Milliarden Euro betrug der Gesamtwert der Transaktionen der vier Fusionen und Übernahmen mit Beteiligung deutscher Unternehmen, bei denen die Agentur Hering Schuppener beratend tätig war. Die Zahl bezieht sich auf die ersten drei Monate des laufenden Jahres. Damit liegt Hering Schuppener laut mergermarket M&A-Ranking erneut auf Platz eins im deutschen Markt.
„Emotional sind wir noch in der Steinzeit.“
Ausgabe: 8 / 2011 - Beziehungen
pressesprecher: Herr Hölldobler, woher kommt eigentlich Ihre Faszination für Ameisen als soziale Tiere? Könnte man sich nicht genau so gut mit Bienen, Wölfen oder Erdmännchen befassen?
Bert Hölldobler: Würde ich mich mit Erdmännchen befassen, würden Sie doch sicher die Frage stellen, warum nicht mit Ameisen. Aber Spaß beiseite. Jedes Tier hat seine Relevanz für das ökologische System. Ameisen allerdings sind vermutlich die wichtigsten tierischen Organismen für die meisten erdgebundenen Ökosysteme. Ohne sie gäbe es den Wald nicht, wie wir ihn kennen. Ameisen wälzen Wald- und Wüstenböden um. Unter den Insekten machen sie 80 Prozent der Biomasse aus, stellen aber gerade mal drei bis vier Prozent der Insektenarten.
Was macht Ameisen so erfolgreich?
Vor etwa 120 Millionen Jahren begann das eusoziale, also das sehr kooperative Leben bei den Ameisen, die sich aus Wespen entwickelt haben. Die Evolution von sozialen Systemen war eines der großen Rätsel, vor denen Charles Darwin stand. Diese Frage stellt sich im Übrigen auch für unser Sozialleben. Allerdings ist das biologische Fundament für das menschliche Sozialleben, verglichen mit dem der Ameisen, sehr simpel. Was uns Menschen einmalig macht sind die kulturell entwickelten, hoch komplexen Sozietäten.
Sie bezeichnen Ameisenstaaten als Superorganismus. Was genau bedeutet das?
Einige Ameisenarten haben im Lauf der Evolution ein hoch spezialisiertes arbeitsteiliges System entwickelt, das ohne Hierarchien und interne Konflikte auskommt. Dieses System ist gegenüber anderen Sozietäten äußerst effizient. Alles konzentriert sich auf eine Königin beziehungsweise wenige Tiere, die sich fortpflanzen. Die Arbeiterinnen sind hoch spezialisiert und beispielsweise für Brutpflege, Nahrungsbeschaffung oder Nestverteidigung zuständig. Diese Arten haben ein fantastisches Kommunikationssystem und ihre Kooperation ist erstaunlich.
Wie hat sich dieses koordinierte Vorgehen entwickelt?
Die Ursprünge stammen mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dem Brutpflegeverhalten, wie wir es beispielsweise von Wespen kennen. Dieses Verhalten nennt sich subsozial und ist in der Insektenwelt bereits ein großer Schritt. Die meisten Insektenarten kennen das überhaupt nicht. Sie legen Eier und das war es. Einige Arten reduzierten die Anzahl der Eier, investierten aber mehr in die Nachkommen. Dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass die Nachkommen das geschlechtsfähige Alter erreichen. Es gibt viele Hinweise, dass am Beginn der Evolution von eusozialem Verhalten die Nachkommen das Muttertier nicht verließen, sondern, früher als normal, Brutpflegeinstinkte ausdrückten und anstelle der eigenen Brut ihre Geschwister pflegten. Dies ist eine Vorstufe einer eusozialen, also arbeitsteiligen Organisation, die man auch primitiv eusozial nennt. Es stellte sich aber eine spannende Frage. Warum geben Tiere zumindest zeitweilig ihre eigene Reproduktion auf, um die Nachkommen der Mutter weiter aufzuziehen? Charles Darwin hat bereits, obwohl er noch nichts von Genen wusste, angenommen, dass