Die Spendierhosen an

Aus dem Magazin:
Ausgabe: 1 / 2012 - Sprache
Die Spendierhosen an
Die Anzahl wohltätiger Organisationen in Deutschland nimmt jedes Jahr zu. Gleichermaßen wächst die Forderung der Spender nach Transparenz. Viele wohltätige Vereine geraten jedoch in Erklärungsnot, wenn plötzlich etwas schief läuft.
7. Februar 2012

Berlin, Alexanderplatz. Es ist mitten in der Adventszeit. Gleich dort, wo sich Menschenmassen in die Geschäfte und Kaufhäuser drängen, stehen sie dicht an dicht in der Kälte. „Eine kleine Spende zur Rettung des Regenwalds?“, fragt ein junger Mann und rasselt mit seiner Blechbüchse. Wie jedes Jahr verbuchen Spendensammler in dieser Zeit ihre höchsten Einnahmen. Dabei wirbt eine stetig steigende Anzahl an Organisationen um die Gunst der Spender. Nach Schätzungen des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI) betreiben rund 20.000 gemeinnützige Organisationen aktiv Fundraising. Durchschnittlich 2,8 Milliarden Euro spenden die privaten Haushalte jährlich, Tendenz steigend. Das Angebot an gemeinnützigen Organisationen wird dabei jedoch nicht nur immer größer, sondern auch unübersichtlicher. Um sich auf dem Spendenmarkt orientieren zu können, fordern die Bürger zunehmend eine transparente Haushaltsführung. „Unsere Spender fragen bewusster nach, wie ihr Geld eingesetzt wird – das hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Und wir befürworten diese Entwicklung“, sagt Rainer Lang, Pressesprecher von Brot für die Welt. Um den Spendern gezielt Fragen zum Einsatz ihres Geldes beantworten zu können, ist Lang bei vielen Projekten, wie zuletzt bei der Diakonie Katastrophenhilfe in Somalia, persönlich vor Ort. Auch wenn die Organisation an den Einsatzorten Nahrung auf dem Großmarkt einkauft, ist Lang dabei. „Nur so kann ich wirklich nachvollziehen, wie wir das Geld der Spender verwenden und dies dann auch gezielt nach außen kommunizieren“, sagt er. Doch wie transparent arbeiten wohltätige Organisationen in Deutschland tatsächlich? Gerade Vereine, die ihr Engagement in der Öffentlichkeit publik machen, können schnell in Kritik geraten.  

