Investigativer Journalismus soll das Dunkelfeld der Gesellschaft erhellen./ Uwe Herzog: (c) Kirsten Herzog
Investigativer Journalismus soll das Dunkelfeld der Gesellschaft erhellen./ Uwe Herzog: (c) Kirsten Herzog
Falsch verstandener Investigativjournalismus

Warum der Pressekodex "Team Wallraff" verbietet

Journalist Uwe Herzog erklärt im Interview, warum es das vermeintlich investigative "Team Wallraff" überhaupt nicht geben dürfe.
Toni Spangenberg

China hält etwa eine Million Uiguren, Anhänger der muslimischen Minderheit des Landes, in Internierungslagern in Xinjiang gefangen. Medien sprechen vom kulturellen Genozid. Ohne den investigativen Journalismus würden uns solche Missstände verborgen bleiben. Doch einige Investigativjournalisten überschreiten ethische und gesetzliche Grenzen. Laut Uwe Herzog (60) zählt RTLs "Team Wallraff" zu den schwarzen Schafen der Branche. Warum, erklärt der Journalist, der früher selbst mit Günter Wallraff zusammengearbeitet hat, im Interview mit pressesprecher.

 

Wozu braucht es Ihrer Meinung nach investigativen Journalismus?

Uwe Herzog: Ohne investigativen Journalismus ist eine umfassende Information der Öffentlichkeit nicht möglich. Das war zu allen Zeiten so. Schon Egon Erwin Kisch hat wichtige Dinge ans Licht gebracht, die der Öffentlichkeit sonst verborgen geblieben wären. Ich selbst habe ebenfalls gelegentlich auf die Mittel des investigativen Journalismus zurückgegriffen. 

In welchen Fällen war das so?

Wenn Sie zum Beispiel von einer rechten Terrorgruppe wie der früheren „Wehrsportgruppe Hoffmann“ wissen wollen, wie sie personell ausgestattet ist, was das für Leute sind, über welche Waffen sie verfügen und was sie vorhaben, dann können Sie dem Anführer nicht einfach eine Presseanfrage schicken. Oder wenn Sie wissen wollen, wie es im Strahlenbereich eines maroden Atomkraftwerks aussieht, wie zum Beispiel im AKW Würgassen, wo früher Arbeiter verstrahlt wurden, dann müssen Sie sich etwas einfallen lassen. Das sind aber Ausnahmesituationen. In der Kriminalistik nennt man so etwas „Dunkelfeld“. Das sind Bereiche, die nur schwer zugänglich sind.

Welcher Methoden bedient sich der investigative Journalismus konkret?

Zunächst ist es so, dass man eigentlich nicht von der Methode ausgeht, was einige Kollegen ja heute machen, sondern man geht erst mal vom Thema aus. Je nachdem, welche Anforderungen das Thema hat, kann oder muss man dann gegebenenfalls verdeckte Methoden nutzen. Man wird sich verstellen, verdeckt filmen oder zur Not auch eine falsche Identität zulegen. Man macht das aber immer nur in Abwägung, ob man damit etwas aufdeckt, was die Sache wirklich wert ist, eben ob man das „Dunkelfeld“ der Gesellschaft erhellt. Das sind dann Themen wie zum Beispiel Korruption, Geldwäsche, Organhandel, Kinderpornographie und so weiter. Die Grundsätze für die Anwendung investigativer Methoden sind im Pressekodex des Deutschen Presserats festgelegt.

"Team Wallraff" arbeitet wie die Bild in den 70ern

Wie unterscheidet sich die Methode Wallraff von anderen Investigativformaten?

Es geht bei „Team Wallraff“ leider häufig um Dinge, die längst bekannt sind und sich im Alltag abspielen, also im „Hellfeld“. In diesem Bereich hat der investigative Journalismus nichts verloren. Das sagt der Deutsche Presserat auch ganz deutlich in seinen Richtlinien, die die Grundlagen der journalistischen Recherche festlegen: Verdeckte Recherchen sind demnach im Einzelfall nur dann gerechtfertigt, wenn damit Informationen von besonderem öffentlichen Interesse beschafft werden, die auf andere Weise nicht zugänglich sind. Die Informationen, die „Team Wallraff“ recherchiert, sind aber meist dem Grunde nach schon vorher bekannt oder mit herkömmlichen Recherchen in Erfahrung zu bringen. Sie haben aus meiner Sicht nicht die Qualität wirklich gravierender Missstände, die die Öffentlichkeit sonst nicht erfahren hätte.

Was kritisieren Sie darüber hinaus an den Methoden, die Wallraff anwendet?

