jedem Fall individuell verschieden. 

Gewohnheiten aufgeben

Gewohnheiten abzuschwören, fällt auch deshalb so schwer, weil das Gewohnte ein Recht auf Genuss gewährt. Tatsächlich hat man es dabei mit einer Art Gewohnheitsrecht zu tun, also mit institutionalisierten Leistungs- und Belohnungsregeln, deren Früchte von Individuen genauso wie von Organisationen und Gesellschaften errungen, verteilt und genossen werden. Wer Veränderung will, sollte also bereit sein, auf Genuss zu verzichten.

Das fällt immer dann besonders schwer, wenn der Verlust des Genusses nicht zügig durch einen gleichwertigen Ersatz kompensiert werden kann: Wer verzichten soll, will sich wenigstens anderweitig trösten können. Menschen, die mit dem Rauchen aufhören wollen, fangen beispielsweise an, Süßigkeiten zu essen.

Analytisches Coaching stellt die Frage, warum Menschen am Althergebrachten festhalten, selbst wenn sie ihre Gewohnheit längst nicht mehr genießen können. Hier lohnt es sich nicht, ans Bewusstsein zu appellieren und fortwährend die Vorteile von Veränderungsprozessen zu betonen. 

Ängste überwinden 

Menschen sind dann bereit, sich zu verändern, wenn sie ihre Unsicherheiten erkennen und überwinden. Denn die Veränderungsbereitschaft ist eng an die Gewissheit geknüpft, dafür über die nötigen Ressourcen zu verfügen. Meist entsteht aufgrund der Gespräche zwischen analytischem Coach und Klient eine Form der Verbindung, die Letzterem eine neue haltgebende Struktur gibt. Dadurch findet er eine neue Sprache, um neu über das Bisherige nachdenken zu können. Psychoanalytisches Coaching fungiert wie ein Container für Veränderungsängste – eine Art Behälter, in dem Vergangenes verarbeitet werden kann, um frei für weiterführende Entwicklungen zu werden. 

Gewohnheiten dienen uns auch als Schutz davor, jeden Schritt und jede Handlung im Vorfeld abzuwägen. In der Realität wird dieses Haften am Gewohnten jedoch dann zum Risiko, wenn es dazu führt, dass Informationen und Hinweise aus der Umgebung ausgeblendet werden. Leider hilft es kaum, mit dem Finger auf dieses Risiko zu zeigen. Es gilt, die wahren Motive für den Wunsch nach Veränderungen herauszufinden – hier können Fantasien, Erfahrungen und Einstellungen zur Sprache kommen, denen die eigentliche Macht über das Verhalten obliegt. 

Die menschliche Seele ist für den Umgang mit Veränderungsprozessen wie geschaffen. Neben dem Wunsch nach Veränderung braucht es dazu jedoch auch geeignete Ansätze, damit die Veränderungsarbeit nachhaltig gelingt. Für das neue Jahr gilt daher: gute Ansätze statt gute Vorsätze.


Dieser Beitrag ist zuerst im Magazin Human Resources Manager (Ausgabe 6/2018) erschienen.

 

 
 

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