Milliarden Euro betrug der Gesamtwert der Transaktionen der vier Fusionen und Übernahmen mit Beteiligung deutscher Unternehmen, bei denen die Agentur Hering Schuppener beratend tätig war. Die Zahl bezieht sich auf die ersten drei Monate des laufenden Jahres. Damit liegt Hering Schuppener laut mergermarket M&A-Ranking erneut auf Platz eins im deutschen Markt.
Lohnt sich das Nachschlagen im Duden?
pressesprecher: Herr Schneider, welche gravierenden Veränderungen erwarten Sie für die deutsche Sprache in 2012?
Wolf Schneider: Ich erwarte, dass es weiter bergab geht. Mit Blogs ist ein Grad an Geschwätzigkeit in die Sprache getreten, wie er vor hundert Jahren nicht vorstellbar war. Es sind Blogs der Art ‚Eigentlich weiß ich gar nicht, was ich schreiben sollte, aber ich lege einfach mal los.‘ Ein anständiger Mensch würde aufhören, wenn er nicht mehr weiß, was er schreiben soll. Die Unterlassung jeglicher Korrektur am Geschriebenen, die Selbstverständlichkeit mit der das einmal Geschriebene auch in die Welt hinaus muss, sind ebenfalls Umstände, die früher undenkbar waren. Wer eine Briefmarke kaufen und den Brief zukleben musste, hat vorher ein bisschen überlegt, was er schreibt. Er hat noch einmal gelesen. Das entfällt. Die Kommunikation wird vervielfältigt und damit auch angenehmer. Die Folge ist aber eine Inflation an Wörtern. Es wird nicht mehr nachgedacht. Es wird nicht mehr korrigiert. Es wird nicht mehr verfeinert. Das ist die Rückkehr zum Geplapper am Lagerfeuer. Die Sprache begann einmal mündlich. Abends wurde in der Horde ein unendlicher Wortschwall verbreitet. Erst die Schrift brachte eine gewisse Disziplinierung, da es mühsam wurde, das Ganze in Stein zu meißeln oder in Holz zu ritzen. Die Mühsal ist komplett entfallen. Die Menschen schreiben, wie sie reden. Infolgedessen nimmt die Zahl derer, die nach treffenden Wörtern suchen, die es für wertvoll halten, sich mit einem Sprachprodukt ein wenig Mühe zu geben, weiter ab.
Was bedeutet das für den Adressaten dieses Wortschwalls?
Die statistische Wahrscheinlichkeit, gelesen zu werden, war schon immer gering. Eine Zeitung wird zu zehn bis 20 Prozent gelesen. Das Aufhören mittendrin beziehungsweise das gar nicht mehr Anfangen sind der Normalfall. Es wird immer unwahrscheinlicher, überhaupt noch gelesen zu werden. Blogs werden größtenteils nicht gelesen. Sie werden ja auch überwiegend nicht in der Absicht geschrieben, gelesen zu werden. Häufig will der Schreiber einfach nur etwas loswerden und ist zufrieden, dass er sich auf dem elektronischen Weltmarkt tummeln kann. ‚Ich bin auch da‘, mehr sagt er im Grunde nicht. Wer allerdings zu lesen anfängt, ist hochgradig enttäuscht. So viel Unsinn ist noch nie geschrieben worden.
In meiner Eingangsfrage haben Sie meinen Fehler ‚in 2012‘ nicht korrigiert. Ist diese Floskel schon Gemeingut oder haben Sie sie schlicht ignoriert?
Das ist Kaufmannsjargon und insofern verzeihlich, als das ‚in‘ leicht gestrichen oder überlesen werden kann.
Selbst in der Tagesschau fällt diese Wendung inzwischen.
Die Tagesschau ist manchmal etwas langweilig, aber sprachlich alles in allem manierlich.
Dennoch sagen Sie, dass wir inzwischen seltener auf korrekte Grammatik achten. Warum wird für uns ein vernünftiger Satzbau immer weniger wichtig?
Das hängt ebenfalls mit der elektronischen Kommunikation zusammen. Auch Mails enthalten starke Elemente der Geschwätzigkeit und werden selten gegengelesen. Die Summe der Texte, die heute per Mail verbreitet werden, ist bis zu fünfmal höher als die Summe der Texte, die früher per Brief und Hausmitteilung verbreitet wurden. Wie gesagt, zum Brief gehört, dass ich mir ein wenig Mühe gebe. Bei einer Mail gebe ich mir keine. Ich stelle mir vielleicht noch einen Adressaten vor – das ist eine gewisse Disziplinierung gegenüber einem Blog. Aber dass dort dennoch viel weniger Wert auf Grammatik gelegt wird, ist unbestritten.
