Die Polizei, dein Freund auf Facebook

Die Polizei, dein Freund auf Facebook
Soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter sind bereits seit Jahren Bestandteil der Polizeiarbeit.
1. Oktober 2011

Warum es für die Polizei  hilfreich ist, in sozialen Netzwerken  zu fahnden, ist schnell  erklärt – dort erreicht sie die  Zielgruppe der unter 35-Jährigen.  Während über Tageszeitungen  oder Fernsehsender ein  anderes Publikum angesprochen  wird, kann die Polizei über Facebook  gezielt Informationen  verbreiten. Neben Vorteilen bei  der Fahndung hat die Präsenz im  Social Web noch einen anderen  Effekt. Der direkte Dialog zu den  Bürgern kann das Vertrauen zur  Polizei auf- und ausbauen. Die  Polizeidirektion Hannover startete  daher Mitte Februar einen  eigenen Auftritt auf Facebook.  Das Projekt lief besser als erwartet,  trotzdem ist unklar, ob der  Modellversuch weiter geführt  werden kann. Datenschutzbedingungen  und die Diskussion  um den „Like-Button” könnten  dafür sorgen, dass die Fahndung  über das soziale Netzwerk bald  wieder vorbei ist.  Die Polizei Hannover streift  seit mehr als sechs Monaten  durch das Netzwerk Facebook.  Von den Ergebnissen sind die  Verantwortlichen selbst überrascht:  „Die Fahndungserfolge  über diese Plattform sind bemerkenswert,  außerdem haben  wir mehr Nähe zu den Bürgern  geschaffen, besonders zu jungen  Menschen“, sagt Stefan Wittke,  Leiter Öffentlichkeitsarbeit der  Polizeidirektion Hannover. Ein  wichtiges Erfolgsrezept sei es,  manchmal auch etwas lockerer  in die Gespräche mit den Usern  zu gehen. Das Ergebnis – über  30.000 Fans und acht Fahndungserfolge.  Am Anfang des  Projekts hatten die Beamten Bedenken, vor allem bei der Kommentarfunktion.  „Wir hatten  Sorge, dass wir durch eine Flut  von Postings, Anrufen oder Mails  lahmgelegt werden. Das ist aber  ausgeblieben, unsere Fans sind  sehr hilfsbereit, aber auch durchaus  diszipliniert“, sagt Wittke.  Sowohl das Medienecho als auch  die Stimmen der Nutzer seien  fast durchweg positiv. „Auch  Kollegen aus anderen Städten  waren vor Ort, um mehr über das  Projekt zu erfahren“, sagt Wittke.  Neben den Erfolgen brachte  diese Präsenz aber auch Herausforderungen  mit sich. Nicht nur  das technische Einrichten des  Kontos mussten sich die Beamten  selbst beibringen. „Wir hatten  vorher kaum Erfahrung mit Facebook  und mussten überlegen,  wie wir mit dem Thema Interaktion  umgehen und beispielsweise  auf Kritik reagieren“, sagt Wittke.  Zurzeit arbeiten die Beamten der  Polizei Hannover etwa ein bis  zwei Stunden täglich an ihrem  Facebook-Auftritt, zuständig für  die Pflege ist die Pressestelle.

Enorme Transparenz

Die Rolle der Polizei zu definieren  und zu überlegen, wie mit  den Bürgern interagiert werden  soll, hält auch Sebastian Denef,  Wissenschaftler am Fraunhofer-  Institut für Angewandte Informationstechnik  (FIT), für die  größte Herausforderung beim  Einsatz der Polizei im Social Web.  Denef leitet das von der EU geförderte  Forschungsprojekt Composite,  das untersuchen soll, ob  und inwieweit organisatorische  und kulturelle Aspekte Veränderungsprozesse  in Polizeiorganisationen  beeinflussen. „Die Studie  zur Identifizierung des Einsatzes  von Social Media als zentrale Herausforderung  für europäische  Polizeiorganisationen ist ein Teil  des Projekts. Insgesamt haben  wir in zehn europäischen Staaten  Interviews geführt, um herauszufinden,  wie die Polizei dort  mit dem Thema Social Media  umgeht“, sagt Denef. Für die Polizeiarbeit  ergäben sich durch Facebook  und Co. große Chancen,  da über diese Plattformen eine  enorme Transparenz geschaffen  werden könne. „Social Media,  so zeigt unsere Studie, wird besonders  in den Niederlanden  und Großbritannien bereits aktiv  genutzt. Allerdings sehen viele  europäische Länder Social Media  als zentrale Herausforderung der  Zukunft“, sagt Sebastian Denef.  Die deutsche Polizei sei vor allem  aufgrund der Fahndungserfolge  im Web 2.0 aktiv, im Gegensatz  zu anderen europäischen Ländern,  die das Web eher nutzten,  um persönlichen Kontakt und  Vertrauen zwischen Polizei und  Bürgern herzustellen.  Auch andere Polizeidirektionen  in Deutschland sind überzeugt  vom Projekt und wollen  ebenfalls in den sozialen Netzwerken  aktiv werden. „Die Polizei  Hannover hat Pionierarbeit  geleistet. Wir verfolgen das Geschehen  auf Facebook und sind  begeistert von den Erfolgen“, sagt  Frank Millert, Pressesprecher  der Polizei Berlin. Ein derartiges  Projekt stehe auch bei ihm auf  der Agenda. „Natürlich dürfen  wir den Zug der neuen Medien  nicht verpassen, da uns der Kontakt  zu den Bürgern wichtig ist  und wir eine Vielzahl sonst über  kurz oder lang nicht mehr erreichen  würden“, sagt Millert. Es sei  allerdings wichtig, die Risiken  und Chancen abzuwägen. Im  Gegensatz zu ihren Kollegen in  Hannover stehe die Berliner Polizei  anderen Herausforderungen  gegenüber. Die Beamten müssten  solche Projekte genau planen und  viele Richtlinien festlegen, nach  denen sie arbeiten wollen. „Vorab  sind viele Fragen zu klären, denn  soziale Medien machen die Polizeiarbeit  öffentlich. Die Bürger  diskutieren und dokumentieren  plötzlich ihre Arbeit und setzen  sie unmittelbarer Kritik aus“, sagt  Denef. 