dies bei naher Verwandtschaft möglich ist, vorausgesetzt der ökologische Druck fördert die Selektion von Kooperation. Das heißt, die Gruppen, die ein solches Helferverhalten zeigten, hätten demnach einen Selektionsvorteil. Aber solch extremes Helferverhalten, das zum Verzicht auf eigene Nachkommen führt, kann nur entstehen, wenn die Helfer mit den Geholfenen eine enge Familienverwandtschaft haben. Das hat Darwin bereits erkannt. Bei vielen primitiv eusozialen Arten lässt sich das auch gut zeigen. Bei höher entwickelten Arten wie der Honigbiene oder der Blattschneiderameise spielt diese enge Verwandtschaft innerhalb der Sozietät keine große Rolle mehr. Sie haben längst den Punkt erreicht, den Edward E. Wilson und ich den Point of no Return nennen. Da die Arbeiterin selbst nicht mehr fähig ist, Nachkommen zu produzieren, können sie ihre indirekte evolutionäre Fitness nur dadurch maximieren, indem sie durch zunehmende Spezialisierung als Arbeiterinnen für eine möglichst hohe Produktion von Geschlechtstieren in ihrer Kolonie sorgen, das heißt sie ermöglichen es der Königin, noch mehr Nachkommen zu produzieren. Mit der Entwicklung von solch großen, arbeitsteiligen Systemen wurden zunehmend mehr Ressourcen von den spezialisierten Arbeiterinnen in die Sozietät eingebracht. Das hatte zur Folge, dass die Königin mehr Eier legen konnte. Aus denen entwickelte sich neben Arbeiterinnen auch eine große Zahl von Geschlechtstieren. Sie sind, wenn Sie so wollen, die harte Währung im Wirtschaftssystem Evolution. Je mehr Geschlechtstiere eine Kolonie produziert, desto größer ist die Chance, dass sich ihre Gene gegenüber denen einer Nachbarkolonie in der nächsten Generation weiterverbreiten. Das heißt, es liegt ein Selektionsdruck auf den Kolonien, eine möglichst gute Arbeitsteilung mit einem guten Kommunikationssystem zu entwickeln. Das kann extreme Ausmaße annehmen. Eine Blattschneiderameisenkönigin produziert im Laufe ihres Lebens etwa 150 bis 200 Millionen Nachkommen.
Was macht denn im Gegenzug hierarchische Ameisenstaaten gegenüber eusozialen ineffizient?
Es gibt heute noch viele Arten, die – vergleichen wir es mal mit menschlichen Gesellschaften – noch Jäger und Sammler sind. Sie sind außerordentlich hierarchisch organisiert. Diese Kolonien können nicht sehr groß werden, sie haben meist 200 bis 300 Individuen, mehr nicht. Sie haben daher auch keine Territorien. Wenn sich Angehörige zweier Sozietäten auf der Futtersuche begegnen, meiden sie sich meistens. In hierarchischen Systemen hat jedes Individuum das Potenzial, zum reproduktiven Tier zu werden. Das wird durch einen Konkurrenzkampf entschieden. Jedes Tier sollte also der Möglichkeit widerstehen, zum Arbeiter zu werden. Durch den Konkurrenzkampf entstehen aber immer wieder interne Auseinandersetzungen.
Die bei hoch entwickelten Arten wegfallen, da sich nur wenige Tiere fortpflanzen können.
Ja. Wenn es nicht mehr möglich ist, sich selbst fortzupflanzen, ist die nächstbeste Lösung, dafür zu sorgen, dass sich ein nahe verwandtes Tier möglichst gut reproduziert. Wenn die Hierarchien überwunden sind und sich ein egalitäres, arbeitsteiliges Netzwerk mit nicht reproduktiven Tieren entwickelt, fallen Konflikte weg. Ein Effekt, der allerdings zum Nachdenken anregt: Je stärker und altruistischer das System nach innen ist, desto aggressiver und diskriminierender reagieren die Tiere auf Mitglieder anderer Sozietäten derselben Art.
Weil der Ameisenstaat aufgrund der enormen Produktion von Nachkommen expandieren muss?