In der Kritik

Kurz vor Weihnachten 2010 hatte die unter Schirmherrschaft von Stephanie zu Guttenberg gegründete Organisation Innocence in Danger harsche Kritik einstecken müssen. Die „Frankfurter Rundschau“ warf dem Verein zum Schutz von Kindern mangelnde Transparenz ihrer Finanzen vor. Die Organisation habe weder das Gütesiegel des DZI, noch einen öffentlichen Finanzbericht. Auch sei die praktische Umsetzung der Spendengelder undurchsichtig. Journalist Matthias Thieme, der mit seinem Artikel in der „Frankfurter Rundschau“ das Medienecho  rund um Innocence in Danger losgetreten hatte, zeigt sich über die damalige Reaktion der Organisation überrascht: „Nachfragen von uns blieben lange unbeantwortet. Erst als ein kritischer Bericht erschien, gab die Organisation einzelne Finanzzahlen heraus – allerdings nicht an uns, sondern an andere Medien. Gegen uns stellte man Strafanzeige wegen Verleumdung“, sagt Thieme. Der Redakteur beschreibt keinen Einzelfall. Auch etablierte Wohltätigkeitsorganisationen wie zuletzt die Berliner Treberhilfe sind bereits in Verruf geraten. Der Geschäftsführer Harald Ehlert war kritisiert worden, als er Obdachlosenheime mit einem Maserati als Dienstwagen besucht hatte. Auch die Organisation Unicef musste sich bereits dem Vorwurf der Veruntreuung von Spendengeldern stellen. Thieme, der auch an der Aufdeckung des Unicef-Spendenskandals im Jahr 2007 maßgeblich beteiligt gewesen war, sieht Parallelen in den Reaktionen der Organisationen. Unicef war damals vorgeworfen worden, verschwenderisch mit Spendengeldern umzugehen sowie fragwürdige Provisionen für Spendenvermittler zu zahlen. „Die Arbeit der Pressestelle war im Zuge der Affäre sehr konfus, widersprüchlich, aber auch ungewöhnlich aggressiv für eine Hilfsorganisation“, sagt Thieme, „Unicef hätte schnell die Reißleine ziehen und sagen können: ‚Wir haben verstanden’. Real wurde aber das Gegenteil gemacht: Mauern, verschanzen, Desinformation.“ Die Kommunikation der Unicef-Sprecher stand zu diesem Zeitpunkt in der Kritik. Rudi Tarneden, Pressesprecher von Unicef, erklärt die Reaktion der Organisation aus Sicht der Pressestelle: „Die Kommunikation war unbefriedigend für die Journalisten gleichermaßen wie für die Pressearbeiter. Da es damals ein Problem innerhalb der Führungsebene gab, waren intern Informations- und Entscheidungsprozesse für eine transparente und strategische Kommunikation blockiert. Wir wollten die Probleme genau benennen und klare Ziele formulieren können, dies dauerte jedoch und wurde in der Öffentlichkeit nicht verstanden.“ Matthias Thieme bewertet die Nachwirkungen der Unicef-Affäre jedoch positiv. „Als die Organisation ihr Gütesiegel und massenhaft Spender verlor, hat das auf die ganze Branche wie ein Weckruf gewirkt. Heute arbeitet nicht nur Unicef transparenter – auch viele andere Organisationen haben dazu gelernt“, sagt der Redakteur. Und tatsächlich: Unicef strukturierte sich neu und legte seine Finanzen offen. Schon bald nach der Affäre konnte der gemeinnützige Verein so das DZI-Spendensiegel zurück erhalten. 2010 gewann die Organisation sogar den Transparenzpreis von Pricewaterhouse Coopers.  Doch nicht nur Unicef, auch viele andere Vereine haben aus den Skandalen der Vergangenheit Konsequenzen gezogen. Wohltätige Organisationen nutzen heute insbesondere ihren Internetauftritt dazu, um Transparenz zu demon-strieren. Externe Organisationen wie Transparency International haben sich darüber hinaus als neutrale Kontrollinstanzen etabliert. Mit seiner „Initiative Transparente Zivilgesellschaft“ fordert die Internet-Organisation gemeinnützige  Spendenorganisationen dazu auf, ihren Umgang mit Spendengeldern transparent zu kommunizieren. Die von der Initiative aufgelisteten Richtlinien formulieren deutlich, welche Informationen ein gemeinnütziger Verein offenlegen muss, um als transparent zu gelten. Klare Angaben zur Organisation, ihren allgemeinen Zielen und ihrer genauen Haushaltsführung sind dabei ein absolutes Muss. „Gerade die ‚Kunden’ einer Hilfsorganisation sollen ja meist ohne eine Gegenleistung Geld spenden. ‚Verkauft’ wird im Prinzip das Gefühl, an einer guten Sache mitzuwirken“, sagt Thieme. Viele der etablierten Organisationen sind sich dessen sehr bewusst. Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) etwa setzt gerade bei aktuellen Katastrophen wie dem Tsunami in Japan auf die transparente Kommunikation aller Geschehnisse. In wöchentlichen Online-Statusberichten listet die Organisation genau auf wie viel Geld für welche Zwecke eingesetzt wird. Zudem erhalten alle regelmäßigen Spender viermal jährlich eine Verbandszeitung mit allen aktuellen Geschehnissen und Finanzberichten.
Und wenn doch einmal etwas schiefgeht? „Die schnelle und  lückenlose Aufklärung des Sachverhalts ist das Wichtigste“, sagt Fredrik Barkenhammar, Pressereferent des DRK, „schließlich basiert unsere Arbeit auf dem Vertrauen unserer Spender – und das möchten wir unter keinen Umständen verlieren.“

Weitere Artikel: 
Ausgabe: 1 / 2012 - Sprache

Kommentare

Kommentar verfassen

(wird nicht veröffentlicht)
  • Lines and paragraphs break automatically.
  • Each email address will be obfuscated in a human readable fashion or (if JavaScript is enabled) replaced with a spamproof clickable link.

More information about formatting options