Milliarden Euro betrug der Gesamtwert der Transaktionen der vier Fusionen und Übernahmen mit Beteiligung deutscher Unternehmen, bei denen die Agentur Hering Schuppener beratend tätig war. Die Zahl bezieht sich auf die ersten drei Monate des laufenden Jahres. Damit liegt Hering Schuppener laut mergermarket M&A-Ranking erneut auf Platz eins im deutschen Markt.
Im Westen lärmen, im Osten angreifen
Einer, der es eigentlich wissen muss, äußerte sich jüngst vehement gegen zu viel Planung: Hubertus von Lobenstein, der immerhin auf zwei Jahrzehnte Management-Erfahrung in der Kommunikationsbranche zurückblickt, spricht sich in seinem Oktober- Blog gegen Planungszement und für mehr Improvisationskompetenz aus: „Pläne suggerieren Kontrolle. Das Dumme: Wir glauben, kontrollieren zu können, was eben nicht zu kontrollieren ist, weil sich die Realität nicht an Planvorgaben hält.“ Am Nimbus des Strategischen wurde immer wieder gerüttelt – oft zu Recht. Aber behindert ein Zuviel an Planung tatsächlich die Kommunikationsqualität von Unternehmen? So verkürzt stimmt das nicht, denn aus der Perspektive des Strategen sind Planungen, die wechselnde Rahmenbedingungen nicht antizipieren, vor allem eins: schlechte Planungen. Gewiss: Vieles, was man an Strategiepapieren auf den Tisch bekommt, ist konzeptionell oft fragwürdig. „Der Begriff Strategie“, so schreibt daher auch Rainer Zimmermann, Professor an der Universität Düsseldorf und langjähriger PR-Manager, „wird schon seit vielen Jahren inflationär verwendet, um eigenes Tun euphemistisch aufzuwerten. (…) Eine Strategiesitzung löst Ehrfurcht und Respekt aus, eine normale Sitzung zumeist Langeweile. Der Strategie-Consultant hat höhere Tagessätze als der Consultant.“ Wir erleben eine Inflation mit gleichzeitiger Entwertung eines Begriffs mit großer Tradition und Tragweite.
Militär als Blauphase
Das hat auch damit zu tun, dass der Begriff Strategie selbst unscharf ist. “Theoretisch ist hier das allermeiste noch zu leisten“, sagt Joachim Knape, Professor für Rhetorik an der Universität Tübingen. „Der aus der Militärtheorie stammende Strategiebegriff wurde vor allem in der Management- und Ökonomietheorie übernommen. Obwohl er dort nirgends schlüssig definiert wird, haben ihn Kommunikationsfachleute oft unreflektiert adaptiert.“ Militärtheorie als Blaupause für einen kommunikativen Strategiebegriff – das liegt eigentlich nicht besonders nah, denn moderne Unternehmenskommunikation baut auf Überzeugung und Konsens, nicht auf Überlistung und Zwang. Schon aus dem Grund ist der Vergleich mit dem Schlachtfeld unvollständig. Offensichtlich geht aber eine gewisse Faszination vom Gedanken aus, den Kommunikationsmanager als langfristigen Planer zu sehen, als kühlen Kriegsherrn, der vom Feldherrenhügel komplexe Prozesse überschaut, antizipiert und durch geeignete Mittel Widerstände aus dem Weg räumen kann. Das kollektive Bewusstsein liegt damit sehr nah beim etymologischen Ursprung: Der griechische Krieger um 500 vor Christus hebt den Blick, um sich zu orientieren und nach Führung Ausschau zu halten bei seinem Heerführer auf dem Hügel. Aus dem griechischen stratós für ‚Heer’ und ágein für ‚führen’ entsteht der Stratege, das Prinzip der Führung bleibt als semantisches Grundrauschen über die Jahrhunderte erhalten. Strategie ist seither nicht nur Heereswissenschaft, sondern vor allem Herrschaftswissen und deshalb so attraktiv. Militärtheoretiker sind in der Folge für viele zu Säulenheiligen geworden. Von Sun Zi über Niccolo Machiavelli bis Carl von Clausewitz zieht militärische Strategielehre auch immer mehr Kommunikationsfachleute in den Bann. Der Ertrag solcher Vergleiche ist Veraber oft fragwürdig. Letztendlich läuft es meist auf einen sehr einfachen Begriffstransfer hinaus. Unter Strategien versteht man langfristige Kommunikationskonzepte, Taktiken sind dagegen eher kurzfristige Bestandteile eines Kommunikationskonzepts. Operationen gehören in die Welt konkreter Maßnahmen. Diese Trias hat ohne Zweifel einen didaktischen Wert in der Konzeptionslehre. Für eine tatsächliche Strategiebildung greift sie aber zu kurz.