Richtig. Die riesigen Kolonien konkurrieren um limitierte Ressourcen. Die Art, wie dieser Konflikt schließlich ausgetragen wird, hängt stark von der Ressourcenverteilung ab. Weberameisen beispielsweise, die in Afrika große Territorien in Baumkronen besetzen, sind sehr dezentral organisiert. Das ermöglicht ihnen, in einem großen Gebiet auch die Jagd nach kleinen Wirbeltieren zu gehen, meist sind es aber Insekten und andere Gliedertiere wie Spinnen. Sie markieren ihr Territorium. Kommt eine Nachbarkolonie diesem Gebiet zu nahe, kommt es zum Kampf, dem oft mehrere hundert Tiere zum Opfer fallen. Wenn dieser Kampf allerdings entschieden ist, werden die Grenzen für einen längeren Zeitraum neu festgelegt. So schnell wird dann eine Kolonie nicht mehr die andere herausfordern. Dies würde ja auch keinem Kosten-Nutzen-Prinzip entsprechen.
Gibt es denn auch andere Formen der Konfliktbewältigung außer den Kampf um Leben und Tod?
Es gibt eine andere Ameisenart, die vorwiegend Termiten jagt, wenn diese in der Regenzeit an die Erdoberfläche kommen. Leider lässt sich aber nicht vorhersagen, an welcher Stelle die Termitenhaufen aufgespült werden. Diese Ameisen verteidigen daher kein großes Territorium, sondern immer nur den Bereich, in dem sie gerade einen solchen Termitenhaufen vorfinden. Wenn sie jedes Mal mit einer Nachbarkolonie, die ebenfalls diese Termitengallerien ausbeuten will, Krieg führen würden, bei dem jeweils ein paar hundert Tiere umkommen, würden die Kosten auf lange Sicht den Energiewert der Termiten als Nahrungsquelle übersteigen. Im Lauf der Evolution ist dort daher ein ganz merkwürdiges Territorialverhalten entstanden. Sie führen einen Show-Kampf auf. Sie bringen ihre so genannten Display-Ameisen auf den Turnierplatz und zeigen so, wie stark sie als Kolonie sind. Die konkurrierende Kolonie tut das Gleiche. Bei diesen Show- Kämpfen passiert physisch fast nichts. Sie treten ein wenig mit den Vorderbeinen und schätzen einander ab. Wenn beide Kolonien in etwa gleich stark sind, dann endet die Territorialgrenze zwischen beiden dort, wo das Turnier stattgefunden hat. Ist eine Kolonie dagegen deutlich unterlegen, verschiebt sich die Grenze sehr schnell bis zum Nesteingang der schwächeren Kolonie. Dort wird jede Ameise, die aus dem Nest kommt, in einen Turnierkampf verwickelt. Nur dann, wenn eine Kolonie schwach genug ist, dass das gegnerische Volk einen Raubzug wagen kann, kommt es zu echten Kämpfen mit Verlusten. Und zwar genau dann, wenn die Zahl der geraubten Puppen die Zahl ihrer möglichen Verluste übersteigt. Das ist doch faszinierend, nicht wahr?
Was bedeuten denn solche Auseinandersetzungen für das Zusammenleben in einem Ameisenstaat?
Zusammen mit einem Forscherkollegen konnte ich zeigen, dass das Kooperationssystem innerhalb einer Sozietät umso besser ist, je stärker die Konkurrenz zwischen den Kolonien wird. Eine starke Konkurrenz zwischen den Kolonien fördert die Evolution kooperativen Verhaltens. Eine starke Kooperation wiederum bedeutet mehr Nachkommen, was wiederum zu starker Konkurrenz und diskriminierendem Verhalten gegenüber anderen Sozietäten der gleichen Art führt. Dieses Verhalten lässt sich im Übrigen bei zahlreichen Organismen feststellen, vom Schleimpilz bis zum Menschen.
Das heißt, Konkurrenz und Diskriminierung liegt uns im Blut?