Übers Ziel hinaus

Polizeisprecher Stefan Wittke  rät seinen Kollegen, vor dem  Einsatz in sozialen Netzwerken,  die aktuelle Datenschutzdebatte  abzuwarten. „Die Fahndungserfolge  der Polizei über Facebook  dürfen nicht zu Lasten des  Nutzers gehen“, sagt Michael  Knaps, Landesbeauftragter für  Datenschutz in Niedersachsen.  Man dürfe nicht davon ausgehen,  dass alle Nutzer über die  Datenschutzbestimmungen bei  Facebook aufgeklärt seien. „Die  Polizei will alles an technischem  Fortschritt mitnehmen, schießt  dabei aber manchmal übers Ziel  hinaus“, sagt Knaps. Schließlich  vergesse das Internet nichts. Die  Polizei hält dagegen. „Natürlich  ist das Problem ernst zu nehmen.  Allerdings wird das Internet als  Fahndungsinstrument bereits  seit Jahren genutzt, zum Beispiel  über Presseportale“, sagt Wittke.  Auch der Datenschutz der Nutzer  steht zur Diskussion. Hintergrund  der Debatte ist der „Gefällt-  mir“-Button, mit dem auch  externe Webseiten außerhalb der  Facebookplattform eingebunden  werden. „Sobald man auf  einen Like-Button klickt, wird  die eigene IP-Adresse an Facebook  weitergeleitet, dazu muss  man noch nicht einmal dort angemeldet  sein“, sagt Knaps. Dann  würden beispielsweise sogenannte  Cookies auf der Seite des  Nutzers landen. Diese Cookies  werden unter anderem dafür  Aus der Perspektive einer  Überwachungskamera.  Bilder wie diese werden auf  Facebook als Fahndungsfotos  veröffentlicht.  verwendet, Benutzerprofile über  das Surfverhalten eines Users zu  erstellen. Auf ihrem Konto weist  die Polizei Hannover darauf hin,  dass die Nutzerdaten eventuell  ins Ausland übermittelt werden,  wo andere Datenschutzbestimmungen  herrschten als in der  EU. Einen „Gefällt-mir“-Button  hat die Polizei nicht auf ihrer  Seite. „Wir möchten natürlich,  dass unsere Mitteilungen verbreitet  werden. Wenn wir diese  dann löschen, werden auch alle  Verknüpfungen mitgelöscht“,  sagt Wittke. Michael Knaps  ist skeptisch und weist auf den  Kontrollverlust bestimmter Daten  hin: „Daten und Infos über  Personen werden zwar irgendwann  von der Polizei gelöscht,  können aber in der Zwischenzeit  von den tausenden Fans kopiert  und weiterverbreitet werden.“  Auf der Seite der Polizei  Hannover wurde mit den Usern  über das Thema Datenschutz  diskutiert. Viele Nutzer halten  diese Diskussion allerdings für  überflüssig: „Ich habe den Modellversuch  der Polizei Hannover  von Anfang an beobachtet.  Und ich bin begeistert. Ich frage  mich nur, warum jetzt so viel bürokratischer  Aufwand betrieben  werden muss, bis entschieden ist,  ob es weitergeht und ob weitere  Polizeidienststellen online gehen“,  sagt Manfred Jenkes, einer  der Nutzer. Mittlerweile hat die  Polizei Mecklenburg-Vorpommern  mit einem eigenen Account  nachgezogen. Ob die Polizei  Hannover auch weiterhin auf  Facebook zu finden sein wird,  müsse nun geklärt werden, sagt  Wittke. Ihren Abschlussbericht  hat die Polizeidirektion beim  Niedersächsischen Innenministerium  abgegeben. „Bis zur endgültigen  Entscheidung bleiben  wir auf jeden Fall online.“

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