Milliarden Euro betrug der Gesamtwert der Transaktionen der vier Fusionen und Übernahmen mit Beteiligung deutscher Unternehmen, bei denen die Agentur Hering Schuppener beratend tätig war. Die Zahl bezieht sich auf die ersten drei Monate des laufenden Jahres. Damit liegt Hering Schuppener laut mergermarket M&A-Ranking erneut auf Platz eins im deutschen Markt.
Kommunikation mit dem Fremden
Ausgabe: 1 / 2012 - Sprache
Als der 29-jährige Ray Chen im Mai vor fünf Jahren nach Deutschland kam, stand Düsseldorf still. Selbst am Montag regte sich nichts, kaum jemand war auf der Straße, kaum ein Auto unterwegs, die Geschäfte geschlossen. Die ganze Stadt im Ruhemodus. Ray Chen war irritiert. Es war Pfingsten. Manche Dinge erfährt man erst, wenn man vor Ort ist. Ein Gefühl für eine Stimmung lässt sich erst recht nur vor Ort erlangen. Für die Öffentlichkeitsarbeit sind Stimmungen nicht unwichtig. Denn wie will man wissen, wie ein Land tickt, wenn man noch nicht einmal weiß, wie dort ein durchschnittlicher Feiertag aussieht?
Ray Chen kommt aus Shanghai und arbeitet in der Unternehmenskommunikation für die Metro Group. Metro hat Standorte in 33 Ländern. China gehört für die Firmengruppe zu den wichtigsten Wachstumsmärkten. Doch welche Strategie für Sprachen in den jeweiligen Ländern haben Metro und andere deutsche Unternehmen und deren Pressestellen?
Vossloh ist wie Metro in China aktiv. Das MDax-Unternehmen für Bahn-Infrastruktur und Bahntechnik erschließt dort neue Märkte. China und Russland gehören mit den USA zu den drei größten Bahnmärkten der Welt, heißt es in einer Pressemitteilung der Firma. Doch in der Unternehmenskommunikation arbeitet Vossloh ausschließlich auf Deutsch und Englisch sowie im Einzelfall auf Französisch und Spanisch, wie ein Sprecher mitteilt. „Eine breitere Aufstellung, die dann auch sprachliche Experten für außerhalb Europas liegende Länder beinhaltete, müsste Vossloh wählen, wenn die gesamte Unternehmensstruktur zentral wäre.“ Das sei aber nicht der Fall. Vossloh verstehe sich als dezentral aufgestelltes Unternehmen, so dass auch ein großer Teil der internen Kommunikation bei den Tochtergesellschaften liege.
Bei Siemens und Metro sind weltweit Pressesprecher tätig, die in der Regel aus dem entsprechenden Land kommen. Nur „an unseren Standorten Moskau und Singapur sind auch deutsche Kollegen tätig, um die Kommunikationsarbeit in den Regionen Osteuropa und Asien zu koordinieren“, sagt ein Metro-Sprecher. Karl-Martin Obermeier, Professor für Public Relations an der Fachhochschule Gelsenkirchen, hat das auch beobachtet: „Die Dax-Unternehmen suchen vor Ort Mitarbeiter für ihre Dependancen.“ Von Deutschland aus sei es schwierig, neue Märkte zu erschließen. Und wenn Firmen nicht das Geld und nicht genügend Mitarbeiter haben, um in etlichen Ländern Vertretungen aufzubauen? Da kämen dann die großen internationalen PR-Agenturen ins Spiel, sagt Obermeier. Denn: „Wer kennt schon eine PR-Firma in Russland?“, sagt er. Der Handelskonzern Metro hat nicht nur Dutzende Vertretungen im Ausland, sondern auch ausländische Mitarbeiter nach Deutschland geholt. Unter den fünf festangestellten Pressesprechern in Düsseldorf ist der chinesische Mitarbeiter Ray Chen. Man kann sagen, dass er etwas besonderes ist. Natürlich benutzen global agierende Unternehmen Englisch als Konzernsprache, auch in der Unternehmenskommunikation. Und natürlich ist es nur sinnvoll, Muttersprachler in den ausländischen Dependancen einzusetzen und mit diesen auf Englisch zu sprechen, doch es bleiben sprachliche und kulturelle Gräben. Überwunden werden können diese bestenfalls durch Wanderer wie Ray Chen.