In den 1960er und 1970er Jahren haben viele Soziologen Anlagen für Konkurrenzverhalten und deren Auswüchse wie das Diskriminieren der ‚Nichtdazugehörenden‘, der Fremden, abgestritten, aber sie sind vorhanden. Vor 15.000 Jahren hatte die Feindschaft gegenüber Fremden auch einen evolutionären Sinn. Damals konkurrierte der Steinzeitmensch in Gruppen um limitierte Ressourcen. Ein damals adaptives Merkmal ist heute schrecklich maladaptiv geworden. Unter evolutionären Gesichtspunkten sind 15.000 Jahre allerdings nichts, emotional sind wir in vielerlei Hinsicht noch in der Steinzeit.
Das klingt nicht gerade ermutigend.
Dazu eine kleine Anmerkung. Der britische Philosoph David Hume sagte einmal: ‚No ought from is.’ Was wir wissenschaftlich feststellen, sagt uns nicht, was sein sollte. Wir können unsere moralischen Konzepte nicht aus der Biologie ableiten. Konrad Lorenz sagte: ‚Wir sind zwar der nackte Affe, aber wir sind auch der Kulturaffe.’ Wir haben doch ein hervorragend arbeitendes Gehirn. Damit sollten wir erkennen können, dass negative Merkmale in uns schlummern, die leicht manipuliert werden können – skrupellose Politiker haben das zur Genüge getan. Wenn wir das allerdings frühzeitig erkennen, können wir unser Erziehungssystem sowie unsere Einstellung entsprechend entwickeln, um uns dagegen zu wappnen. Vergessen Sie aber nicht die positiven Seiten. Wir nehmen immer wieder gerne eine Seite ein. Deshalb spielen wir Fußball. Und auch als Wirtschaftsmotor hat sich Konkurrenz bewährt. Das heißt aber eben nicht, dass wir die negativen Seiten außer Acht lassen sollten.
Sie sagten bereits, Grundlage jeder Arbeitsteilung ist Kommunikation. Wie sieht die bei Ameisen aus?
Sie findet in erster Linie auf chemischem Wege statt. Ameisen sind mit exogenen Drüsen regelrecht voll gepackt. In diesen produzieren sie eine ganze Reihe an Substanzen, die eine spezifische Kommunikationsfunktion erfüllen. Ameisen haben zwischen 25 bis 40 unterschiedliche chemische Signale, die noch mit mechanischen Signalen, wie zum Beispiel Vibrationen, kombiniert werden können. Wir sprechen in diesem Fall von multimodalen Kommunikationssignalen. Allein die Sensibilität für chemische Signale ist allerdings schon beeindruckend. Mit einem Milligramm der Spursubstanz einer Blattschneiderameise könnten sie beispielsweise eine Spur dreimal um die Erde legen. Ameisen haben die Möglichkeit, beim Fund einer neuen Futterquelle tausende von Artgenossinnen zu rekrutieren. Die Finder legen einfach eine chemische Spur und zeigen im Nest ein spezifisches Rekrutierungsverhalten. Dann eilen die Nestgenossinnen zur Futterquelle. Für dieses System gibt es die unterschiedlichsten Variationen. Auch in der Verteidigung spielt die chemische Kommunikation eine wichtige Rolle. Wird zum Beispiel eine Waldameise von einer konkurrierenden Ameise angegriffen, stößt sie aus einer Drüse im Hinterleib ein Substanzgemisch aus. Eine dieser Substanzen ist ein Kohlenwasserstoff, der von Nestgenossinnen wahrgenommen wird. Diese laufen in die Richtung, in der die Konzentration des Stoffes am höchsten ist. Wenn die Störung weiterhin vorhanden ist, greifen sie umgehend an und stoßen ebenfalls das Substanzgemisch aus. Dadurch wiederum erhöht sich die Konzentration des Stoff es und weitere Ameisen werden angelockt. Ist die Störung schließlich behoben, stoßen Neuankömmlinge den Stoff nicht mehr aus. Die Konzentra tion in der Luft verfl üchtigt sich schnell und das Alarmsignal erlischt.
Wie entscheidet sich eigentlich, welche Ameise beispielsweise für Brutpflege und welche für Futter zuständig ist?
