„Emotional sind wir noch in der Steinzeit.“

„Emotional sind wir noch in der Steinzeit.“
Kommunikativ, gleichberechtigt und unglaublich aggressiv: Im Lauf der Evolution haben sich Ameisen dank Arbeitsteilung zur dominanten Art im Insektenreich entwickelt. Ameisenforscher Bert Hölldobler über selbstorganisierte Massenproduktion und den kürzesten Kommunikationsweg.
2. Dezember 2011

pressesprecher: Herr Hölldobler, woher kommt eigentlich Ihre Faszination  für Ameisen als soziale Tiere? Könnte man sich nicht genau so gut  mit Bienen, Wölfen oder Erdmännchen befassen? 

Bert Hölldobler: Würde ich mich mit Erdmännchen befassen, würden Sie  doch sicher die Frage stellen, warum nicht mit Ameisen. Aber Spaß beiseite.  Jedes Tier hat seine Relevanz für das ökologische System. Ameisen  allerdings sind vermutlich die wichtigsten tierischen Organismen für die  meisten erdgebundenen Ökosysteme. Ohne sie gäbe es den Wald nicht, wie  wir ihn kennen. Ameisen wälzen Wald- und Wüstenböden um. Unter den  Insekten machen sie 80 Prozent der Biomasse aus, stellen aber gerade mal  drei bis vier Prozent der Insektenarten.

Was macht Ameisen so erfolgreich?

Vor etwa 120 Millionen Jahren begann das eusoziale, also das sehr kooperative  Leben bei den Ameisen, die sich aus Wespen entwickelt haben. Die  Evolution von sozialen Systemen war eines der großen Rätsel, vor denen  Charles Darwin stand. Diese Frage stellt sich im Übrigen auch für unser  Sozialleben. Allerdings ist das biologische Fundament für das menschliche  Sozialleben, verglichen mit dem der Ameisen, sehr simpel. Was uns  Menschen einmalig macht sind die kulturell entwickelten, hoch komplexen  Sozietäten. 

Sie bezeichnen Ameisenstaaten als Superorganismus. Was genau bedeutet das?

Einige Ameisenarten haben im Lauf der Evolution ein hoch spezialisiertes  arbeitsteiliges System entwickelt, das ohne Hierarchien und interne Konflikte  auskommt. Dieses System ist gegenüber anderen Sozietäten äußerst  effizient. Alles konzentriert sich auf eine Königin beziehungsweise wenige  Tiere, die sich fortpflanzen. Die Arbeiterinnen sind hoch spezialisiert und  beispielsweise für Brutpflege, Nahrungsbeschaffung oder Nestverteidigung  zuständig. Diese Arten haben ein fantastisches Kommunikationssystem  und ihre Kooperation ist erstaunlich.

Wie hat sich dieses koordinierte Vorgehen entwickelt?