Strategie als Prozess
Was macht also eine gute Strategie aus? Zunächst beschreibt sie immer einen Weg und ein Ziel. Das ist zugleich die einfachste, aber seit vielen Jahren auch die am seltensten beherzigte Definition. Denn wenn man viele Strategien anschaut, beschreiben sie oft ein Ziel, manchmal einen Weg, selten beides. Meist geht es um strategisch aufgemotzte Maßnahmen. Um das Wesen von Strategie besser verständlich zu machen, muss diese Definition noch etwas geschärft werden. Strategie in der Unternehmenskommunikation baut auf langfristige, makrostrukturelle Planung. Sie leitet sich aus der Unternehmensstrategie her und ist ein wesentlicher Teil von ihr. Kommunikationsstrategen setzen an der langfristigen Vision eines Unternehmens an, formulieren diese für die Öffentlichkeit und leiten Botschaften und Taktiken für die verschiedenen Produkt- und Unternehmensbereiche, für verschiedene Regionen und Absatzmärkte und die unterschiedlichen Stakeholder- Gruppen ab.Wie jede Strategie, so muss auch die Kommunikationsstrategie kontinuierlich an die kommunikative Realität angepasst werden. Strategie ist aus dem Grund auch und vor allem ein Prozess, Strategieberatung ist Prozessberatung. Inzwischen existiert eine Reihe von Instrumenten, Schemata und Prozessdefinitionen, die einen Strategieprozess wesentlich erleichtern. Jede Strategie beginnt mit solider Analyse – der eigenen Strukturen und des Wettbewerbs. Dabei werden Entwicklungen antizipiert und durchgespielt. In regelmäßigen Zyklen, mindestens aber vierteljährlich, sollten Strategien überprüft und neu justiert werden. Dafür benötigt man Tools und Strukturen, vor allem aber auch ein vertieftes Verständnis aller Beteiligten, wie man Strategien steuern, taktisch unterfüttern und in konkrete Operationen übersetzen kann. Die Erfahrung zeigt: Ein unabhängiger Blick auf das Unternehmen ist wertvoll, externe Moderation kann zu einem wesentlichen Erfolgsfaktor werden.
Nebenkriegsschauplätze
Wenn man diesen Strategiebegriff als Basis nimmt, kann man aus der klassischen Strategiediskussion manches in die kommunikative Praxis übertragen. Immer wieder wurde beispielsweise versucht, strategische Handlungsmuster zu klassifizieren. Für Strategie-Coachings sind sie durchaus von Wert. Ein Beispiel zeigt allerdings, worauf es dabei ankommt. „Im Osten lärmen, im Westen angreifen“ ist ein solches strategisches Handlungsmuster aus der chinesischen Strategielehre (von Senger 2004). Alltagssprachlich ist es auch als „Ablenkungsmanöver” oder „Nebenkriegsschauplatz“ bekannt. „Wer seinen Kontrahenten in Scharmützeln auf einen Nebenkriegsschauplatz verstrickt“, schreibt Rainer Zimmermann (2011), „lenkt von der entscheidenden Schlacht ab, bindet feindliche Ressourcen und schwächt den Gegner im Kulminationspunkt des Geschehens.“ So starteten beispielsweise die Amerikaner 1943 eine Operation, um die deutsche Aufklärung über den Ort und den Beginn einer möglichen Invasion des westeuropäischen Festlands im Unklaren zu lassen. Zu diesem Zweck wurde eine fiktive ?. US-Heeresgruppe mit Panzerattrappen und allem, was dazugehört, erfunden. In gefälschten Funksprüchen gab man General Patton als Kommandeur aus und verbreitete verschiedene Landungsmöglichkeiten vom Pasde- Calais bis Norwegen. Um die Illusion perfekt zu machen, funkte man Meldungen über Hochzeitstermine und Sportereignisse