Hauptsache in Bewegung

Hauptsache in Bewegung
Vielstimmig, heterogen und sehr menschlich – in der Öffentlichkeit wirkt die Occupy-Bewegung sympathisch und unkompliziert. Jeder kann mitmachen, sie sind „die 99 Prozent“. Dass so viele für sie sprechen, stört niemanden: Kommunikation funktioniert offenbar auch mit vielen Gesichtern, ohne Anführer und Pressestelle.
2. Dezember 2011

Sie lassen sich nicht vor einen Karren spannen, weder von einer Partei noch einer NGO.Und gegen ihre Ziele kann eigentlich niemand etwas haben: eine bessere Welt, ohne Finanzkapitalisten und Börsenspekulanten. Axel Fialka, Mitglied des Frankfurter Occupy-Camps, beschrieb das in einem „Spiegel“-Interview einmal so: „Es hat wenig Sinn,einen Fisch aus einem Schwarm herauszugreifen und zu fragen,wohin er schwimmt. Der ganze Schwarm ist sich einig, er will vor den Raubfischen fliehen und in einem lebensfreundlicheren Klimaleben.“ Viel genauer lässt sich die Richtung, in der sie schwimmen,nicht fassen. Das Wichtigste: Man ist vernetzt. Facebook, Twitter,die spontanen ‚Assambleas‘– Versammlungen – in den Protestcamps,die großen Demonstrationenseit Mitte Oktober zeugendavon, dass es viele sind, die sichbewegen. Das sagt auch die freie Journalistin Ilona Koglin, die Ende Oktober mit einem Kamerateam auf einer Reise quer durch Deutschland mehrere Occupy-Camps besucht hat: „Stuttgart 21,die Anti-Atomkraft-Demos und nun die Occupy-Aktivisten zeigen,dass die Deutschen viel bewegt– und dass sie viel bewegen wollen.“ Warum können sie sich so lange ohne eine feste Struktur,ein wieder erkennbares Gesicht,einen Sprecher halten? Wut kannein Auslöser sein, sich spontan zusammenzufinden – Wut gegenein ungerechtes Finanzsystem,gegen Nahrungsmittelspekulanten,gegen den ‚Casino-Kapitalismus’,aber sie kann eine Bewegungauf die Dauer nicht tragen.Zwar schwimmt die Occupy-Bewegung  derzeit im Mainstream  – Kapitalismuskritik ist hip. Da stört es nicht, wenn intern ein  paar Meinungsunterschiede vorkommen.  Doch zwischen denen,  die erst einmal den ‚Menschen  an sich’ ändern wollen, bevor das  System sich ändert, und denen,  die das Bankensystem mit klaren Forderungen regulieren möchten,  wird es früher oder später  zum Dissens kommen müssen.  Einer der wenigen Augenblicke,  in denen die gesamte Bewegung  zu einem geschlossenen Auftreten  fand, war ausgerechnet der  Versuch des Volks- und Raiffeisenbankenverbands,  die Proteste  für die eigene Kommunikation zu  nutzen. Der Verband hatte großformatige  Anzeigen in deutschen  Tageszeitungen geschaltet, in denen  ein vor kurzem in Frankfurt  am Main entstandenes Foto von  Anti-Banken-Demonstranten zu  sehen war. Dazu prangte unter  dem Bild der Werbespruch der  Bankengruppe: „Jeder Mensch  hat etwas, das ihn antreibt.“ Die  Reaktion: einhellige Empörung.