Die Ursprünge stammen mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dem Brutpflegeverhalten,  wie wir es beispielsweise von Wespen kennen. Dieses Verhalten  nennt sich subsozial und ist in der Insektenwelt bereits ein großer  Schritt. Die meisten Insektenarten kennen das überhaupt nicht. Sie legen  Eier und das war es. Einige Arten reduzierten die Anzahl der Eier, investierten  aber mehr in die Nachkommen. Dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit,  dass die Nachkommen das geschlechtsfähige Alter erreichen. Es  gibt viele Hinweise, dass am Beginn der Evolution von eusozialem Verhalten  die Nachkommen das Muttertier nicht verließen, sondern, früher  als normal, Brutpflegeinstinkte ausdrückten und anstelle der eigenen Brut  ihre Geschwister pflegten. Dies ist eine Vorstufe einer eusozialen, also arbeitsteiligen  Organisation, die man auch primitiv eusozial nennt. Es stellte  sich aber eine spannende Frage. Warum geben Tiere zumindest zeitweilig  ihre eigene Reproduktion auf, um die Nachkommen der Mutter weiter aufzuziehen?  Charles Darwin hat bereits, obwohl er noch nichts von Genen  wusste, angenommen, dass dies bei naher Verwandtschaft möglich ist, vorausgesetzt  der ökologische Druck fördert die Selektion von Kooperation.  Das heißt, die Gruppen, die ein solches Helferverhalten zeigten, hätten  demnach einen Selektionsvorteil. Aber solch extremes Helferverhalten,  das zum Verzicht auf eigene Nachkommen führt, kann nur entstehen,  wenn die Helfer mit den Geholfenen eine enge Familienverwandtschaft  haben. Das hat Darwin bereits erkannt.  Bei vielen primitiv eusozialen Arten lässt sich das auch gut zeigen. Bei  höher entwickelten Arten wie der Honigbiene oder der Blattschneiderameise  spielt diese enge Verwandtschaft innerhalb der Sozietät keine große  Rolle mehr. Sie haben längst den Punkt erreicht, den Edward E. Wilson und  ich den Point of no Return nennen. Da die Arbeiterin selbst nicht mehr  fähig ist, Nachkommen zu produzieren, können sie ihre indirekte evolutionäre  Fitness nur dadurch maximieren, indem sie durch zunehmende  Spezialisierung als Arbeiterinnen für eine möglichst hohe Produktion  von Geschlechtstieren in ihrer Kolonie sorgen, das heißt sie ermöglichen  es der Königin, noch mehr Nachkommen zu produzieren. Mit der Entwicklung  von solch großen, arbeitsteiligen Systemen wurden zunehmend  mehr Ressourcen von den spezialisierten Arbeiterinnen in die Sozietät  eingebracht. Das hatte zur Folge, dass die Königin mehr Eier legen konnte.  Aus denen entwickelte sich neben Arbeiterinnen auch eine große Zahl  von Geschlechtstieren. Sie sind, wenn Sie so wollen, die harte Währung im  Wirtschaftssystem Evolution. Je mehr Geschlechtstiere eine Kolonie produziert,  desto größer ist die Chance, dass sich ihre Gene gegenüber denen  einer Nachbarkolonie in der nächsten Generation weiterverbreiten. Das  heißt, es liegt ein Selektionsdruck auf den Kolonien, eine möglichst gute Arbeitsteilung mit einem guten Kommunikationssystem zu entwickeln.  Das kann extreme Ausmaße annehmen. Eine Blattschneiderameisenkönigin  produziert im Laufe ihres Lebens etwa 150 bis 200 Millionen Nachkommen.

Was macht denn im Gegenzug hierarchische Ameisenstaaten gegenüber eusozialen ineffizient?

Es gibt heute noch viele Arten, die – vergleichen wir es mal mit menschlichen  Gesellschaften – noch Jäger und Sammler sind. Sie sind außerordentlich  hierarchisch organisiert. Diese Kolonien können nicht sehr groß  werden, sie haben meist 200 bis 300 Individuen, mehr nicht. Sie haben  daher auch keine Territorien. Wenn sich Angehörige zweier Sozietäten  auf der Futtersuche begegnen, meiden sie sich meistens. In hierarchischen  Systemen hat jedes Individuum das Potenzial, zum reproduktiven Tier zu  werden. Das wird durch einen Konkurrenzkampf entschieden. Jedes Tier  sollte also der Möglichkeit widerstehen, zum Arbeiter zu werden. Durch  den Konkurrenzkampf entstehen aber immer wieder interne Auseinandersetzungen.

Die bei hoch entwickelten Arten wegfallen, da sich nur wenige Tiere fortpflanzen können.

Ja. Wenn es nicht mehr möglich ist, sich selbst fortzupflanzen, ist die  nächstbeste Lösung, dafür zu sorgen, dass sich ein nahe verwandtes Tier  möglichst gut reproduziert. Wenn die Hierarchien überwunden sind und  sich ein egalitäres, arbeitsteiliges Netzwerk mit nicht reproduktiven Tieren  entwickelt, fallen Konflikte weg. Ein Effekt, der allerdings zum Nachdenken  anregt: Je stärker und altruistischer das System nach innen ist, desto  aggressiver und diskriminierender reagieren die Tiere auf Mitglieder anderer  Sozietäten derselben Art.

Weil der Ameisenstaat aufgrund der enormen Produktion von Nachkommen expandieren muss?