Gilt denn dieser Verfall auch für die Rechtschreibung?
Blogger kümmern sich nicht um korrekte Rechtschreibung. Was ich dort teilweise lese, lässt mir die Haare zu Berge stehen. Auch dass eine Mail in korrekter Rechtschreibung herausgeht, ist unwahrscheinlicher als bei einem getippten oder handgeschriebenen Brief. Es muss alles sehr schnell gehen. Aus diesem Grund unterlässt man ja bereits häufig die Großschreibung von Satzanfängen und Substantiven. Hinzu kommt, dass die ‚Spaßpädagogik an deutschen Schulen‘, wie der Präsident des deutschen Lehrerverbands sie genannt hat, das Einpauken einer richtigen Grammatik zur Seltenheit gemacht hat. Pauken ist nicht mehr modern.
Sprache ist doch aber grundsätzlich dynamisch und unterliegt einem steten Wandel. ‚Uns ist in alten mæren wunders vil geseit.‘ Würden wir nicht heute noch so sprechen, wenn es keinen Wandel gäbe.
Es gibt einen steten Wandel, keine Frage. Nur kann dieser Wandel ein Wandel zum Guten oder Schlechten sein. Die Tatsache, dass Milliarden Menschen, die früher nichts voneinander gehört haben, miteinander kommunizieren können, mag man begrüßenswert finden. Wenn Sie allerdings nach der Qualität der Produkte oder ihrer Wertigkeit fragen, graust es einer Sau.
Lohnt es sich denn noch im Duden nachzuschlagen, wenn man um korrektes Deutsch bemüht ist?
Wer nachschlägt, bemüht sich immerhin ein bisschen. Das ist ja mehr, als ein Blogger oder Mailer üblicherweise tut. Das Nachschlagen hat allerdings aus einem ganz anderen Grund einen zweifelhaften Charakter bekommen. Der Duden hat im Sog von 1968 aufgehört, Korrektheit einzufordern. Wenn etwas oft genug in der Zeitung steht und wenn es falsch in der Zeitung steht, dann übernimmt es der Duden, der Häufigkeit wegen. Wer dann zehn Jahre später nachschlägt, hält das nicht für das Häufige, sondern das Richtige. Aus dem Grund hat der ehemalige Chefredakteur der dpa, Hans Benirschke, schon in den 1980er Jahren davor gewarnt, den Duden ernst zu nehmen. Wenn die dpa nämlich einen Fehler oft genug mache, stehe er bald im Duden. Also: Es ist begrüßenswert, dass man sich um Rechtschreibung bemüht und im Duden nachschlägt. Wenn es aber darum geht, ein gewisses Sprachniveau zu halten, ist der Nutzen des Dudens geringer geworden.
An welche Instanz kann man sich denn aber sonst wenden?
Zugegeben, es wird tatsächlich schwer. Wenn man misstrauisch ist – das setze ich bei vielen Nutzern des Dudens einfach mal voraus – kann man Unstimmigkeiten erkennen. Steht beispielsweise bei einem Begriff ein ‚häufig auch‘ kann das bereits ein Hinweis darauf sein, dass das Wort oder die Wendung falsch gebraucht wurde. Oft geht das aber nicht.
Viele Begriffe haben wir aus dem Englischen übernommen. Das verändert nicht nur unsere Wortwahl, sondern auch unsere Syntax. Für uns ‚macht‘ etwas Sinn, wir erinnern etwas. Wie stark ändert sich dadurch die deutsche Grammatik?
Zunächst einmal, ‚etwas erinnern‘ stammt aus dem Hanseatischen. Vor allem Hamburger und Bremer ‚erinnern etwas‘. Das hat also nichts mit einem Anglizismus zu tun. Ansonsten verändert sich unsere Ausdrucksweise dramatisch. Ihr erstes Beispiel ist weniger tragisch. Man sagt zwar etwas ‚hat Sinn‘, allerdings ist das ein statischer Begriff. ‚Sinn machen‘ dagegen ist dynamisch. Insofern ist es fast die bessere Ausdrucksweise. Als Kompromiss würde ich sagen, etwas ‚ergibt Sinn‘. So habe ich den dynamischen Aspekt, ohne mich eines Anglizismus schuldig zu machen. Eines muss man aber klarstellen: Es sollte um Gottes Willen keine Hexenjagd auf Importe aus der englischen Sprache geben. Dazu zählen schließlich nützliche und populäre Wörter, wie Sport, Sex, Stop, Bar und Grill. Es wäre unsinnig, sie zu verdammen.
