Kevin Großkreutz (c) Marco Vech/CC BY 2.0/https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/
Kevin Großkreutz (c) Marco Vech/CC BY 2.0/https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/
Kommentar

Kevin Großkreutz: Die Krisen-PR hat ein Vorbild

Für einige ist er der Vollblutfußballer, der sich außerhalb des Platzes wie ein Pubertierender benimmt. Für Klaus Weise, Gründer und Geschäftsführer von Serviceplan Public Relations, ist Ex-VfB-Stuttgart-Profi Kevin Großkreutz jedoch auch ein Vorbild in Sachen Krisen-PR. Ein Kommentar.
Klaus Weise

Kennen Sie einen Manager, Politiker oder Würdenträger, der in eine Affäre verwickelt war und dann ohne Wenn und Aber zurücktrat? Der darauf verzichtete, seinen Fehler zu relativieren? Der nicht versuchte, die Schuld auf andere abzuwälzen? Der schlicht und einfach zugab, Mist gebaut zu haben und die notwendigen Konsequenzen zog? Dem der aufrechte Gang wichtiger war als die Geldbörse? Mir fällt gerade niemand ein. Mir gehen nur Namen wie Winterkorn, Tebartz-van Elst oder Wulff durch den Kopf.

Deshalb ist für mich Kevin Großkreutz ein Vorbild. Großkreutz? Vorbild? Das klingt nach einer ziemlich steilen These. Ausgerechnet Großkreutz. Ein Fußballprofi, der nach einem verlorenen Spiel betrunken in die Hotellobby pinkelt? Der Spieler, der einen gegnerischen Fan mit Döner Kebab bewirft? Der an Faschingsdienstag in einem Stuttgarter Club ausgiebig feiert – Boulevardmedien berichten von einer vierstelligen Zeche. Der alkoholisiert mit minderjährigen Kumpels aus der Stuttgarter U 17 Mannschaft in das Rotlichtviertel weiterzieht und spät in der Nacht nach einer Schlägerei übel zugerichtet ins Krankenhaus eingeliefert wird? 

In den Medien wird Kevin Großkreutz gerne als Vollblutfußballer dargestellt, der sich außerhalb des Platzes nicht im Griff hat. Als Spieler, der Deutscher Meister, Pokalsieger, Nationalspieler, Champions-League-Finalist und sogar Weltmeister ist. Aber der trotz seiner 28 Jahre Lebenserfahrung jenseits des grünen Rasens agiert wie ein Pubertierender, der nicht alle Sinne zusammen hat. Aber Kevin Großkreutz hat auch eine andere Seite: Er ist aufrecht, ehrlich und authentisch. Der Familienvater hat nach den Vorkommnissen der Faschingsnacht Fehler eingeräumt, um Verzeihung gebeten, sich entschuldigt, seinen hoch dotierten Vertrag mit dem VfB einvernehmlich aufgelöst.

Das alles ist nicht selbstverständlich, in einer Zeit, in der es weit verbreitet ist, seine Strafzettel nicht zu bezahlen, sondern den Anwalt einzuschalten. Was mich am meisten beeindruckt: Der Ausnahmefußballer hat sich nicht weggeduckt. Er erschien persönlich zur Pressekonferenz seines Ex-Arbeitgebers, verabschiedete sich unter Tränen von Mitspielern, Verein und Fans. Die danken es ihm. Eine Online-Petition, die seine Rückkehr zum VfB fordert, hat bereits mehr als 30.000 Unterstützer. Sein Verein wird ihn trotzdem nicht zurückholen. Aber falls in ein paar Wochen in Stuttgart der sich abzeichnende Aufstieg in die 1. Bundesliga gefeiert wird, dann wird Kevin Großkreutz sehr wahrscheinlich dabei sein. Sein starker Abgang ermöglicht ihm den aufrechten Gang in der Zukunft. Das hat er diversen Managern, Politikern und Würdenträgern voraus. Deshalb ist er ein Vorbild in Sachen Krisen-PR.

Sehen Sie hier einen Ausschnitt aus der Pressekonferenz

 

+++ Bleiben Sie auf dem Laufenden +++

Unser Newsletter sprecherszene informiert Sie jeden Donnerstag kostenfrei über die neuesten Personalwechsel, Jobangebote und spannende Entwicklungen im PR-Bereich. Abonnieren Sie ihn hier https://www.pressesprecher.com/abo/newsletter 

 

 

 

 

 

 
 

ps/NEWS: Der Newsletter für PR-Profis

 

Ob wichtige Nachrichten, Hintergründe, Case Studies oder aktuelle Debatten: Mit den ps/NEWS erhalten Sie die wichtigsten Informationen der Kommunikationsbranche kostenlos in Ihre Mailbox.
 

Kommentare

Da ist in der Tat was dran. Wobei mir dazu einfällt, dass der Begriff "Krisenkommunikation" leicht in die Irre führt. Er suggeriert, dass ich mit Kommunikation die Krise ohne zu Handeln weg bekomme. Dabei ist es umgekehrt: die Krise erfordert zunächst richtiges Handeln und dann die Kommunikation darüber.