Richtig. Die riesigen Kolonien konkurrieren  um limitierte Ressourcen. Die  Art, wie dieser Konflikt schließlich ausgetragen wird, hängt stark von der  Ressourcenverteilung ab. Weberameisen beispielsweise, die in Afrika große  Territorien in Baumkronen besetzen, sind sehr dezentral organisiert.  Das ermöglicht ihnen, in einem großen Gebiet auch die Jagd nach kleinen  Wirbeltieren zu gehen, meist sind es aber Insekten und andere Gliedertiere  wie Spinnen. Sie markieren ihr Territorium. Kommt eine Nachbarkolonie  diesem Gebiet zu nahe, kommt es zum Kampf, dem oft mehrere hundert  Tiere zum Opfer fallen. Wenn dieser Kampf allerdings entschieden ist,  werden die Grenzen für einen längeren Zeitraum neu festgelegt. So schnell  wird dann eine Kolonie nicht mehr die andere herausfordern. Dies würde  ja auch keinem Kosten-Nutzen-Prinzip entsprechen. 

Gibt es denn auch andere Formen der Konfliktbewältigung außer den  Kampf um Leben und Tod?

Es gibt eine andere Ameisenart, die vorwiegend Termiten jagt, wenn diese  in der Regenzeit an die Erdoberfläche kommen. Leider lässt sich aber  nicht vorhersagen, an welcher Stelle die Termitenhaufen aufgespült werden.  Diese Ameisen verteidigen daher kein großes Territorium, sondern  immer nur den Bereich, in dem sie gerade einen solchen Termitenhaufen  vorfinden. Wenn sie jedes Mal mit einer Nachbarkolonie, die ebenfalls diese  Termitengallerien ausbeuten will, Krieg führen würden, bei dem jeweils  ein paar hundert Tiere umkommen, würden die Kosten auf lange Sicht den  Energiewert der Termiten als Nahrungsquelle übersteigen. Im Lauf der  Evolution ist dort daher ein ganz merkwürdiges Territorialverhalten entstanden.  Sie führen einen Show-Kampf auf. Sie bringen ihre so genannten  Display-Ameisen auf den Turnierplatz und zeigen so, wie stark sie als Kolonie  sind. Die konkurrierende Kolonie tut das Gleiche. Bei diesen Show-  Kämpfen passiert physisch fast nichts. Sie treten ein wenig mit den Vorderbeinen  und schätzen einander ab. Wenn beide Kolonien in etwa gleich  stark sind, dann endet die Territorialgrenze zwischen beiden dort, wo das  Turnier stattgefunden hat. Ist eine Kolonie dagegen deutlich unterlegen,  verschiebt sich die Grenze sehr schnell bis zum Nesteingang der schwächeren  Kolonie. Dort wird jede Ameise, die aus dem Nest kommt,  in einen Turnierkampf verwickelt. Nur dann, wenn eine Kolonie schwach  genug ist, dass das gegnerische Volk einen Raubzug wagen kann, kommt  es zu echten Kämpfen mit Verlusten. Und zwar genau dann, wenn die Zahl  der geraubten Puppen die Zahl ihrer möglichen Verluste übersteigt. Das ist  doch faszinierend, nicht wahr?

Was bedeuten denn solche Auseinandersetzungen für das Zusammenleben  in einem Ameisenstaat?

Zusammen mit einem Forscherkollegen konnte ich zeigen, dass das Kooperationssystem  innerhalb einer Sozietät umso besser ist, je stärker die Konkurrenz  zwischen den Kolonien wird. Eine starke Konkurrenz zwischen  den Kolonien fördert die Evolution kooperativen Verhaltens. Eine starke  Kooperation wiederum bedeutet mehr Nachkommen, was wiederum zu  starker Konkurrenz und diskriminierendem Verhalten gegenüber anderen  Sozietäten der gleichen Art führt. Dieses Verhalten lässt sich im Übrigen bei  zahlreichen Organismen feststellen, vom Schleimpilz bis zum Menschen.

Das heißt, Konkurrenz und Diskriminierung liegt uns im Blut?

In den 1960er und 1970er Jahren haben viele Soziologen Anlagen für  Konkurrenzverhalten und deren Auswüchse wie das Diskriminieren der  ‚Nichtdazugehörenden‘, der Fremden, abgestritten, aber sie sind vorhanden.  Vor 15.000 Jahren hatte die Feindschaft gegenüber Fremden auch  einen evolutionären Sinn. Damals konkurrierte der Steinzeitmensch in  Gruppen um limitierte Ressourcen. Ein damals adaptives Merkmal ist  heute schrecklich maladaptiv geworden. Unter evolutionären Gesichtspunkten  sind 15.000 Jahre allerdings nichts, emotional sind wir in vielerlei  Hinsicht noch in der Steinzeit.

