Milliarden Euro betrug der Gesamtwert der Transaktionen der vier Fusionen und Übernahmen mit Beteiligung deutscher Unternehmen, bei denen die Agentur Hering Schuppener beratend tätig war. Die Zahl bezieht sich auf die ersten drei Monate des laufenden Jahres. Damit liegt Hering Schuppener laut mergermarket M&A-Ranking erneut auf Platz eins im deutschen Markt.
Wahlverwandtschaften
Ausgabe: 8 / 2011 - Beziehungen
Die Märkte monieren, die Medien motzen, die Menschen meutern: Es gibt Zeiten, da müssen Unternehmenslenker wirklich ackern. Ihr Erfolg aber misst sich genau an diesen Unwägbarkeiten. Steuern sie gut durch die Krise? Beruhigen sich die Märkte? Steigt der Absatz? Ist die Presse wohlmeinend? Im Fokus steht dabei nicht mehr allein die Managementleistung. Mit zunehmender Personalisierung der Berichterstattung gerade auch der Wirtschaftspresse steigt das Gewicht der Kommunikationsarbeit der Vorstände, Inhaber und Geschäftsführer. Eloquent, weltmännisch, empathisch: Der CEO muss ein Mediendarling sein. Immer an seiner Seite: der Kommunikationschef, sein Außenminister. Er präpariert die Fahrrinne, in der der CEO mit seinen Botschaften entlangschippern kann. Der PR-Chef ist schon längst nicht mehr nur Trompete. Die Zeiten, wo er einmal pro Monat eine Pressemitteilung absetzte, sind passé. Heute dirigiert er rund um die Uhr Hintergrundgespräche, Interviews, Fact Sheets, Mitarbeitermagazine, Broschüren, White Papers, das Unternehmens-Fernsehen, den CSR-Bericht, die Webseite, die Social- Media-Kanäle bei Facebook, Twitter, Youtube, und, und, und. Auch der Unternehmenssprecher wird zunehmend in der sich professionalisierenden Branche seziert. Jeder, der Standardwerke wie Günter Benteles „Profession Pressesprecher“ oder „CEO-Kommunikation“ von Egbert Deekeling und Olaf Arndt gelesen hat, wüsste also theoretisch, wie man sich den Kommunikationserfolg zimmert. Und doch holpert es immer wieder. Nicht nur weil jeder mal Fehler macht. Das wird immer passieren. Sondern weil das grundlegende Bindemittel, das das feinteilige Mosaik der Außendarstellung zusammenhält, bisher wenig berücksichtigt wird: das besondere Verhältnis zwischen CEO und seinem Sprecher. Was das genau ist, versteckt sich in der wabernden Unschärfe von Begriffen wie ‚persönliche Chemie’ und ‚gut miteinander können’. Wie so viele Faktoren im Kommunikationsgeschäft sind es die weichen, die nicht messbaren Fähigkeiten, die über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Die persönliche Beziehung der beiden Top-Manager ist die Komponente im Kommunikationsmix, die am wenigsten planbar ist, aber den höchsten Wirkungsgrad besitzt. Es kann der CEO noch so medienaffin sein und der Sprecher noch so ausgebufft, erst die Harmonie der beiden definiert die Botschaft nach außen. Kernzelle des Kommunikationserfolgs ist das dynamische Duo: Nicht nur Batman und Robin wussten um die Wirkung geräuschloser Rollenverteilung. Ein Macher, der die Aufmerksamkeit bindet, und ein Sidekick, der den Rücken frei hält. Die Psychologie spricht dabei vom Spiegelphänomen: Zweierbeziehungen scheinen immer dann am besten zu funktionieren, wenn sich die Persönlichkeitsdimensionen gegenseitig ergänzen. Die Welt der Unternehmenskommunikation ist nicht arm an solch legendären Paarungen. Fragt man Journalisten wie Sprecher, kommen sie schnell auf die Porsche-Kombination Wendelin Wiedeking und Anton Hunger zu sprechen. 17 Jahre hielten sie zusammen aus. Hunger, noch vom Vorgänger Wiedekings bestellt, trat just an dem Tag seine Arbeit an, als jener gefeuert wurde. Nachfolger Wiedeking ließ sich auf den ehemaligen Journalisten ein – und zwei verwandte Seelen hatten sich gefunden. Wiedeking ist sicherlich ein Naturtalent, was den Umgang mit der Presse angeht. Doch erst Hunger inszenierte seinen Chef mustergültig als Macher. Und zusammen erklommen sie PR-Höhen, die sie nur Millimeter bis vor die Übernahme von Volkswagen brachten. Überhaupt sind es auffallend oft die Automobilbauer, deren Kommunikationsgespanne im Gedächtnis bleiben: Martin Winterkorn und Stephan Grühsem von VW, Eberhard von Kuenheim und Richard Gaul bei BMW, Jürgen Schrempp und Hartmut Schick bei Mercedes. Es liegt wohl in der Natur der Branche, dass man ordentlich PS auf die Straße bringt – auch kommunikativ. Wenn also starke Persönlichkeiten aufeinandertreffen, sollte sich ein harmonisches Arrangement ergeben, damit die Zusammenarbeit fruchtbar ist. Diese Harmonie macht sich an fünf neuralgischen Punkten fest: Vertrauen, Glaubwürdigkeit, Information, Vision und Teamgeist.