Wohlwollende Berichte

Die Medien berichten überwiegend  positiv – auch das gibt der  Bewegung Beständigkeit. Die  New York Review of Books zitiert  einen Demonstranten mit  den Worten: „Es ist schlicht und  einfach ein Aufschrei, der durch  einen meilendicken Zynismus  gedrungen ist.“ Im Berliner „Tagesspiegel“  schreibt der von der  Linken enttäuschte Alt-68er  Peter Schneider: „Der Erfolg  der Bewegung wird davon abhängen,  ob sie wirklich die 99  Prozent vertritt und sich von  den Heilsbotschaften politischer  Trittbrettfahrer und Sekten fernhält.  Es genügt vollkommen,  immer wieder anzuklagen, was auf keinen Fall so weitergehen  kann.“ Viele unabhängige Kritiker  raten den Demonstranten,  sich vor falschen Freunden zu  hüten, die nur so tun, als würden  sie sie unterstützen, sie aber  instrumentalisieren wollen. Ihr  Vorteil sei es, dass sie gerade das  Unmögliche fordern, dass sie  das Recht zu träumen einklagen,  und sich nicht in eine Reihe von  kleinlichen Programmpunkten  verlieren. Schließlich wirkt sich  auch die globale Vernetzung aus.  „Menschen, die vorher dachten,  sie seien allein, schöpfen den  Mut und die Hoffnung, dass sie  gemeinsam etwas bewegen können“,  sagt Christine, eine der Organisatorinnen  in Leipzig. Der  Kuscheleffekt – „wir sind nicht  allein“ – trage von New York über  Kairo, Tripolis, Madrid, Rom,  Athen und London bis nach Berlin.  Aber wenn es darum geht,  was an die Stelle des verabscheuten  finanzkapitalistischen Systems  treten soll, so der slowenische  Kulturkritiker Slavoj Žižek  in der „Süddeutschen Zeitung“,  werde sich die Bewegung den  „wirklich schwierigen Fragen“  widmen müssen. „Fragen, die  sich darum drehen, was wir wollen,  und nicht mehr, was wir nicht  wollen. Welche Gesellschaftsform  ist imstande, den bestehenden  Kapitalismus zu ersetzen?  Von welchem Schlage müssen  die neuen Anführer sein?“ Wie  langlebig eine solche Bewegung  sein kann, ist umstritten. Zyniker  werden darauf verweisen, dass  politische Parteien und Organisationen  genau an diesem Punkt  spontane Bewegungen eingefangen  haben. Die Anti-Atom-  Bewegung landete bei den Grünen,  die Hartz-4-Proteste gingen  in der PDS – später ‚Die Linke’  – auf, die Globalisierungsgegner  fanden in Attac ihre gemeinsame  Plattform. Wird es der Occupy-  Bewegung genauso gehen? Es  gibt einen Unterschied: Occupy- Anhänger sind horizontal viel  besser vernetzt. Über die diversen  digitalen Kanäle können sie  noch während einer Aktion die  aktuelle Berichterstattung verfolgen.  Damit haben sie auch ein  Stück weit die mediale Deutung  ihres Vorgehens in der Hand.  Das ist auch am Beispiel der ‚Piraten‘-  Partei sichtbar geworden.  Auch sie haben kein fest umrissenes  Programm und stützen  sich auf eine diffuse Basis, die  spontan zusammenkommt.  Trotzdem wurden sie ins Berliner  Abgeordnetenhaus gewählt  und ihre Chancen, in den nächsten  Bundestag einzuziehen, stehen  derzeit nicht schlecht. Und  noch ein Unterschied ist signifikant:  Wenn es um den Kapitalismus  und seine Abschaffung  ging, standen sich in früheren  Zeiten Maoisten und Revisionisten,  Trotzkisten und Stalinisten,  Sozialisten und Anarchisten  unversöhnlich gegenüber. Heute  sind sich alle irgendwie einig,  dass es mit dem Kapitalismus so  nicht weitergehen kann – ob er  reformierbar ist oder gleich abgeschafft  gehört, ist egal. Hauptsache,  es bewegt sich etwas. Und  so lange niemand weiß, was  danach kommen wird, braucht  man auch keine feste Organisationsform  – oder Sprecher.

 

Weitere Artikel: 
Ausgabe: 8 / 2011 - Beziehungen

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