Es ist anerkennenswert, dass Kevin Großkreutz zu seinen Fehlern steht. Er ist mit 28 Jahren ein Fußballprofi, der abseits des Platzes noch nicht so ganz erwachsen ist. Schade, denn er spielt wirklich sehr gut Fußball. Aber ihn nun als großes Vorbild betr. Krisenkommunikation zu "verkaufen", das sehe ich als etwas schwierig an. Im Profifußball steht Disziplin mit im Tagesprogramm. Wer Millionenbeträge verdient, sollte sich darüber im Klaren sein. Leider drücken sich heute zunehmend Aufsichtsräte, Funktionäre und auch Sportler um ihre Fehler und daraus resultierende Konsequenzen und kassieren dann noch Abfindungen. Das ist heute (fast) normal. Das ist nicht zu akzeptieren! Warum geht DAS? Weil es keine Kontrollgremien gibt und Entscheidungsträgern das Rückrat fehlt in Politik und Industrie, diese Leute zur Rechenschaft zu ziehen. Mehr Anstand und moralische Verantwortung auf allen Ebenen...dann bräuchten wir weniger (professionelle) Krisenkommunikation! Dr. Gesine Selig

Wenn Sie hinter "Manager, Politiker oder Würdenträger" ein "m/w" gesetzt hätten, hätte ich gesagt "Margot Käßmann" ;-)


randbemerkung

Bitte achten Sie bei Ihren Beiträgen unsere Netiquette.

Das könnte Sie auch interessieren.

Rund um die Rolle von Kindern in der Pandemie ist eine hoch emotionalisierte und krisenanfällige Debatte entbrannt. (c) Getty Images/zsv3207
Foto: Getty Images/zsv3207
Lesezeit 6 Min.
Gastbeitrag

Komplexität im Krisenmodus

Kinderbetreuung in Corona-Zeiten – bei diesem sensiblen Thema wird aus Wissenschaftskommunikation schnell Krisenkommunikation. Was das für die kürzlich vorgestellte „Corona-Kita-Studie“ der Bundesregierung bedeutet, berichtet Katrin Münch-Nebel von der Agentur Ressourcenmangel. »weiterlesen
 
Wechselt sich im Corona-Podcast des NDR mit Christian Drosten ab: Prof. Sandra Ciesek. (c) Picture Alliance/dpa/Frank Rumpenhors
(c) Picture Alliance/dpa/Frank Rumpenhors
Lesezeit 5 Min.
Analyse

Beleidigende Fragen und gönnerhaftes Lob

Zwei Redakteurinnen des Nachrichtenmagazins versuchten, die renommierte Virologin Sandra Ciesek in einem Interview als „Quotenfrau“ und „die Neue an Drostens Seite“ abzuqualifizieren. Auf Kritik reagierte die „Spiegel“-Redaktion unsouverän und anbiedernd. »weiterlesen
 
Höttges bei der Bilanzpressekonferenz im Februar 2020. Links: Pressesprecher Philipp Schindera. (c) Picture Alliance/Sven Simon
Foto: picture alliance/Sven Simon | Malte Ossowski/SvenSimon
Lesezeit 4 Min.
Meldung

Timotheus Höttges verständlichster Redner

Die Universität Hohenheim analysierte die Reden der CEOs der DAX-30-Unternehmen. Sie enthalten weniger Bandwurmsätze und unverständliche Fachbegriffe. »weiterlesen
 
Bei Bundesligaspielen war das App-Logo auf den Eckfahnen zu sehen. Zuschauer im Stadion waren keine. (c) picture alliance/dpa/Swen Pförtner
Foto: picture alliance/dpa/Swen Pförtner
Lesezeit 4 Min.
Meldung

Kleine Erfolgsgeschichte

Die Bundesregierung gab bisher 7,8 Millionen Euro für Werbung und PR rund um die Corona-Warn-App aus. Trotz 18 Millionen Downloads ist von der Anfangseuphorie wenig geblieben. »weiterlesen
 
Um souverän vor der Kamera bestehen zu können, muss man kein Naturtalent sein. (c) Getty Images/batuhan toker
Foto: Getty Images/batuhan toker
Lesezeit 7 Min.
Ratgeber

Keine Angst vor der Kamera

Interview, Video-Statement oder TV-Auftritt – CEOs und Manager müssen mehr denn je souverän vor die Kamera oder das Mikrofon treten. Doch nicht jeder ist dafür gemacht. Manche verlieren den Faden oder bekommen Panik, sobald das Aufnahmelicht angeht. Wie eine gute Vorbereitung helfen kann. »weiterlesen
 
Einzelhändler wie Rewe stehen in der Coronakrise vor besonderen Kommunikationsherausforderungen. Foto: Rewe
Martin Brüning, Leiter Unternehmenskommunikation bei Rewe, zur Kommunikation in der Corona-Krise. (c) Rewe
Interview

Drei Fragen an ... Martin Brüning

Martin Brüning, Leiter Unternehmenskommunikation der Rewe Group, im Kurzinterview über verunsicherte Kund:innen, gestrandete Reisegäste und die nächsten sechs Monate. »weiterlesen