Man muss zwischen dem frühen und dem späten Wallraff unterscheiden. Zu Zeiten seiner Recherchen in der Bild-Zeitung in den 70er Jahren galt das Dunkelfeldprinzip. Die Öffentlichkeit hatte ein Recht darauf, aus dieser sehr abgeschotteten Redaktion zu erfahren, wie dort Fälschungen begangen wurden. Heute würde ich das „Team Wallraff“ allerdings auf einer Ebene mit der Bild-Zeitung jener Jahre sehen. Was Bild damals gemacht hat, war ja nichts anderes, als Menschen für eine sensationslüsterne Berichterstattung zu benutzen, die unter dem Vorwand des Helfens und Daseins für die Interessen der kleinen Leute stand. „Team Wallraff“ inszeniert seine Sendungen heute auf ähnliche Weise. Man darf dabei aber nicht vergessen: Es geht immer um Menschen. Da werden Menschen einem Millionenpublikum in ihrem unmittelbaren Umfeld und oft in für sie gravierenden Konfliktsituationen gezeigt. Das hat fast immer Konsequenzen für die Betroffenen. 

Wozu kann das am Ende führen?

Solche Sendungen können verheerende Auswirkungen auf das Leben und die Existenz eines Menschen haben: Der gute Ruf ist in Gefahr, der Arbeitsplatz ist in Gefahr, Freunde oder Kollegen wenden sich nach angeblichen „Enthüllungen“ häufig von den Betroffenen ab. Gleiches gilt für ganze Unternehmen oder Institutionen. Es gab bereits Firmen, die aufgrund von Wallraff-Recherchen geschlossen werden mussten. Zum Beispiel eine Bäckerei in Rheinland-Pfalz, die zuvor Brötchen für Lidl hergestellt hatte. Dort hat sich erst sehr viel später herausgestellt, dass an den Vorwürfen wenig dran war. Mir ist darüber hinaus der Fall eines kleinen Privatzoos in Erinnerung, dessen Betreiber nach einer „Team-Wallraff“-Sendung dutzendweise Morddrohungen von radikalen Tierschützern erhalten hat, nachdem die Vorwürfe gegen ihn ebenfalls übertrieben dargestellt wurden. Das ist nicht hinnehmbar. 

Wie steht es mit dem Schutz von Informanten?

Auch das ist ein großes Fragezeichen. Jeder weiß, dass etwa das Verpixeln von Gesichtern in Fernsehbeiträgen die gezeigten Personen allenfalls vor einer Wiedererkennung durch Fremde auf der Straße schützt. Wer aber die Schauplätze kennt und mit den Personen vertraut ist, wird sie meist auch dann wiedererkennen, wenn sie verpixelt wurden. Arbeitgeber, Kollegen, Nachbarn … da bietet die digitale Verpixelung meist keinen ausreichenden Schutz. Besser wäre es, Symbolszenen zu zeigen, wie es andere Redaktionen ja auch machen. 

Wie Team Wallraff Inhalte fälscht

Inwieweit überschreitet „Team Wallraff“ mit solchen Methoden Grenzen?

Berufsethische und auch gesetzliche Grenzen werden durchaus häufig überschritten. Es gibt allerdings von den Gerichten widersprüchliche Urteile. Das OLG Dresden hat kürzlich einen Fall entschieden, bei dem eine Krankenschwester, die in einem Beitrag gezeigt wurde, in der dargestellten Szene gar nicht anwesend war. Da hatte sie einen freien Tag. Man hat also Bildmaterial genommen und es einfach in eine Szene hineingeschnitten, die an einem anderen Tag aufgenommen wurde. Trotz Verpixelung ist die Person erkannt worden und hat anschließend gegen die RTL-Produktionsgesellschaft auf Unterlassung geklagt. Dabei hat das OLG Dresden zweifelsfrei festgestellt, dass hier Material benutzt wurde, das nicht originär, sondern montiert war. Im Journalismus nennt man so etwas schlicht: Fälschung. 

Hat seit Wallraff die Zahl der Investigativ-Journalisten und investigativen Formate zugenommen?

Auf jeden Fall. Viele Jungjournalisten und Medienstudenten sehen in Wallraff trotz seiner fragwürdigen Methoden noch immer ein Vorbild. In Folge davon gibt es immer mehr Reporter, die gerne auch mal Wallraff spielen wollen. Hier in der Medienstadt Köln ist die Chance, auf der Straße in eine versteckte Kamera zu laufen, inzwischen größer als einen alten Freund wiederzutreffen.

Seit einiger Zeit gilt die DSGVO, die das Persönlichkeitsrecht der Menschen stärkt. Inwieweit erschwert das den Programmverantwortlichen, künftig solche Sendungen zu produzieren?

