Mehr Gefälligkeiten bitte!

Mehr Gefälligkeiten bitte!
Glosse pressesprecher 2/2012
15. April 2012

„Bei der Bahn darf niemand mehr wulffen“ höhnte die „taz“. Nach acht Jahren schafft die Bahn nun ihren Presserabatt ab. Bislang konnten Journalisten die Bahncard 50 für die Hälfte des Normalpreises bekommen. Inzwischen sei das nicht mehr zeitgemäß, teilte die Bahn ihren schreibenden Kunden mit. „Nicht nur die Medienwelt hat sich grundlegend verändert, auch die gesellschaftliche Sicht der Dinge wandelt sich, ebenso die Diskussionen innerhalb des Berufsstandes.“ Das hat gesessen, das schmerzt. Doch ein paar Weltverbesserern reicht das nicht. „Journalistenrabatte sind anachronistisch. Unternehmen sollten nicht auf bessere Berichterstattung schielen, indem sie Journalisten potenziellen Interessenkonflikten aussetzen“, sagte Jürgen Martin, Vorstandsmitglied von Transparency International. Ok, lassen wir mal die moralinsaure Empörung beiseite. Schließlich muss jede Edelfeder selbst wissen, ob sie die Gaben annimmt oder nicht. Dennoch lohnt es sich, über ein Ende der Journalistenrabatte nachzudenken. Das eigentliche Problem ist ein anderes – Presserabatte sind schlicht wirkungslos. Denn einige erhaschen das Bahnticket zum halben Preis oder stauben gleich den Sportflitzer mit 20 Prozent Preisnachlass ab, ohne eine Gegenleistung zu bringen. Und so flirtet der undankbare Schreiberling beispielsweise zum Sonderpreis in Dating-Portalen und gibt noch nicht einmal Auskunft über die Erfolge, sondern beruft sich stattdessen auf die „journalistische Ethik“. Liebe Unternehmen, das System schützt Trittbrettfahrer. Publizistische Gefälligkeiten machen so keinen Spaß. Wie wäre es stattdessen mal wieder mit Geschenken? Es muss ja nicht gleich ein Umschlag sein. Ach übrigens, die pressesprecher-Redaktion benötigt mal wieder Schokolade, Druckerpapier und funktionierende Kugelschreiber.

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