Das klingt nicht gerade ermutigend.

Dazu eine kleine Anmerkung. Der britische Philosoph David Hume sagte  einmal: ‚No ought from is.’ Was wir  wissenschaftlich feststellen, sagt uns  nicht, was sein sollte. Wir können unsere  moralischen Konzepte nicht aus  der Biologie ableiten. Konrad Lorenz  sagte: ‚Wir sind zwar der nackte Affe, aber wir sind auch der Kulturaffe.’  Wir haben doch ein hervorragend arbeitendes Gehirn. Damit sollten wir  erkennen können, dass negative Merkmale in uns schlummern, die leicht  manipuliert werden können – skrupellose Politiker haben das zur Genüge  getan. Wenn wir das allerdings frühzeitig erkennen, können wir unser  Erziehungssystem sowie unsere Einstellung entsprechend entwickeln, um  uns dagegen zu wappnen. Vergessen Sie aber nicht die positiven Seiten. Wir  nehmen immer wieder gerne eine Seite ein. Deshalb spielen wir Fußball.  Und auch als Wirtschaftsmotor hat sich Konkurrenz bewährt. Das heißt  aber eben nicht, dass wir die negativen Seiten außer Acht lassen sollten.

Sie sagten bereits, Grundlage jeder Arbeitsteilung ist Kommunikation. Wie sieht die bei Ameisen aus?

Sie findet in erster Linie auf chemischem Wege statt. Ameisen sind mit  exogenen Drüsen regelrecht voll gepackt. In diesen produzieren sie eine  ganze Reihe an Substanzen, die eine spezifische Kommunikationsfunktion  erfüllen. Ameisen haben zwischen 25 bis 40 unterschiedliche chemische  Signale, die noch mit mechanischen Signalen, wie zum Beispiel Vibrationen,  kombiniert werden können. Wir sprechen in diesem Fall von multimodalen  Kommunikationssignalen. Allein die Sensibilität für chemische  Signale ist allerdings schon beeindruckend. Mit einem Milligramm der  Spursubstanz einer Blattschneiderameise könnten sie beispielsweise eine  Spur dreimal um die Erde legen. Ameisen haben die Möglichkeit, beim  Fund einer neuen Futterquelle tausende von Artgenossinnen zu rekrutieren.  Die Finder legen einfach eine chemische Spur und zeigen im Nest ein  spezifisches Rekrutierungsverhalten. Dann eilen die Nestgenossinnen zur  Futterquelle. Für dieses System gibt es die unterschiedlichsten Variationen.  Auch in der Verteidigung spielt die chemische Kommunikation eine wichtige  Rolle. Wird zum Beispiel eine Waldameise von einer konkurrierenden  Ameise angegriffen, stößt sie aus einer Drüse im Hinterleib ein Substanzgemisch  aus. Eine dieser Substanzen ist ein Kohlenwasserstoff, der von Nestgenossinnen  wahrgenommen wird. Diese laufen in die Richtung, in der  die Konzentration des Stoffes am höchsten ist. Wenn die Störung weiterhin vorhanden ist, greifen sie umgehend an und stoßen ebenfalls das Substanzgemisch  aus. Dadurch wiederum erhöht sich die Konzentration des Stoff es  und weitere Ameisen werden angelockt. Ist die Störung schließlich behoben,  stoßen Neuankömmlinge den Stoff nicht mehr aus. Die Konzentra tion  in der Luft verfl üchtigt sich schnell und das Alarmsignal erlischt.

Wie entscheidet sich eigentlich, welche Ameise beispielsweise für Brutpflege und welche für Futter zuständig ist?