RTL nimmt nach meinem Eindruck bewusst Verstöße gegen Rechte der Betroffenen in Kauf, obwohl der Datenschutz dem entgegensteht. Im Zweifel wird hinterher versucht, sich vor Gericht aus der Affäre zu ziehen. Gerichtskosten werden dabei unter Spesen verbucht. Das ist schon deswegen so angelegt, weil die Sendung ja hauptsächlich von heimlichen Dreharbeiten lebt und nicht so sehr von den Inhalten, die gezeigt werden. Diese Herangehensweise, ausgehend von der Methode der Täuschung und des heimlichen Ausspähens, bestimmt das Profil der Sendung. Würden die unter Ziffer 4 im Pressekodex des Deutschen Presserats genannten Grenzen der Recherche eingehalten, dürfte es „Team Wallraff“ daher gar nicht geben. Gleiches gilt, wenn man die DSGVO ernst nimmt.

Wird die DSGVO von „Team Wallraff“ ignoriert?

Ganz klar: Seit Inkrafttreten der DSGVO ist im Journalismus deutlich mehr Sorgfalt angesagt als früher. RTL und „Team Wallraff“ interessiert das offenbar wenig. Das zeigt auch ein weiteres Gerichtsurteil: Ein Patient, der in einer psychiatrischen Klinik heimlich von „Team Wallraff“ gefilmt wurde, hatte gegen die Aufnahmen geklagt. Das OLG Köln vertrat in diesem Fall die Auffassung, dass die heimlichen Dreharbeiten teilweise strafrechtlich unzulässig waren. Solche Urteile sollte man sich mal ein bisschen näher ansehen, wenn man Programmdirektor, Chefredakteur oder auch Direktor der zuständigen Landesmedienanstalt ist. 

Gibt es die Möglichkeit, dass Unternehmen Mitarbeiter, die sich zur Klage entschließen, unterstützen? Viele Privatpersonen schreckt das Risiko einer Klage ab.

Das ist ein ganz großes Problem. RTL geht offenbar davon aus, dass die Betroffenen letztlich gar nicht in der Lage sein werden, sich gegenüber einem so großen Privatsender zur Wehr zu setzen. Das ist in der Praxis tatsächlich schwierig, aber dennoch nicht aussichtslos. Es gibt erfahrene Medienanwälte. Es gibt Verbände. Man kann sich zum Beispiel an den eigenen Berufsverband wenden. Auch die Gewerkschaften sollte man hier fordern, damit sie ihre Mitglieder vor journalistischen Übergriffen schützen. 

Unternehmen, deren Mitarbeiter von einer Verletzung ihrer Persönlichkeitsrechte am Arbeitsplatz betroffen sind, haben eine besondere Fürsorgepflicht. Vor allem sind aber auch die für den Privatfunk zuständigen Landesmedienanstalten in der Pflicht: Dort sollte man sich bei entsprechenden Programmbeschwerden die Richtlinien des Presserats zu eigen machen, die schon seit langem für alle Printmedien gelten. Die größte Verantwortung sehe ich aber bei den Medien selbst und bei den Journalistenverbänden. Hier herrscht vielfach noch immer ein falsch verstandener Korpsgeist, wenn es um fragwürdige Recherchemethoden und unzulässige Berichterstattung geht.  


Die Methoden Günter Wallraffs finden auch Befürworter. Unsere Autorin Heike Thienhaus betrachtet den streitbaren Reporter in diesem Porträt aus einem anderen Blickwinkel als Uwe Herzog.

 

 
 

Kommentare

Auch ich stehe den Methoden von Team Wallraff kritisch, ist allerdings unerheblich, denn entscheiden tun andere. Meine Gründe sind mich die des Autors, denn es gibt keine Missstände im Verborgenen. Erkannt ist alles, auf die Details und die Art und Weise der Widergabe des bekannten und weniger unbekannten Verborgenen kommt es an. Unterschiedlich ist der Aufwand, das Verborgene nachzuweisen, zu dokumentieren. Das Team Wallraff verliert inzwischen oft bei den Gerichten aus prozessualen, nur z.T. aus materiellen Gründen. Das Verbogene, das allgemein Bekannte, wird damit zementiert, Verlierer sind die Patienten und Arbeiter der genannten Unternehmen. Der frühere, inzwischen verstorbene Wallraff-Anwalt und der heutige RTL-Anwalt sind aus meiner Sicht der Problematik nicht gewachsen, können es auch nicht sein, weil die Gerichte andere Funktionen haben, als das weniger bekannte Verborgene öffentlich zu machen. Wallraff unterscheidet sich damit im Prinzip nicht von der Masse anderer Journalisten, die von der Aufmerksamkeit leben. Der Pressekodex ist nicht eindeutig.


randbemerkung

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