Auf Zwischentöne achten
Vertrauen ist der Kitt, der den Rahmen zusammenhält, innerhalb dessen der Unternehmenssprecher die Freiheit bekommt, eigenständig zu arbeiten. Gerade in Krisenzeiten, wo eine Meldung die andere jagt, wo man spontan reagieren muss, müssen sich Vorstand und Sprecher blind vertrauen. Wie kommt man dahin? Einmal durch Zeit. „Vertrauen baut sich wie in jeder guten Beziehung auf “, sagt Michael Inacker. „Dadurch, dass man lange zusammenarbeitet und auch gemeinsame Schlachten geschlagen hat“. Der Unternehmenssprecher des Metro-Konzerns kennt seinen jetzigen Vorstandschef Eckhard Cordes schon lange. 1998 und dann wieder 2003 trafen die beiden beim Autobauer Daimler aufeinander. Auch als Inacker im Journalismus gearbeitet hat – „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ und „Wirtschaftswoche“ –, ist der Kontakt nicht abgerissen. Über die Jahre bekäme man so ein Gefühl dafür, wie der andere tickt. Zum anderen ist es auch wichtig, dass man außerhalb der Arbeitswelt miteinander redet. „Nur so bekommt man die Fähigkeit, auch die Zwischentöne des Chefs richtig lesen zu können“, sagt Inacker. Heißt das auch Freundschaft? Nein, sagt sein Kollege Jörg Howe: „Das Verhältnis zwischen Vorstand und seinem Sprecher ist eine feste und tiefe Arbeitsbeziehung. Nicht mehr und nicht weniger.“ Der Leiter der Daimler-Konzernkommunikation steht Freundschaften im Arbeitsleben skeptisch gegenüber: Die Beziehung zum Vorstandschef müsse auch viel Kritik aushalten – in beide Richtungen. In Freundschaften sei man erfahrungsgemäß gehemmter. Ein Befund, den die Wissenschaft teilt. Menschen könnten private und berufliche Beziehungen oft schlecht trennen, sagt Carsten Schermuly, Wirtschaftspsychologe an der SRH Hochschule in Berlin. „Entsteht ein Konflikt, können sie den nicht so leicht übers Wochenende ein- und ausschalten. Man darf einfach netter Kollege und Freund nicht verwechseln.“ Vertrauen ist aber auch eine erlernte Fähigkeit. Menschen haben sehr individuelle Erlebnishorizonte, betont Schermuly. Hat der Vorstand beispielsweise schlechte Erfahrungen mit Pressesprechern gemacht, wird er nur zögerlich einem anderen Vertreter der Zunft Vertrauen schenken. Die einzige Chance ist hier die Methode steter Tropfen. „Vertrauen entsteht durch Kontakt – und durch Kommunikation. Nur wer permanent im Austausch steht, kann Distanz abbauen“, sagt Schermuly. Distanz zum Vorstandschef ist denn auch eine der vernichtendsten Breitseiten, die einen Sprecher treffen kann. Das ist genauso tödlich, wie der Lüge bezichtigt zu werden. Wer nicht dicht am Chef ist, wird uninteressant für die Presse. „Wenn Journalisten spüren, dass sich hier ein Sprecher wegen jeder Frage erstmal rückversichern muss, zehrt das an der Autorität des Sprechers“, sagt Inacker. Engagiert der Vorstandschef gar noch einen eigenen PR-Berater, der ohne Absprache mit dem Kommunikationschef an die Journalisten herantritt, was gelegentlich in Krisenzeiten vorkommt, ist das in der Außenwahrnehmung ein klares Symptom für mangelndes Vertrauen. „Für mich wäre das nicht akzeptabel“, sagt Inacker.