Bei den meisten Arten ist die Arbeitsteilung altersabhängig. Die jungen Arbeiterinnen sind innerhalb des Nestes für die Brutpfl ege zuständig. Sie haben in diesem Alter gut entwickelte Futterdrüsen, ihre Gift drüsen sind dagegen kaum gefüllt. Mit zunehmendem Alter werden sie Bauameisen, die unter anderem für die Reinigung des Nestes zuständig sind. Alte Tiere sind in der Regel die stärksten Risikonehmer. Sie stürzen sich am vehementesten in die Verteidigung und sind daher für den Schutz der Kolonie zuständig. Das ist ein enormer Unterschied zwischen Menschen und Ameisen. Menschen schicken ihre jungen Männer in den Krieg – Ameisen hingegen ihre ‚Old Ladies’. Bei den Blattschneiderameisen gibt es nicht nur Geschlechtstiere und Arbeiterinnen, sondern auch Subkasten unter den Arbeiterinnen. Es gibt gigantische Soldatinnen und schließlich ‚Submajors’ und ‚Minis’. Diese wachsen nicht mehr im Laufe ihres Lebens – Ameisen behalten die Größe, die sie beim Schlüpfen haben. Wenn wir nun in einer Kolonie die Hälft e der Soldatinnen entfernen, beginnt die Kolonie zu regulieren. Die Arbeiterinnen fokussieren darauf, die Larven stärker anzufüttern. Sie produzieren so viele Soldatinnen, bis die Lücke wieder aufgefüllt ist. Das gleiche Experiment funktioniert mit anderen Subkasten.
Woher wissen die Arbeiterinnen, dass sie neue Soldatinnen anfüttern müssen?
Dafür gibt es einige Hypothesen. Bei vielen Ameisen haben die Kasten ein bestimmtes Kohlenwasserstoff profi l auf deren Kutikula. Möglicherweise begegnen also Brutpfl egerinnen nicht oft genug Soldatinnen. Die Kontaktfrequenz nimmt also ab. Das ist möglicherweise das Signal für die Brutpfl egerinnen, mehr Soldatinnen aufzuziehen. Einige Arten haben sogar eine derart starke Arbeitsteilung entwickelt, dass sie andere Ameisenarten ausbeuten. Richtig. Diesen Aspekt hat man in der frühen Ameisenforschung als Sklaverei bezeichnet. Sklaverei bei Menschen ist allerdings ein kulturell entstandenes Übel, es ist die zwangsmäßige Ausbeutung von Arbeitskräft en innerhalb derselben Art. Was man bei Ameisen Sklaverei nannte ist in Wirklichkeit sozialer Parasitismus. Hier beutet eine bestimmte Ameisenart die Arbeitskräft e einer stammesgeschichtlich nahe verwandten Ameisenart aus. In Deutschland gibt es zum Beispiel die rote Amazonenameise. Diese hoch spezialisierte Kampfameise verfügt über messerscharfe Mandibeln. Sie ist aber alleine nicht mehr überlebensfähig. Sie muss Puppen aus Nestern einer nahen verwandten Art rauben. Diese bringt sie dann in ihren Bau. Dort schlüpfen die Puppen und werden auf den Kolonieduft geprägt. Natürlich wissen sie nicht, dass sie in einer fremden Kolonie leben. Dort verrichten sie dann die Arbeit, die sie auch in ihrem Nest bewerkstelligen würden, nur eben für eine fremde Königin.
Es soll aber auch unter Ameisen gleicher Art zu Ausbeutung kommen.
Ich habe ÆÌ976 tatsachlich einen Fall von Sklaverei bei einer Ameisenart entdeckt. In dieser Art uberfallen grose Sozietaten kleinere Nester der gleichen Art, rauben die Puppen und bringen sie in ihre Nester. Dort schlupfen die Puppen und arbeiten fur eine fremde Konigin. Wir gehen inzwischen davon aus, dass ein solches Verhalten bei Ameisen recht haufi g vorkommt. Die Beweisfuhrung ist aber sehr schwierig, da wir ja von unterschiedlichen Kolonien, aber dennoch von einer Art sprechen. Interessant dabei ist, dass Ameisen nicht nur um Futter und Territorien konkurrieren, sondern auch um Arbeitskraft e. Das kann man als sehr okonomisch bezeichnen.
Warum?
