Das Open-Space-Konzept erobert die Pressestellen. Aber hält es, was es verspricht? (c) Getty Images/iwat1929
Das Open-Space-Konzept erobert die Pressestellen. Aber hält es, was es verspricht? (c) Getty Images/iwat1929
Kolumne

Pressestellen im Großraumwahn

Kurze Abstimmungswege, erleichterte Informationsflüsse – moderne Großraumbüros sollen Kommunikation effizienter machen. Doch in einer Callcenter-Atmosphäre zu arbeiten, heißt auch, Vertraulichkeit aufzugeben. Und am Ende, so meint unser Kolumnist, hält die offene Kommunikation nicht das, was sie verspricht.
Claudius Kroker

Der Baukonzern Bilfinger gab zum Umzug seiner Zentrale in einen Neubau eine Pressemitteilung heraus. Man wolle „die Mitarbeiter näher zusammenbringen“, schrieb das Unternehmen, und zwar in „Räumlichkeiten, die den Anforderungen an die modernere Arbeitswelt entsprechen.“

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Moderne Arbeitswelten – bei Bilfinger (und nicht nur da) versteht man darunter „Open Space“ oder auch „Open Workspace“: Die Beschäftigten arbeiten „zukünftig in Flächenbüros“. Dies fördere „eine kommunikativere Arbeitskultur mit besseren Abstimmungsmöglichkeiten“.

Wenn das stimmt, wären Open-Space-Architekturen für Pressestellen das reinste Paradies: kurze Abstimmungswege, jederzeit Kommunikation, schnelle Reaktion auf Presseanfragen, keine Information geht verloren und und und … Funktioniert nur leider nicht.

Das haben Forscher der Harvard University und der Harvard Business School herausgefunden, die das Kommunikationsverhalten von Mitarbeitern vor und nach dem Umzug von Einzel- und Zweierbüros in sogenannte Open-Space-Flächen untersucht haben. Ergebnis: Die direkte und schnelle Kommunikation nimmt nicht zu, sondern ab. In den untersuchten Fällen um sage und schreibe 70 Prozent.

Beides ist wichtig: Kommunikation und Konzentration

Ganz konkret wurde die direkte zwischenmenschliche Kommunikation – etwas unwissenschaftlich ausgedrückt: der Small-Talk mit Kaffeetasse im Türrahmen stehend – zugunsten von E-Mails und Messenger-Diensten aufgegeben.

Das ist alles andere als verwunderlich. Wie soll die schnelle, direkte Kommunikation zwischen zwei, drei Pressestellen-Mitarbeitern in einer Schreibtisch-Kathedrale mit Dutzenden – in schlimmsten Fällen auch mal Hunderten – von Arbeitsplätzen funktionieren? Da fühlt sich doch ständig jemand gestört.

Auch wenn Kommunikationsarbeit das Wörtchen „Kommunikation“ in sich trägt, so braucht es doch auch Raum für Konzentration. Gute Pressearbeit ist immer ein Wechsel aus individuellem Arbeiten (Ruhe am eigenen Arbeitsplatz) und gemeinsamem Austausch: Gespräche, Abstimmungen und, wenn nötig, auch mal inhaltliche, redaktionelle – auch rege und laute – Diskussionen.

Um die anderen Open-Space-Betroffenen nicht zu stören, gibt es natürlich Lösungsvorschläge, die die Sache aber eher noch schlimmer macht. Dann müssen sich nämlich diejenigen, die miteinander kommunizieren wollen, zurückziehen von denen, die sich konzentrieren wollen. Am besten in einen neu geschaffenen Meetingroom oder in eine „Meeting Zone“ – womit die eben noch propagierte offene, kommunikative und transparente Atmosphäre im Open Space zugunsten einer geschlossenen Gesellschaft schon wieder aufgegeben wird.

Callcenter-Atmosphäre killt Vertraulichkeit 

Und da in Büros im Allgemeinen und in Pressestellen im Besonderen noch immer Menschen miteinander zu tun haben, dauert es nicht lange, bis sich eine zutiefst menschliche Eigenschaft an solcherlei Separee-Rückzugsplänen stört – Misstrauen, Neid und Eifersucht: „Was die wohl wieder zu bereden haben?“ – „Ich bekomme hier gar nichts mehr mit.“ – „Ich fühle mich ausgegrenzt“…

Kurzum: Die Open-Space-Lösungen mögen eine nette Idee gewesen sein, manche halten sie vielleicht für hip, andere erhoffen sich eine Reduzierung der Personalkosten oder ein besseres Image als nunmehr transparenter Konzern – im Großen und Ganzen taugen sie aber nicht. Wer zwischenmenschliche Kommunikation ausweiten und Informationsflüsse erleichtern will, kommt zumindest mit dieser Form zwischenmenschlicher Käfighaltung nicht weiter.

Für Pressestellen im Besonderen gilt dabei eben auch, dass viel Kommunikation auf Vertrauensebene stattfindet oder noch im Abstimmungsprozess ist. Sprich: noch nicht für die Öffentlichkeit oder die Allgemeinheit bestimmt. Vertraulich sprechen kann man aber nicht in Räumen, die einer Mischung aus Bahnhofshalle und Callcenter gleichen.

Oder man flüstert dauerhaft. Das ist aber anstrengend, gar nicht gut für die Stimme (und die Stimmung) und erweckt einmal mehr den Verdacht bei den übrigen Kolleginnen und Kollegen, hier werde gemauschelt und gemunkelt.

Auch der kreative Aspekt der Pressestellen-Arbeit – Entwickeln von Konzepten und Strategien, Formulieren von Texten und Botschaften, Diskutieren von Präsentationen und Zitaten – kommt in der Großraum-Lösung zu kurz. Selbst dann, wenn einzelne kreative Spielzimmer eingerichtet werden.

 

 
 

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Lieber Herr Kroker, D A N K E für diesen Beitrag! MK


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