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Szene: Glosse Hilferuf
von Johannes Graf

Ich bin verzweifelt und schäme mich. Weil ich seit Februar Mitglied bei openBC bin, der „Business-Networking-Community”, die in Zukunft den Namen xing tragen wird. Karriere machen soll man da können, tolle Kontakte knüpfen, frische Ideen austauschen. Das will ich auch alles, nur es passiert nichts. Es reden doch alle von Web 2.0 und Revolution und neuen Chancen, doch nach langem betretenem Schweigen frage ich endlich offen: Wie soll das gehen? Ich verstehe es einfach nicht.
Die Web-2.0-Leute sagen immer: Die neue Internet-Welt lebt vom Selbermachen. Das habe ich auch beherzigt. Abende lang saß ich vor meinem PC, habe Menschen gesucht und gefunden. Alte Freunde, ehemalige und aktuelle Kollegen, Mitschüler. Ein Ex-Klassenkamerad zum Beispiel ist jetzt Radio-DJ bei einem pfälzischen Dudelfunk. Ich mochte ihn noch nie. Jetzt habe ich wieder Kontakt zu ihm. Danke dafür.
Im Büro war ich der Vorreiter, kam mir sehr modern vor. Die Kollegen habe ich schon angesteckt, sind jetzt auch alle dabei. Einziges Ergebnis: Der „Ich-habe-ein-dickeres-Auto-als-Du“-Effekt. „Ich habe schon über 50 Kontakte!“, prahlte ich kürzlich. „Ha, lachhaft, mit mir wollen sich schon über 70 verbinden“, war die Antwort. Ich habe aufgegeben, komme da nicht mit.
Anfangs war openBC ja noch lustig. Jetzt aber nervt es manchmal nur noch. Kennen Sie Nils Rüstmann? Ich auch nicht. Aber in der anfänglichen Kontaktsammelwut habe ich seine Anfrage angenommen. Jetzt lädt er mich alle drei Tage zu „Media Nights“, Golfturnieren und Ähnlichem ein. Herr Rüstmann, wenn Sie das lesen: Ich komme nicht!
Ich habe auch Freunde, die auf das Netzwerk schwören. Tolle Gruppen gebe es da, in denen man wertvolle Kontakte finden kann und – irgendwann – auch einen duften neuen Job. Ich wollte mich dann auch bei solchen Gruppen anmelden. Aber die meisten Titel schreckten mich durch akute Langeweile: „EL Folie – Das faszinierende Lichtmedium“, „Young Media Group“ oder „Honorarordnung Architekten Ingenieure“. Wirklich super fand ich „Industrieklettern – Seilzugangstechnik – Höhenarbeit“. Aber ich habe Angst, dass die mich nicht aufnehmen.
Ich mache da jetzt also seit einem halben Jahr mit. Außer alten Kumpels und Einladungen zu Veranstaltungen, die mich nicht interessieren, habe ich nichts gefunden, was mich karrieremäßig so richtig nach vorne schießen würde. Man helfe mir!


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