der erfundenen Soldaten. Durch solche Täuschungsmanöver gelang es, wichtige Truppenteile der Wehrmacht an Nebenschauplätze zu binden und vom tatsächlichen Invasionsort in der Normandie fernzuhalten. Dieses Vorgehen lässt sich auf die Kommunikation übertragen. So eröffneten beispielsweise die Republikaner im amerikanischen Wahlkampf einen klassischen Nebenschauplatz in der Auseinandersetzung um die allgemeine Krankenversicherung. Sie versuchten, die Debatte in eine kultur- und religionspolitische Gretchenfrage umzumünzen: „Würde eine allgemeine Krankenversicherung Abtreibungen und Geschlechtsumwandlungen zahlen?“ Die Demokraten wurden so aus einem Territorium sozialpolitischer Gerechtigkeit und vermeintlicher Stärke an einen Ort polarisierter Entscheidung über die kulturelle Identität der USA gezwungen, eine Sphäre, in der die Republikaner die Ressentiments vor allem des Bible Belts historisch immer schon besser bedienen konnten. Die vielen weißen, heterosexuellen, männlichen Arbeiter der USA, die eigentlich für die Krankenversicherung sind, wurden zum Nebenkriegsschauplatz ihres Kulturkonservativismus geführt, wo die Schlacht für die Demokraten dann nicht mehr zu gewinnen war.“ (Zimmermann 2011)
Fazit
Solche argumentativen Figuren sind wirksam, in der rhetorischen Tradition oft beschrieben und noch öfter angewandt worden. Wenn wir zugestehen, dass Strategien makrostrukturell, langfristig und prozessual ausgerichtet sind, dann haben solche Strategeme, Listen, Tricks oder Sophismen zwar taktische Bedeutung. Sie helfen dabei, Strategien zu aktualisieren und operationalisierbar zu machen. Eine Kommunikationsstrategie ersetzen sie allerdings nicht. Erfolgreiche Kommunikationsstrategen versuchen daher, beides in einem geregelten Prozess zu verbinden – langfristige Orientierung und taktische Finesse.
Merkmale der Strategie
1. Eine Kommunikationsstrategie ist immer langfristig orientiert. Das kurzfristige Denken ist dem Strategischen wesensfremd. Daher ist auch das Schlachtfeld als Analogie völlig ungenügend.
2. Eine Kommunikationsstrategie ist makrostrukturell. Sie beschreibt keine Details oder Maßnahmen. Sie beschäftigt sich mit dem Großen und Ganzen und versucht, langfristig Rahmenbedingungen zu beeinflussen.
3. Eine Strategie bildet die Grundlage, kurz- oder mittelfristige Taktiken abzuleiten und konkrete Handlungen an ihnen auszurichten. Eine Strategie kann Taktiken beinhalten – muss sie aber nicht.
4. Eine Strategie passt sich den Gegebenheiten an. Sie analysiert die Lage, den Wettbewerb, Herausforderungen, Position und Potenzial eines Unternehmens und antizipiert langfristige Entwicklungen und Widerstände. Vor allem aber muss sie den Pfad der Einzigartigkeit finden und beschreiten.
5. Eine Strategie berücksichtigt nicht nur die eigenen Kommunikationsinteressen und -ziele. Sie berücksichtigt auch die wandelnden Interessen der Rezipienten. Kommunikationstheoretisch gesagt: Eine Strategie ist nicht nur senderorientiert, sondern auch empfängerorientiert.
6. Eine Strategie ist prozessorientiert. Gerade weil sie wandelnde Sender- und Empfängerinteressen antizipiert, ist sie nicht in Stein gemeißelt. Ein kontinuierlicher Strategieprozess bildet die Grundlage, Strategien anzupassen, weiterzuentwickeln und deren Umsetzung zu kontrollieren.


















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