Bei den meisten Arten ist die Arbeitsteilung altersabhängig. Die jungen  Arbeiterinnen sind innerhalb des Nestes für die Brutpfl ege zuständig. Sie  haben in diesem Alter gut entwickelte Futterdrüsen, ihre Gift drüsen sind  dagegen kaum gefüllt. Mit zunehmendem Alter werden sie Bauameisen,  die unter anderem für die Reinigung des Nestes zuständig sind. Alte Tiere  sind in der Regel die stärksten Risikonehmer. Sie stürzen sich am vehementesten  in die Verteidigung und sind daher für den Schutz der Kolonie  zuständig. Das ist ein enormer Unterschied zwischen Menschen und  Ameisen. Menschen schicken ihre jungen Männer in den Krieg – Ameisen  hingegen ihre ‚Old Ladies’. Bei den Blattschneiderameisen gibt es nicht nur  Geschlechtstiere und Arbeiterinnen, sondern auch Subkasten unter den  Arbeiterinnen. Es gibt gigantische Soldatinnen und schließlich ‚Submajors’  und ‚Minis’. Diese wachsen nicht mehr im Laufe ihres Lebens – Ameisen  behalten die Größe, die sie beim Schlüpfen haben. Wenn wir nun in einer  Kolonie die Hälft e der Soldatinnen entfernen, beginnt die Kolonie zu regulieren.  Die Arbeiterinnen fokussieren  darauf, die Larven stärker anzufüttern.  Sie produzieren so viele Soldatinnen,  bis die Lücke wieder aufgefüllt ist. Das  gleiche Experiment funktioniert mit  anderen Subkasten. 

Woher wissen die Arbeiterinnen, dass sie neue Soldatinnen anfüttern müssen?

Dafür gibt es einige Hypothesen. Bei vielen Ameisen haben die Kasten ein  bestimmtes Kohlenwasserstoff profi l auf deren Kutikula. Möglicherweise  begegnen also Brutpfl egerinnen nicht oft genug Soldatinnen. Die Kontaktfrequenz  nimmt also ab. Das ist möglicherweise das Signal für die Brutpfl egerinnen,  mehr Soldatinnen aufzuziehen.  Einige Arten haben sogar eine derart starke Arbeitsteilung entwickelt,  dass sie andere Ameisenarten ausbeuten.  Richtig. Diesen Aspekt hat man in der frühen Ameisenforschung als Sklaverei  bezeichnet. Sklaverei bei Menschen ist allerdings ein kulturell entstandenes  Übel, es ist die zwangsmäßige Ausbeutung von Arbeitskräft en  innerhalb derselben Art. Was man bei Ameisen Sklaverei nannte ist in  Wirklichkeit sozialer Parasitismus. Hier beutet eine bestimmte Ameisenart  die Arbeitskräft e einer stammesgeschichtlich nahe verwandten Ameisenart  aus. In Deutschland gibt es zum Beispiel die rote Amazonenameise.  Diese hoch spezialisierte Kampfameise verfügt über messerscharfe Mandibeln.  Sie ist aber alleine nicht mehr überlebensfähig. Sie muss Puppen aus  Nestern einer nahen verwandten Art rauben. Diese bringt sie dann in ihren  Bau. Dort schlüpfen die Puppen und werden auf den Kolonieduft geprägt.  Natürlich wissen sie nicht, dass sie in einer fremden Kolonie leben. Dort  verrichten sie dann die Arbeit, die sie auch in ihrem Nest bewerkstelligen  würden, nur eben für eine fremde Königin.

Es soll aber auch unter Ameisen gleicher Art zu Ausbeutung kommen.

Ich habe ÆÌ976 tatsachlich einen Fall von Sklaverei bei einer Ameisenart entdeckt.  In dieser Art uberfallen grose Sozietaten kleinere Nester der gleichen  Art, rauben die Puppen und bringen sie in ihre Nester. Dort schlupfen  die Puppen und arbeiten fur eine fremde Konigin. Wir gehen inzwischen  davon aus, dass ein solches Verhalten bei Ameisen recht haufi g vorkommt.  Die Beweisfuhrung ist aber sehr schwierig, da wir ja von unterschiedlichen  Kolonien, aber dennoch von einer Art sprechen. Interessant dabei ist, dass  Ameisen nicht nur um Futter und Territorien konkurrieren, sondern auch  um Arbeitskraft e. Das kann man als sehr okonomisch bezeichnen.

Warum?

Wenn es den Ameisen gelingt, einige hundert Arbeiterinnen zu stehlen, müssen sie diese nicht selbst produzieren. Die Ressourcen, die man damit spart, können damit gleich wieder in Geschlechtstiere investiert werden.