Gemeinsame Strategie entwickeln
Es liegt also im eigenen Interesse des Vorstandschefs, seinen Sprecher als Berater auf Augenhöhe in alle Entscheidungen einzubinden. „Ein Sprecher lebt davon, dass er seriös und glaubwürdig informiert ist und diese Informationen seriös und glaubwürdig weiterleitet. In dem Moment, wo sich das als falsch herausstellt, hat der Sprecher ein Problem“, sagt Jörg Howe. Und nicht nur dieser. „Das beschädigt auch das Unternehmen und die Führungskräfte.“ Eine bittere Erfahrung, die er selbst machen musste. Als 2008 sein früherer Arbeitgeber, die Karstadt-Mutter Arcandor, ins Schlingern geriet, spekulierte die Presse auch über den Verkauf der Unternehmensanteile am Reiseveranstalter Thomas Cook. Ein Gerücht, das Unternehmenssprecher Howe, wie mit dem Vorstand abgesprochen, stets dementierte. Sogar noch am Tag, als Arcandor plötzlich doch eine Prüfung solch eines Verkaufs von Anteilen bekannt gab. Sein Vorstandsvorsitzender hatte ihn bewusst nicht in die geheime Planung eingeweiht. Eine Entscheidung, für die sich der Manager später vor Gericht verantworten musste. Ein Kleinaktionär verklagte ihn erfolgreich auf Schadenersatz. Vertrauen schafft also Glaubwürdigkeit. Und Glaubwürdigkeit hängt entscheidend vom Informationsfluss ab. Bekanntlich ist Information Macht. In Unternehmen herrscht um diese Ware ständig Konkurrenz. Mikropolitik nennen das die Wirtschaftspsychologen – der Kampf um Ressourcen, Macht und Anerkennung. Wenn der Vorstand und der Pressesprecher zusammensitzen und ihr Wissen kombinieren, können sie nicht nur mächtig sein, sondern auch neues Wissen schaffen, neue Impulse geben. Das hilft beiden, sich wechselseitig zu stimulieren. „Wenn eine Seite der anderen Informationen vorenthält, geht dieses Potenzial verloren“, sagt Schermuly. Das Umdenken in den Vorstandsetagen hat bereits eingesetzt. Kommunikationschefs nehmen ganz selbstverständlich an den Vorstandssitzungen teil, statt wie früher nur Memos zu lesen. Und der enge Kontakt zu den Vorständen hilft, auch die Agenda hinter den Tagesordnungspunkten richtig einzuordnen. Diese Agenda ist denn auch der Treibstoff des Kommunikationstandems, eine gemeinsame Strategie, gar eine Kommunikationsvision. Der Kommunikationsauftrag des CEO ist zwar nicht delegierbar, aber doch teilbar, wie es Deekeling/Arndt postulieren. Hier liegt die Besonderheit der Beziehung zwischen CEO und Sprecher. Der Sprecher wird zum Alter Ego des Unternehmenslenkers. Eine kürzlich erschienene Studie der Unternehmensberatung Egon Zehnder International unterstützt diese Beobachtung. Elf Top-Manager erklärten in Tiefeninterviews ihr Kommunikationsverständnis. Sie alle betonen das besondere Verhältnis zu ihrem Kommunikationschef und die Notwendigkeit, selbst in die Öffentlichkeit zu gehen, dabei aber als Team zu planen und zu handeln. Ein Manager bringt es auf den Punkt: „Der Kommunikationschef sollte im Prinzip alles wissen, was in meinem Kopf steckt; denn er kommuniziert ja auch ohne mich, während ich eigentlich nie ohne ihn kommuniziere.“
Vor versammelter Mannschaft gedemütigt
Aber auch hier greift wieder die Mikropolitik. Selbst die Vorstandsvorsitzenden drängen den Kommunikationschef, sein eigenes Netzwerk aufzubauen. Ansonsten laufe er Gefahr, als nur für den CEO – und weniger für das Gesamtunternehmen – arbeitend wahrgenommen zu werden, heißt es in der Zehnder-Studie. So müsse eine große persönliche Nähe zum Vorstandsvorsitzenden aufgebaut werden, die aber gleichzeitig durch eine unternehmensweite Vernetzung zu flankieren sei. Was also jedes Führungskräfte- Seminar permanent predigt, gilt in besonderem Maße für das Kommunikationstandem an der Spitze: Teamgeist. Das Sich-Finden ist der knifflige Part. Hier wird es nie ein Patentrezept geben. Die persönliche Chemie bleibt die Black Box der Unternehmenskommunikation. Menschen tendieren dazu, diejenigen sympathisch zu finden, die sie attraktiv finden oder die ihnen ähnlich sind. Wie das genau funktioniert, weiß keiner. Treffen dazu noch kommunikativ sehr konträre Persönlichkeiten aufeinander, fährt man schnell gegen die Wand, und der Kommunikationschef muss gehen. „Man muss das realistisch sehen“, sagt Inacker. „Wenn es gut läuft, ist der Chef verantwortlich, wenn es schlecht läuft, meist der Kommunikationschef.“ Diese Spielregeln seien nun mal „Teil des Berufsbilds – dafür wird es in dieser Aufgabe aber nie langweilig“. Die Causa Schäuble/Offer zeigt, wo das enden kann: Finanzminister Wolfgang Schäuble putzte vor laufenden Kameras seinen Sprecher Michael Offer herunter. Er hatte Unterlagen nicht rechtzeitig an die wartenden Journalisten verteilen können. Der öffentliche Rüffel „Reden Sie nicht, sondern sorgen Sie dafür, dass die Zahlen verteilt werden“, brachte es sogar bis in die Nachrichten der Hauptsendezeit. Wutentbrannt verließ Schäuble den Raum, sein Sprecher kündigte wenige Tage später. Das Ende einer zerrütteten Beziehung. Was blieb, war ein Bild Schäubles als cholerischer Dienstherr. Einem Medienprofi wie ihm dürfte so ein Eigentor eigentlich nicht passieren. Allem Beziehungsstress zum Trotz.


















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