Kolumnist Claudius Kroker weiß, woran es dem Journalismus derzeit fehlt. (c) Getty Images/Filip_Krstic
Kolumnist Claudius Kroker weiß, woran es dem Journalismus derzeit fehlt. (c) Getty Images/Filip_Krstic
Kolumne

Wie machen wir den Journalismus besser?

Fehlende Sorgfalt, reißerische Berichterstattung und das Verschwimmen von Kommentar und Bericht – das Image des Journalismus ist momentan nicht das beste.  
Claudius Kroker

Der Fall des fantasievollen und erfindungsreichen Spiegel-Reporters Claas Relotius hat die Diskussion um das in Teilen schlechte Image der Medien und eine angebliche „Lügenpresse“ weiter angeheizt. „Wie machen wir den Journalismus besser?“, hat darum das Medienmagazin Journalist im Februar gefragt.

Mir fielen da ganz spontan drei Wege ein: Erstens sorgfältig recherchieren und objektiv berichten, zweitens den derzeitig gelegentlich hektischen und hysterischen Brüll-Journalismus durch eine nachrichtlich orientierte, ruhige und sachliche Berichterstattung ersetzen und drittens die Trennung von Bericht und Kommentar wieder einführen. Die ist nämlich definitiv in den vergangenen Jahren verloren gegangen.

Tägliches Ärgernis: Fehler in der Berichterstattung

Gleich beim ersten Punkt bieten uns Redaktionen und Moderatoren fast täglich Falschinformationen als Aufreger-Futter. Im Deutschlandfunk hieß es am 22. Februar, Bundeskanzlerin Angela Merkel habe „in der vergangenen Woche bei der Münchner Klimakonferenz eindringlich für so eine Teamfähigkeit geworben.“ Netter Gedanke, es handelte sich aber um die Münchner Sicherheitskonferenz.

Der WDR berichtete im Sommer 2018 vom Preis des Westfälischen Friedens, diesen habe „Außenminister Steinmeier“ in Münster verliehen. Da war Steinmeier aber schon lange Bundespräsident. Entweder hatte der Reporter nicht aufgepasst oder der eingespielte Beitrag stammte aus einem der Vorjahre.

Apropos falsch eingespielter Beitrag: „Sie haben es gemerkt, das war jetzt leider der falsche Beitrag“ – wie oft muss ich mir einen solchen Kommentar im Radio anhören? Ja, ich habe es bemerkt, und zwar direkt zu Beginn des Beitrags. Man hätte ihn also nicht bis zum Ende abspielen müssen. Und auch nicht gleich zweimal. Auch das ist schon vorgekommen. Da frage ich mich dann schon, ob da im Funkhaus nicht irgendjemand sitzt, dem das auffällt. Die Wirkung nach außen ist verheerend. Millionen Zuschauer merken in dem Moment, dass „mein Kollege XY vor Ort“ eben nicht live berichtet, sondern die „vorgespielte“ Echtzeit-Reportage aus der Konserve kommt. Doch auch Konserven sind irgendwann nicht mehr frisch.

Kritisch, gut recherchiert, vollständige Fakten

Der frühere WDR-Intendant Friedrich Nowottny schrieb 1988 in einem Beitrag: „Journalismus ist für mich vom Grundsatz her kritisch, sonst wäre er belanglos. Gut recherchiert, vollständig bekanntgemachte Fakten“.

Auf faz.net war im Februar zu lesen, dass Inhaber einer Bahncard 100 mit betrügerischen Methoden die Deutsche Bahn prellen. „So können Besitzer der Rabatt-Kundenkarte, welche für die zweite Klasse 4395 Euro und die erste Klasse 7439 Euro im Jahr kostet, sich mit falschen Angaben ein Viertel des Preises wieder erschleichen, obwohl sie vielleicht gar nicht in dem Maß von Verspätungen betroffen waren.“ – Auch das stimmt nur zum Teil. Inhaber einer Bahncard 100 bekommen nämlich pro Verspätung nur pauschal 10 Euro erstattet – ganz egal, ob der Zug eine Stunde oder zwei Stunden verspätet war oder überhaupt nicht gefahren ist. Wer damit in Summe „ein Viertel des Preises wieder erschleichen“ (warum überhaupt „wieder“?) will, muss rein rechnerisch über 100 verspätete Fahrten pro Jahr melden und für jede der Fahrten ein Fahrgastrechte-Formular ausfüllen. Viel Spaß.

Ich schließe nicht aus, dass es Betrüger gibt, die das so schon gemacht haben oder es versuchen. Aber jede Form von Pauschalierung, wie sie sich in der für die große alte FAZ ziemlich undifferenzierten Headline „So betrügen Kunden die Bahn“ ausdrückt, widerspricht jeder Form eines seriösen Journalismus.

Bericht und Kommentar verschwimmen

Das sind Erscheinungsformen, zu denen unter anderem der frühere Handelsblatt-Chef Gabor Steingart vor Kurzem in seinem Morning Briefing schrieb: „Nun kann man als Journalist berichten und kommentieren, aber genauso kann man übertreiben und verfremden, bis die Wirklichkeit märchenhafte Züge annimmt.“

Ein Beispiel dafür lieferte die Berichterstattung über eine Kindertagesstätte in Hamburg, die zu Fasching und Karneval Kinder und Eltern bat, auf Indianer- und Scheich-Kostüme zu verzichten. Hintergrund sei das Bemühen um „eine kultursensible, diskriminierungsfreie und vorurteilsbewusste Erziehung“, wie die Westdeutsche Allgemeine die Kita-Leitung zitiert. Bedenken wir: Eine (!) von knapp 60.000 (!) Kitas entscheidet sich für eine solche Kostümregel. Die mag man nicht gutheißen, aber berechtigt sie ein solches Medien-Geschrei? Fast jede Redaktion, jeder Moderator, jede Talkrunde ist auf diesen Themenzug aufgesprungen. Dabei gibt es wahrlich andere Dinge, über die es sich zu berichten und zu diskutieren lohnt.