Wenn es den Ameisen gelingt, einige hundert Arbeiterinnen zu stehlen, müssen sie diese nicht selbst produzieren. Die Ressourcen, die man damit spart, können damit gleich wieder in Geschlechtstiere investiert werden.
Sie sprachen bei Ameisen von einem egalitären System. Gerne werden Ameisen aber als Beispiel herangeführt, wenn es um die vermeintliche Notwendigkeit von Hierarchien und Führung geht. Gibt es denn bei den Ameisen keinen Kopf?
Nein. Das System ist weitgehend selbst organisiert. Allerdings wird der Begriff Selbstorganisation schnell verwendet, ohne dass man sich über die entsprechenden Kaskaden Gedanken macht. Ein selbstorganisiertes System kann sich nur entwickeln, wenn es auf lokalen Signalkaskaden beruht. Derzeit erforschen wir ein interessantes Fouragiersystem, also die Art der Futtermittelbeschaff ung. Tausende Ernteameisen schwärmen jeden Morgen in eine bestimmte Richtung aus, nach 20 bis 30 Metern fächern sie sich auf, um nach Samen zu suchen. Dann kehren sie wieder zurück. Am nächsten Tag laufen sie wieder in eine andere Richtung. Zur Erklärung dieser Selbstorganisation wurden zahlreiche gute mathematische Modelle entwickelt. Mich als experimentellen Verhaltensphysiologen befriedigt das nicht. Ein algorithmisches Modell mag noch so raffi niert sein. Es geht aber nur von einigen wenigen Parametern aus. Wir haben weitergeforscht und dabei entdeckt, dass drei Chemikalien bei diesem Verhalten eine wesentliche Rolle spielen. Mit diesen Chemikalien lässt sich genau dieses Verhalten auslösen. Keiner derjenigen, die sich mit diesen mathematischen Modellen befasst haben, hat nach den genauen Mechanismen des Verhaltens gefragt. Mittlerweile können wir bereits im Labor dieses Verhalten auslösen. Das System ist zwar selbstorganisiert – allein der Begriff Selbstorganisation erklärt aber noch nichts.
Sie sagten, man solle Verhaltensweisen anderer Tierarten nicht unbedingt auf menschliche Beziehungen übertragen. Gibt es dennoch Aspekte aus dem Organisationsprinzip der Ameisen, die für uns hilfreich sein
könnten?
Es ist ja bereits eine ganze Reihe aus dem Organisationstalent der Ameisen übertragen worden. Ameisen haben die Eigenschaft , stets die kürzesten Kommunikationslinien zu nutzen. Das macht man sich beim Legen von Glasfaserkabeln zunutze. Im vergangenen Jahr organisierten wir eine Tagung zum Th ema Biomimikry. Es kamen Vertreter aus der Architektur, der Logistik, der Internettechnik. Andere untersuchten, wie sich das Gepäck von Flugreisenden auf dem schnellsten Weg wieder in der Gepäckausgabe landet. Auch viele Computermodelle bauen auf dem Kommunikationssystem der Ameisen auf. Wir können aber aus der Beobachtung von Ameisen lernen, dass arbeitsteilige Systeme, die in Gruppen mit jeweils eigenen Belohnungssystemen gegliedert sind, wenig interne Auseinandersetzungen führen. Diese miteinander verknüpft en Gruppen sind wesentlich erfolgreicher als hierarchisch organisierte Systeme. Daher sind auch viele Franchise- Systeme so erfolgreich.
Warum konnten die Ameisen ein solch effizientes Kooperationssystem entwickeln, der Mensch aber nicht?
Evolution durch natürliche Selektion probiert aus und arbeitet nach dem Kosten- und Nutzenprinzip. Die Ameisen hatten 120 Millionen Jahre, in denen sich diese arbeitsteiligen Modelle entwickelt haben. Diese Zeit haben wir nicht. Daher ist es ganz hilfreich, die Natur zu beobachten und daraus Anregungen mitzunehmen. Was das soziale Leben der Ameisen aber anbelangt, muss ich ganz klar sagen: Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, die wie ein Ameisenstaat organisiert ist. Das Individuum gilt dort nichts.


















Kommentare
Kommentar verfassen