Den Horizont erweitern
Seit acht Jahren arbeitet Chen für Metro. Die ersten Jahre im Büro Shanghai. Im November 2006 rief ihn sein Bürochef zu sich. Er erzählte, dass die Zentrale in Deutschland ihn angesprochen habe, weil sie einen chinesischen Kollegen suchte, der nach Düsseldorf gehen möchte. Chen sei ein guter Kandidat, finde er, aber die Entscheidung liege bei ihm. „Ich war ziemlich aufgeregt, weil es eines meiner Karriereziele war, in der Zentrale eines internationalen Unternehmens zu arbeiten“, sagt Chen heute. Erst Recht in seiner Firma, die er kannte und in der er sich wohl fühlte. Deutschland war ihm auch nicht unbekannt. Im Sommer zuvor war er für die Fußball-Weltmeisterschaft in die Bundesrepublik gereist und sah das Spiel England gegen Schweden in Köln. Zehn Tage lang erlebte er das Sommermärchen von Deutschland. „Das ganze Land war in Feierstimmung, verrückt nach Fußball“, sagt er, aber trotzdem habe es kein Chaos gegeben. Noch heute schwärmt er von der Zeit.
Chen sprach mit seiner Familie über das Angebot, nach Deutschland zu gehen. Sein Vater fand, es sei eine gute Möglichkeit für ihn, seinen Horizont zu erweitern. Chen fand, dass es eine Investition für seine berufliche Laufbahn wäre. Zehn Tage überlegte er sorgfältig, dann sagte er seinem Chef, dass er das Angebot annehme. Auf die Frage, wie wichtig seine Muttersprachler-Kompetenzen für die Kommunikation mit seinem Heimatland sind, sagt er: „Manchmal findet Kommunikation jenseits von Sprache statt. Man muss auch die kulturellen Kontexte kennen.“ Nur so ließen sich Sachverhalte richtig einordnen. Das beginnt bei so schlichten Dingen wie „Nein sagen“. In Ostasien hat ein Verneinen etwas von einer brüsken Zurückweisung, es gilt als unhöflich und grob. „Es gilt einen indirekten Weg zu finden, ‘nein’ zu sagen, ohne die Konversation zu verderben“, sagt Ray Chen.
In Düsseldorf war er anfangs in erster Linie für die Beziehungen mit China zuständig. Er verantwortete Medienarbeit oder betreute chinesische Delegationen bei Metro in Düsseldorf. Seit 2009 wurde der 29-Jährige allerdings immer mehr in die internationale Medienarbeit eingebunden. Bei Metro Cash & Carry kümmert er sich nun um englischsprachige Presseankündigungen für wichtige Projekte, die in der Zentrale entwickelt und dann in den Ländern, wo Metro Cash & Carrry operiert, verbreitet werden. „Zusammen mit meinen Team-Kollegen kümmere ich mich um internationale Medienanfragen und Interviews über unser Unternehmen und deren Entwicklung in den Ländern, in denen wir präsent sind“, sagt Chen. Er stimmt sich viel mit Kollegen in anderen Staaten ab, um Einigkeit in der Kommunikation herzustellen.
Schlechtes Englisch
Ray Chen wurde extra von Shanghai nach Düsseldorf geholt und nun arbeitet er zu großen Teilen in Englisch. Er mag gut darin sein, er hat das Fach studiert, doch die englische Arbeit könnten natürlich auch deutsche Kollegen übernehmen. Es sagt viel aus über die Bedeutung von Fremdsprachen in der Unternehmenskommunikation. Die Karriereseiten in der Presse sind voll von Anekdoten gescheiterter Bewerbungen. Ein Bewerber, der gut durch das Gespräch gekommen ist, wird beispielsweise von der Personalchefin nach den Sprachkenntnissen gefragt. Als er „Englisch“ antwortet, kommt die Frage: „Welche Sprachen noch?“ Leider keine, muss er gestehen. Am Ende bekommt ein anderer Bewerber, der zwei Fremdsprachen beherrscht, den Job. „Wer auf der Karriereleiter vorwärts kommen möchte, muss in unterschiedlichen Sprachen fit für Geschäftskontakte sein“, heißt es beispielsweise in einem Artikel der „Süddeutschen Zeitung“. Die Praxis in deutschen Unternehmen lässt jedoch andere Schlüsse zu. Selbst bei einem großen Unternehmen wie Metro arbeitet der einzige chinesische Mitarbeiter in der Unternehmenskommunikation der Zentrale nicht primär in seiner Muttersprache. Wo die Konzernsprache Englisch ist, findet man kaum jemanden, der eine zweite Fremdsprache regelmäßig in seinem PR-Job nutzen kann. Zumindest in der deutschen Unternehmenskommunikation scheint Sprachkompetenz über das Englische hinaus also keine nennenswerte Rolle zu spielen. Bittet man zudem PR-Experten, etwas zur Bedeutung von Fremdsprachen, ausgenommen Englisch, in der Unternehmenskommunikation zu sagen, fällt den meisten nicht ein. Bei Pressestellen von kleineren Firmen findet sich bisweilen zwar jemand, der neben Englisch noch eine zweite europäische Sprache spricht und im Beruf sporadisch nutzen kann, bei Konzernen hat solch eine Kompetenz jedoch eher Anekdoten-Wert.