Georg Mascolo, früherer Chefredakteur beim Spiegel, schrieb im Februar im Journalist: „Heute wird zu wenig getrennt und ständig zugespitzt. Dazu kommt die inzwischen ungeheure Beschleunigung: Es wird geurteilt, bewertet, ausgedeutet, bevor der Sachverhalt überhaupt verstanden werden kann.“ Journalismus müsse heute „langsamer und zurückhaltender“ werden.

Bei dem völlig überzogenen Kita-Medien-Hype kam zudem einmal mehr zum Ausdruck, dass die von Gabor Steingart oben formulierte Zweiteilung in „Berichten“ und „Kommentieren“ von vielen Medien kaum noch sauber vorgenommen wird. In mancher Regionalzeitung brauche ich den Kommentar zu einem Thema nicht mehr lesen, weil der Bericht für sich schon subjektiv und wertend geschrieben ist. Wenn  beide Beiträge dann auch noch vom selben Autor beziehungsweise derselben Autorin stammen, ist es mit der sauberen Trennung zwischen objektivem Bericht und subjektivem Kommentar ohnehin nicht weit her.

An solchen Stellen nehmen sich einige Journalisten zu wichtig, wenn sie für sich den Bericht und gleichermaßen das uneingeschränkte Recht auf Deuten der ultimativen Wahrheit in Anspruch nehmen. Das ist auch gar nicht ihre Aufgabe. Journalistische Arbeit ist zwar die „unverzichtbare Basis zur Bildung einer öffentlichen Meinung“, wie es bei Friedrich Nowottny heißt. Der schrieb aber auch, dass man die Rezipienten beachten solle, „die so meinungsfroh sind, dass sie sich ihre Meinung selbst bilden wollen.“

 

 

 

 

 

 
 

Kommentare

...und was ist das jetzt? Gut recherchierte Fakten und fein ausgewogene Darstellung, was den Journalismus besser macht? Lösungen finde ich hier nicht...Oder nur die Beschreibung der Laus, die bei der morgendlichen Lektüre gerade über die Leber gelaufen ist. Als jemand , der seit Jahren zwischen journalistischen Professionen, inkl. PR, hin und her mäandert und aktuell auch im Bildungsbereich für Journalisten und PR-Mitarbeiter engagiert ist, scheint mir das doch eine eher einseitige Sichtweise zu sein. Nichts darüber, wie sich die immer dünner werdende Personaldecke in den Redaktionen auswirkt. Nichts darüber, wie der Zeitdruck zunimmt, wenn nun jedermann/jedefrau (und jedes Unternehmen) meint, per online eine publizistische Einheit zu sein. (Wobei wir mal außen vor lassen, inwieweit Unternehmensnachrichten Fakten und Meinung trennen.) Und - nun ja - ich nehme ( als haptisch orientierter Vielleser, der auch mehr als nur die Lokalausgabe zur Hand nimmt) zumindest wahr, dass in vielen überregionalen wie regionalen Medien inzwischen häufig der Hinweis zu lesen ist, dass der jew. Autor in seinem Beitrag Fakten und Meinung vermische. Ja, es gibt einiges zu verbessern in der journalistischen Arbeit, aber kein Grund Rechenfehler oder technische Probleme in einem Selbstfahrerstudio zur Grundlage einer Abrechnung mit dem Journalismus bzw. der Journalist*innen zu machen.

Lieber Herr Kroker, ich denke nicht, dass bei den vielen fehlerhaften Radiobeiträgen, die Sie festgestellt haben, Millionen Zuschauer verunsichert sind - dann sie können ja prinzipiell nichts sehen. Aber Polemik beiseite. Sie stellen eine wichtige Frage - hier auf dem Pressesprecher-Portal. Und Sie sehen nur Unzulänglichkeiten auf seiten des Journalismus? Gerade hier muss doch die Frage lauten: Welchen Beitrag leistet die PR zu schlechtem Journalismus? Wenn sie den Redaktionen mehr Ruhe und Gelegenheit zur Recherche geben wollen, dann sollte vielleicht auch mal die eine oder andere zugespitzte Pressemeldung samt Hashtag in der Schublade bleiben. Aber wer will oder kann sich das leisten im Turbomedienkapitalismus? Und gestatten Sie mir noch die Anmerkung: Wenn ich an die Anfänge des (Massen-)Journalismus im vorigen Jahrhundert denke, bin ich nicht der Meinung, dass die oben beschriebenen hehren Ansprüche dort das Handeln bestimmt haben. Wann und wie sollen also diese Werte und Prinzipien entstanden sein, die sie jetzt einfordern? Meine Meinung: Am Ende ist es eine persönliche Entscheidung, welche Arbeit man macht und wie man sie macht. Ein Anfang wäre, wir würden es konsequent besser machen - also keine Lügen, weniger Hektik und bei Unsinn öfter mal Nein sagen.


randbemerkung

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