Prozent der Geschäftsführer deutscher Großunternehmen glauben, dass ihre eigene Kommunikationsleistung für den Firmenerfolg bedeutender ist, als die ihrer PR-Abteilung. In einer Studie der Universität Leipzig, der Humboldt-Universität und des F.A.Z.-Instituts gaben die Chefs weiterhin an, ein Zehntel ihrer Arbeitszeit auf strategische Kommunikation zu verwenden.
Hauptsache in Bewegung
Ausgabe: 8 / 2011 - Beziehungen
Sie lassen sich nicht vor einen Karren spannen, weder von einer Partei noch einer NGO.Und gegen ihre Ziele kann eigentlich niemand etwas haben: eine bessere Welt, ohne Finanzkapitalisten und Börsenspekulanten. Axel Fialka, Mitglied des Frankfurter Occupy-Camps, beschrieb das in einem „Spiegel“-Interview einmal so: „Es hat wenig Sinn,einen Fisch aus einem Schwarm herauszugreifen und zu fragen,wohin er schwimmt. Der ganze Schwarm ist sich einig, er will vor den Raubfischen fliehen und in einem lebensfreundlicheren Klimaleben.“ Viel genauer lässt sich die Richtung, in der sie schwimmen,nicht fassen. Das Wichtigste: Man ist vernetzt. Facebook, Twitter,die spontanen ‚Assambleas‘– Versammlungen – in den Protestcamps,die großen Demonstrationenseit Mitte Oktober zeugendavon, dass es viele sind, die sichbewegen. Das sagt auch die freie Journalistin Ilona Koglin, die Ende Oktober mit einem Kamerateam auf einer Reise quer durch Deutschland mehrere Occupy-Camps besucht hat: „Stuttgart 21,die Anti-Atomkraft-Demos und nun die Occupy-Aktivisten zeigen,dass die Deutschen viel bewegt– und dass sie viel bewegen wollen.“ Warum können sie sich so lange ohne eine feste Struktur,ein wieder erkennbares Gesicht,einen Sprecher halten? Wut kannein Auslöser sein, sich spontan zusammenzufinden – Wut gegenein ungerechtes Finanzsystem,gegen Nahrungsmittelspekulanten,gegen den ‚Casino-Kapitalismus’,aber sie kann eine Bewegungauf die Dauer nicht tragen.Zwar schwimmt die Occupy-Bewegung derzeit im Mainstream – Kapitalismuskritik ist hip. Da stört es nicht, wenn intern ein paar Meinungsunterschiede vorkommen. Doch zwischen denen, die erst einmal den ‚Menschen an sich’ ändern wollen, bevor das System sich ändert, und denen, die das Bankensystem mit klaren Forderungen regulieren möchten, wird es früher oder später zum Dissens kommen müssen. Einer der wenigen Augenblicke, in denen die gesamte Bewegung zu einem geschlossenen Auftreten fand, war ausgerechnet der Versuch des Volks- und Raiffeisenbankenverbands, die Proteste für die eigene Kommunikation zu nutzen. Der Verband hatte großformatige Anzeigen in deutschen Tageszeitungen geschaltet, in denen ein vor kurzem in Frankfurt am Main entstandenes Foto von Anti-Banken-Demonstranten zu sehen war. Dazu prangte unter dem Bild der Werbespruch der Bankengruppe: „Jeder Mensch hat etwas, das ihn antreibt.“ Die Reaktion: einhellige Empörung.
Wohlwollende Berichte
Die Medien berichten überwiegend positiv – auch das gibt der Bewegung Beständigkeit. Die New York Review of Books zitiert einen Demonstranten mit den Worten: „Es ist schlicht und einfach ein Aufschrei, der durch einen meilendicken Zynismus gedrungen ist.“ Im Berliner „Tagesspiegel“ schreibt der von der Linken enttäuschte Alt-68er Peter Schneider: „Der Erfolg der Bewegung wird davon abhängen, ob sie wirklich die 99 Prozent vertritt und sich von den Heilsbotschaften politischer Trittbrettfahrer und Sekten fernhält. Es genügt vollkommen, immer wieder anzuklagen, was auf keinen Fall so weitergehen kann.“ Viele unabhängige Kritiker raten den Demonstranten, sich vor falschen Freunden zu hüten, die nur so tun, als würden sie sie unterstützen, sie aber instrumentalisieren wollen. Ihr Vorteil sei es, dass sie gerade das Unmögliche fordern, dass sie das Recht zu träumen einklagen, und sich nicht in eine Reihe von kleinlichen Programmpunkten verlieren. Schließlich wirkt sich auch die globale Vernetzung aus. „Menschen, die vorher dachten, sie seien allein, schöpfen den Mut und die Hoffnung, dass sie gemeinsam etwas bewegen können“, sagt Christine, eine der Organisatorinnen in Leipzig. Der Kuscheleffekt – „wir sind nicht allein“ – trage von New York über Kairo, Tripolis, Madrid, Rom, Athen und London bis nach Berlin. Aber wenn es darum geht, was an die Stelle des verabscheuten finanzkapitalistischen Systems treten soll, so der slowenische Kulturkritiker Slavoj Žižek in der „Süddeutschen Zeitung“, werde sich die Bewegung den „wirklich schwierigen Fragen“ widmen müssen. „Fragen, die sich darum drehen, was wir wollen, und nicht mehr, was wir nicht wollen. Welche Gesellschaftsform ist imstande, den bestehenden Kapitalismus zu ersetzen? Von welchem Schlage müssen die neuen Anführer sein?“ Wie langlebig eine solche Bewegung sein kann, ist umstritten. Zyniker werden darauf verweisen, dass politische Parteien und Organisationen genau an diesem Punkt spontane Bewegungen eingefangen haben. Die Anti-Atom- Bewegung landete bei den Grünen, die Hartz-4-Proteste gingen in der PDS – später ‚Die Linke’ – auf, die Globalisierungsgegner fanden in Attac ihre gemeinsame Plattform. Wird es der Occupy- Bewegung genauso gehen? Es gibt einen Unterschied: Occupy- Anhänger sind horizontal viel besser vernetzt. Über die diversen digitalen Kanäle können sie noch während einer Aktion die aktuelle Berichterstattung verfolgen. Damit haben sie auch ein Stück weit die mediale Deutung ihres Vorgehens in der Hand. Das ist auch am Beispiel der ‚Piraten‘- Partei sichtbar geworden. Auch sie haben kein fest umrissenes Programm und stützen sich auf eine diffuse Basis, die spontan zusammenkommt. Trotzdem wurden sie ins Berliner Abgeordnetenhaus gewählt und ihre Chancen, in den nächsten Bundestag einzuziehen, stehen derzeit nicht schlecht. Und noch ein Unterschied ist signifikant: Wenn es um den Kapitalismus und seine Abschaffung ging, standen sich in früheren Zeiten Maoisten und Revisionisten, Trotzkisten und Stalinisten, Sozialisten und Anarchisten unversöhnlich gegenüber. Heute sind sich alle irgendwie einig, dass es mit dem Kapitalismus so nicht weitergehen kann – ob er reformierbar ist oder gleich abgeschafft gehört, ist egal. Hauptsache, es bewegt sich etwas. Und so lange niemand weiß, was danach kommen wird, braucht man auch keine feste Organisationsform – oder Sprecher.

















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