Günter Gaugler, Leiter Wirtschafts- und Finanzpresse bei Siemens, erzählt so eine, wenn man ihn fragt. Er spricht Spanisch. Der Vorstandsvorsitzende Peter Löscher spricht auch fließend Spanisch. Als der Spanien-Chef von Siemens verabschiedet wurde, reiste Löscher an und konnte die Spanier mit seinen Spanischkenntnissen überraschen. Der Tageszeitung „El Mundo“ gab er zudem ein Interview auf Spanisch. Auch die Vorbereitungen machte Löscher mit Gaugler auf Spanisch. Das Interview war dadurch – vor allem für den spanischen Journalisten, authentischer, es hätte aber, wie Gaugler zugibt, auch auf Englisch geführt werden können.
Doch nur, weil sich die Unternehmenskommunikation auf Englisch als Fremdsprache fixiert hat, bedeutet das nicht, dass es mit dem Englischen keine Probleme gibt. In einem Vortrag hatte der staatlich geprüfte Übersetzer für Englisch, Andreas Kühner, einmal angeprangert, dass Englisch zwar unbestritten die internationale Wirtschaftssprache sei, in Konzernen jedoch Mitarbeiter oft die Komplexität der Sprache unterschätzten. „Infolge dessen kommuniziert jeder in seinem eigenen Englisch, das sich allenfalls des Vokabulars der englischen Sprache bedient, in Grammatik und Idiomatik jedoch der Muttersprache des Schreibers angeglichen ist.“ Meist fehle das Bewusstsein dafür, dass Sprache so nicht funktionieren könne und die beabsichtigte Mitteilung oft nicht so verstanden werden könne, wie sie gemeint sei, sagt Kühner.
Kein Sprachpurismus
Der ehemalige Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt und emeritierter Althistoriker der Universität München, Christian Meier, sagte 2001 der Thüringischen Landeszeitung: „In den Vorstandsetagen der Deutschen Bank oder bei DaimlerChrysler wird nur noch Englisch geredet. Man denkt aber in seiner Muttersprache.“ Das Ergebnis, sagt Meier, sei „BSE: bad simple english“. Viel problemloser seien hingegen die oft getadelten Anglizismen. Der Wirtschaftsprofessor Michael Olbrich kritisierte zwar vergangenen Sommer die Dax-30-Konzerne. Die meisten würden sich seiner Ansicht nach strafbar machen, da es in ihren Geschäftsberichten von Anglizismen wimmele. Das Handelsgesetzbuch schreibe aber vor, die Berichte müssten in Deutsch verfasst sein. Viele Sprachwissenschaftler sehen die Lage jedoch nicht so dramatisch. „Den Versuch eines Sprachpurismus, wie er im 19. Jahrhundert unternommen wurde, sollten wir uns ersparen. Es gibt auf der ganzen Welt keine ungemischte Sprache, das galt schon für das klassische Athen. Heute kommen viele neue Begriffe – etwa in der Börsen- oder Computerwelt – aus dem Englischen. Dagegen gibt es nichts einzuwenden. Nehmen wir’s doch einfach gelassen“, sagt Christian Meier.
Der emeritierte Professor Dieter Herberg, früher Leiter des Projekts Neologismen am Institut für Deutsche Sprache in Mannheim, schrieb dazu, es gehöre zu den normalen Vorgängen, dass natürliche Sprachen im Laufe ihrer Entwicklung Einflüsse von anderen Sprachen aufnähmen und auch selbst wiederum Einflüsse auf andere Sprachen hätten. Vom verantwortungsbewussten Gebrauch von Anglizismen gehe jedoch keine Gefahr für die deutsche Sprache aus. Auch deshalb nicht, „weil natürliche Sprachen ‚Unverdauliches’ und Überflüssiges auch wieder abstoßen“, sprich unnötige Wörter nicht mehr verwendet würden. Ray Chen sorgt sich nicht um Anglizismen. Fragt man ihn danach, ob er Anglizismen im Chinesischen verwende, sagt er, er verstehe diese Frage nicht so recht. Er hat andere Sorgen. Seit viereinhalb Jahren lernt er Deutsch. Er versteht die meisten Gespräche in Deutsch, nimmt an Konferenzen teil und versucht, deutsche E-Mails zu verstehen. Was ihn umtreibt? Wenn er Deutsch spricht, rutsche ihm gelegentlich die englische Grammatik hinein, sagt er. Es scheint, er sorgt sich mehr um seine zweite Fremdsprache als Deutsche um ihre erste.


















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