In anderen Ländern wie Frankreich sträubt man sich aber recht stark.
In Spanien ebenfalls. Die Spanier verfolgen eine strikte Regel. Sie hispanisieren englische Wörter vollkommen. Was im spanischen Alphabet oder der spanischen Aussprache nicht vorkommt, wird getilgt. Einen Laut wie beispielsweise ‚Job‘, den wir in der deutschen Sprache nicht vorgesehen haben, dulden die Spanier in ihrer Sprache nicht. Jeans heißen bei ihnen Tejanos. Das ist eine sehr strenge Richtung. Die imponiert mir, weil dort, anders als in Frankreich, keine Regierung dahinter steht. Sie haben einfach ein gesundes Verhältnis zu ihrer Sprache. Das fehlt den Deutschen. Aber auch wenn Job und Training nicht ganz zur deutschen Aussprache passen, füllen sie eine Wortlücke. Alle verstehen das. Da sehe ich also kein Problem. Der Unfug beginnt vielmehr bei der Zwangsvorstellung, die Wirtschaft müsse sich unbedingt der englischen Sprache bedienen. Man hat eben keine Personalabteilung, sondern ein Human Resources Department. Denken Sie nur an die vielen ‚Corporate‘-Begriffe. Corporate Information Solutions, Corporate Social Responsibility, einfach nur die soziale Verantwortung. Corporate Statement, Corporate Wear, es ist eine absolute Besessenheit von deutschen Firmen, ihre Abteilungen englisch zu benennen. Die Deutsche Post in Bonn hat sich einen ‚Post Tower‘ gebaut und ihre Abteilungen englisch benannt. Ihre deutsche Pressestelle heißt Central Editorial Team. Ein Mitarbeiter heißt Content Management Code System Administrator. Die totale Anglisierung der deutschen Sprache für deutsche Bürger ist ein Grad an Hirnrissigkeit, wie ich ihn vor 20 Jahren nicht gekannt habe.
Wie sieht denn die deutsche Bevölkerung diese Entwicklung?
Die Deutschen sind in dieser Hinsicht sehr lässig. Sie könnten ja gegen unsinnige Begriffe wie ‚Coffee to go‘ oder ‚Event‘ opponieren, wie die Spanier oder Franzosen. Wir haben aber ein weniger herzliches Verhältnis zu Sprache. Ich werde häufig gefragt: ‚Wie kommt es, dass Sie die Sprache so lieben?‘ Das ist eine deutsche Frage. Einem Franzosen würden Sie eine solche Frage nicht stellen. Es ist die größte Selbstverständlichkeit auf Erden, die eigene Sprache zu lieben. Obwohl sie eine der größten Kultursprachen zur Verfügung haben, sind die Deutschen Schlusslicht.
Im vergangenen Jahr hat aber Schlecker für seinen Werbespruch ‚For you, vor Ort‘ Prügel bezogen. Und das nicht nur von bekannten Sprachverfechtern.
Es gibt ja zahlreiche andere merkwürdige Werbesprüche. Denken Sie nur an das bekannte Beispiel Douglas mit ‚Come in and find out‘. Loewes Spruch ‚Stimulate your senses‘ übersetzten viele mit ‚stimuliere deine Sense‘ oder ‚befriedige dich selbst‘. Ein Großteil hat es überhaupt nicht verstanden, denn 60 Prozent der Deutschen können nach wie vor kein Englisch. Diese Faustzahl sollte man ohnehin im Hinterkopf behalten.
Viele Deutsche, unter ihnen auch Unternehmensvertreter oder Journalisten, bemühen sich aber um korrektes Deutsch und eine erlesene Wortwahl. Die machen es Ihnen aber auch nicht recht.