Sie sprachen bei Ameisen von einem egalitären System. Gerne werden Ameisen aber als Beispiel herangeführt, wenn es um die vermeintliche Notwendigkeit von Hierarchien und Führung geht. Gibt es denn bei den Ameisen keinen Kopf?

Nein. Das System ist weitgehend selbst organisiert. Allerdings wird der  Begriff Selbstorganisation schnell verwendet, ohne dass man sich über  die entsprechenden Kaskaden Gedanken macht. Ein selbstorganisiertes  System kann sich nur entwickeln, wenn es auf lokalen Signalkaskaden beruht.  Derzeit erforschen wir ein interessantes Fouragiersystem, also die Art  der Futtermittelbeschaff ung. Tausende Ernteameisen schwärmen jeden  Morgen in eine bestimmte Richtung aus, nach 20 bis 30 Metern fächern  sie sich auf, um nach Samen zu suchen. Dann kehren sie wieder zurück.  Am nächsten Tag laufen sie wieder in eine andere Richtung. Zur Erklärung  dieser Selbstorganisation wurden zahlreiche gute mathematische Modelle  entwickelt. Mich als experimentellen Verhaltensphysiologen befriedigt das  nicht. Ein algorithmisches Modell mag noch so raffi niert sein. Es geht aber  nur von einigen wenigen Parametern aus. Wir haben weitergeforscht und  dabei entdeckt, dass drei Chemikalien bei diesem Verhalten eine wesentliche  Rolle spielen. Mit diesen Chemikalien lässt sich genau  dieses Verhalten auslösen. Keiner derjenigen, die sich mit  diesen mathematischen Modellen befasst haben, hat nach  den genauen Mechanismen des Verhaltens  gefragt. Mittlerweile können  wir bereits im Labor dieses Verhalten  auslösen. Das System ist zwar selbstorganisiert  – allein der Begriff Selbstorganisation  erklärt aber noch nichts.

Sie sagten, man solle Verhaltensweisen anderer Tierarten nicht unbedingt auf menschliche Beziehungen übertragen. Gibt es dennoch Aspekte aus dem Organisationsprinzip der Ameisen, die für uns hilfreich sein
könnten?

Es ist ja bereits eine ganze Reihe aus dem Organisationstalent der Ameisen  übertragen worden. Ameisen haben die Eigenschaft , stets die kürzesten  Kommunikationslinien zu nutzen. Das macht man sich beim Legen von  Glasfaserkabeln zunutze. Im vergangenen Jahr organisierten wir eine Tagung  zum Th ema Biomimikry. Es kamen Vertreter aus der Architektur, der  Logistik, der Internettechnik. Andere untersuchten, wie sich das Gepäck  von Flugreisenden auf dem schnellsten Weg wieder in der Gepäckausgabe  landet. Auch viele Computermodelle bauen auf dem Kommunikationssystem  der Ameisen auf. Wir können aber aus der Beobachtung von Ameisen  lernen, dass arbeitsteilige Systeme, die in Gruppen mit jeweils eigenen Belohnungssystemen  gegliedert sind, wenig interne Auseinandersetzungen  führen. Diese miteinander verknüpft en Gruppen sind wesentlich erfolgreicher  als hierarchisch organisierte Systeme. Daher sind auch viele Franchise-  Systeme so erfolgreich.

Warum konnten die Ameisen ein solch effizientes Kooperationssystem entwickeln, der Mensch aber nicht?

Evolution durch natürliche Selektion probiert aus und arbeitet nach dem  Kosten- und Nutzenprinzip. Die Ameisen hatten 120 Millionen Jahre, in  denen sich diese arbeitsteiligen Modelle entwickelt haben. Diese Zeit haben  wir nicht. Daher ist es ganz hilfreich, die Natur zu beobachten und  daraus Anregungen mitzunehmen. Was das soziale Leben der Ameisen  aber anbelangt, muss ich ganz klar sagen: Ich möchte nicht in einer Gesellschaft  leben, die wie ein Ameisenstaat organisiert ist. Das Individuum gilt  dort nichts.


 

 



 


 

 

 

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Ausgabe: 8 / 2011 - Beziehungen

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