Ich kritisiere keinesfalls die korrekte Grammatik. Ich fordere sie ein, von Journalistenschülern und Öffentlichkeitsarbeiten gleichermaßen. Es gibt aber ein Vorurteil unter Bildungsbürgern. Dass man sich nämlich alles erlauben könnte, solange nur die Grammatik stimmt. Und das ist der große Unfug. Ein Blick in die Feuilletons der großen Zeitungen oder in den Brockhaus belehrt Sie, dass auf Basis korrekter Grammatik die unglaublichsten Scheußlichkeiten unter die Leute gelassen werden können. Ich habe im Brockhaus von 2006 einen eingeschobenen Nebensatz von 43 Wörtern entdeckt. Das lässt die Grammatik zu. Es gibt Bildungsbürger, Brockhaus-Redakteure und auch Zeitungsjournalisten, die offenbar stolz darauf sind, dass sie nach 50 Wörtern immer noch ein korrektes Ende finden. Das würde ja vielen Menschen nicht gelingen. Ich überreize also die Grammatik bis zum Äußersten, gehe mit perversem Stolz damit um, frei nach dem Motto: ‚Das würdet ihr niemals schaffen‘ und ohrfeige damit meine Adressaten. Wobei ja nicht mal das Ohrfeigen gelingt, denn der Leser hört vorher einfach auf. Das ist eine etablierte Albernheit gerade unter perfekten Kennern der deutschen Grammatik. Das sind meine natürlichen Feinde. Man muss einfach die Kraft haben zu sagen: ‚Ich kenne die Grammatik – aber nun beginnt die Arbeit, wenn ich nicht nur korrektes, sondern auch schönes, gut lesbares Deutsch schreiben möchte.‘
Sollte also in jedem von uns ein Journalist stecken?
Nein – schon deswegen nicht, weil es mein Beruf ist. Davon sollte es auch nicht zu viele geben. Aber ein wenig denken wie ein Journalist, der Welt wach entgegen gehen und sich ein bisschen um die Sprache bemühen, könnte nicht schaden. Es kann aber kein Imperativ sein.
Sie kritisieren nicht nur den Schreibstil einiger Ihrer Kollegen, sondern auch deren Leichtgläubigkeit. Was genau meinen Sie damit?
Die Weltkenntnis der Nachwuchsjournalisten nimmt ab. Ich bilde seit 32 Jahren Journalisten aus. Seit 32 Jahren stelle ich immer wieder Fragen, um zu prüfen, ob sie sich in der Welt auskennen, die sie beschreiben. Zum Beispiel lesen sie einen Zeitungsausschnitt mit dem Satz: ‚Der Hurrikan raste auf die Küste von Texas zu.‘ Was ist daran falsch? Hurrikane rasen nicht. Sie kriechen über Land. Die Raserei findet nur innerhalb des Wirbels statt. Ich denke, ein Journalist sollte das wissen und so einen Blödsinn nicht in die Zeitung lassen. Die Zahl der Journalistenschüler, die diesen Fehler entdecken, sinkt kontinuierlich. Vor 20 Jahren mag es noch die Hälfte gewesen sein, heute merkt es von 20 Journalisten einer oder auch keiner mehr. Ein anderer Fehler: In der Zeitung steht, 41 Prozent der Erde seien mit Wasser bedeckt. Ich frage, was daran falsch sei. Einige antworten: ‚Es ist ein bisschen mehr.‘ Ich halte die Zahl 41 Prozent, die in der „Süddeutschen Zeitung“ abgedruckt wurde, für eine Katastrophe. Ich erwarte von einem Journalisten, dass er die tatsächliche Zahl, nämlich 71 Prozent, im Kopf hat. Viele halten Australien und Kanada für zwei der sechs bevölkerungsreichsten Staaten. Wenn man die sechs nicht alle kennt, ist das nicht weiter schlimm. Aber zu behaupten, Kanada und Australien gehörten dazu, ist für angehende Journalisten ein Desaster. Kanada und Australien haben jeweils nicht viel mehr Einwohner als Nordrhein-Westfalen. Diese Unkenntnis entsetzt mich.
Eine Gemeinsamkeit von Journalisten und Öffentlichkeitsarbeitern – auch diesen geben Sie ja Nachhilfe – ist die Vorliebe für Floskeln. Warum schwingen wir so gerne das Tanzbein, öffnen Pforten und verkaufen Tafelsilber?
Es ist einfach bequem. Solche Floskeln gehen leicht ins Ohr und leicht wieder heraus. Jeder versteht sie. Sie haben allerdings einen Nachteil. In meinen Seminaren nerve ich die Teilnehmer mit der Phrase ‚Friede, Freude, Eierkuchen‘. Wer ‚Friede, Freude‘ hört, ruft halblaut ‚Eierkuchen‘ hinterher. Aber gesagt hat man damit überhaupt nichts. Die Versuchung ist groß, sich einer Redensart zu bedienen, die man schon hundertmal gehört hat. Gleiches gilt übrigens für Pressemitteilungen. Es gibt Lieblingswörter, die so oft zitiert werden, dass sie inzwischen nichts mehr besagen. Aus meiner persönlichen Statistik aus 95 Seminaren mit Öffentlichkeitsarbeitern stehen an der Spitze: Innovationen, Aktivitäten und Herausforderungen. So häufig, dass man zumindest die Hälfte der Texte damit bestreiten könnte, sind Palette, Spektrum, Portfolio, Prozess, Potenzial, Segment und Synergieeffekt. Von der Nutzung dieser Wörter rate ich dringend ab. Sie bewirken einfach nichts mehr. Aktivitäten sind ohnehin überflüssig. Früher hatte man ein Geschäft, heute hat man Geschäftsaktivitäten. Früher war Marketing ein Bündel aus einigen hundert Aktionen. Der Begriff ‚Marketingaktivität‘ ist also schieres Geschwätz. Dazu ist ‚Aktivitäten‘ ein falsches Wort. Es ist ein Singularetantum wie Milch, Glück oder Passivität. Einige hundert Aktionen sind eine Aktivität. Die Endung ‚en‘ ist also schon mal Quatsch. Die Aussage ist gleich null. Das alles spricht dagegen, diesen Begriff zu verwenden.
Woher kommt diese Einfallslosigkeit?
Es ist einfach normal. Mit Innovationen haben viele Öffentlichkeitsarbeiter Probleme. Man möchte über ein neues Produkt etwas aussagen. Ich behaupte nicht, dass das Wort ‚Innovation‘ überflüssig ist, wie beispielsweise ‚Aktivitäten‘. ‚Innovationen‘ dienen erstmal der redlichen Absicht zu sagen: ‚Bei uns ist etwas neu.‘ Das Wort kommt aber inzwischen so selbstverständlich bei sämtlichen Produkten und Firmen vor, dass man mit dieser redlichen Absicht mit einem richtigen Wort überhaupt nichts mehr gesagt hat. Eine Firma, die sich und ihre Produkte nicht als innovativ bezeichnen will, gibt es nicht mehr. Viele entgegnen: ‚Irgendwas müssen wir doch aber schreiben.‘ Ich kann nur sagen: ‚Schreibt es hin, aber behauptet nicht, dass ihr damit schon irgendetwas gesagt hättet.‘
Ihr mündlicher Stil gilt als sehr direkt, ihre Kritik ist berüchtigt. Nicht selten wirft man Ihnen Arroganz vor. Ist Diplomatie nicht hilfreicher in der Kommunikation?
Bei den Seminaren werden grundsätzlich Urteile der Teilnehmer eingefordert. Ich bekomme sowohl die negativen als auch die positiven Urteile. Sie sind zu dreiviertel außerordentlich positiv. Ich sage auch gleich zu Beginn eines Seminars, dass ich nichts von akademischen Redensarten nach dem Motto ‚Alles schön und gut, was Sie hier machen, aber möchten Sie nicht vielleicht doch …‘ halte. Das ist Zeitverschwendung. Die Teilnehmer investieren Zeit und Geld, um etwas zu lernen – um ihre Zuwendung muss ich also nicht werben. Ich muss ihnen etwas bieten. Und wenn sie sich ärgern, schadet das auch nichts: Denn worüber sie sich ärgern, das bleibt am besten hängen. Damit kann ich leben.
Würde sich ein solch konfrontativer Stil auch in der PR eignen?
Selbstverständlich nicht. Die Texte, die ich PR-Managern beibringen möchte, sind höfliche und pfiffige Texte. Dieser Ton hat ja auch nichts mit meiner Art zu schreiben zu tun. Wenn ich schreibe, werbe ich um Leser. Höflichkeit allein reicht aber in einem Text nicht aus. Er muss farbig, überraschend, pfiffig sein.
Zur Person:
Wolf Schneider ist Journalist, Journalisten-Ausbilder und einer der energischsten Verfechter der deutschen Sprache. Zusammen mit dem Vorsitzenden des Vereins Deutsche Sprache, Walter Krämer, und Josef Kraus, dem Präsidenten des Deutschen Lehrerverbands, rief er im Jahr 2005 die Aktion ‚Lebendiges Deutsch‘ ins Leben. Schneider gibt Seminare für junge Journalisten an der Henri-Nannen-Schule, die er 16 Jahre lang leitete. Zu seinen beruflichen Stationen zählen unter anderem die „Süddeutsche Zeitung“, die „Welt“ und der „Stern“. Schneider moderierte mehrere Jahre lang die NDR-Talkshow. Im vergangenen Jahr erhielt er den Henri-Nannen-Preis für sein Lebenswerk.


















Kommentare
Und gleich im ersten Satz
Und gleich im ersten Satz eine Mega-Klops: "Guter sprachlicher Stil".
Da muss man nicht weiterlesen: Da lachen sogar der "busliche Fahrer" drüber und die "wurstliche Verkäuferin"...
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